+
Aufmarsch der Kritiker - Mitte März vor dem Bayer-Standort bei Paris.

Glyphosat

Monsantos Freund-Feind-Schema

  • schließen

PR-Agenturen haben im Auftrag von Monsanto Listen mit Kritikern des Konzerns geführt. Die Konzernmutter Bayer bittet jetzt um Entschuldigung und verspricht Aufklärung.

Der Druck auf das Bayer-Management wächst. Die Tochter Monsanto macht immer mehr Ärger. Nun müssen sich die Leverkusener auch noch bei französischen Politikern und Journalisten für umstrittene Listen von Unterstützern und Kritikern der Agro-Chemie-Firma entschuldigen. Zugleich drohen immer höhere Schadenersatzforderungen in den USA. Um die Anleger zu besänftigen, wird der Verkauf von Unternehmensteilen forciert.

Der frühere Grünen-Politiker Matthias Berninger wird nun als Feuerwehrmann nach Paris geschickt. Der neue Leiter des Bereichs Public Affairs und Nachhaltigkeit soll klären, was vor der Übernahme von Monsanto in Frankreich gelaufen ist.

Die Pariser Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen gegen den 2018 übernommenen Saatgut- und Pflanzenschutzexperten eingeleitet, weil zwei PR-Agenturen im Auftrag von Monsanto Listen mit rund 200 Freunden und Feinden erstellt haben, die in verschiedene Kategorien eingeteilt wurden. Ziel soll laut französischer Medien gewesen sein, gegen Kritiker vorzugehen.

Im Nachbarland haben sich viele prominente Politiker gegen Monsanto positioniert. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind mehrere ausführliche Dokumentationen über die Gefahren des Unkrautvernichters Glyphosat gelaufen. Das Anlegen von Freund-Feind-Listen ist in Frankreich unter bestimmten Umständen verboten.

Bayer teilte mit, dass man Verständnis für Bedenken und Kritik habe. Aber es gebe derzeit keine Hinweise, dass die „Erstellung dieser Listen gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen hat“. Trotzdem werde eine Anwaltskanzlei beauftragt, die Praktiken von Monsanto zu untersuchen. Berninger habe den Auftrag, für Transparenz zu sorgen. Die Zusammenarbeit mit den „betreffenden externen Dienstleistern“ werde vorerst auf Eis gelegt. Zugleich weist Bayer darauf hin, dass der zuständige Manager „bereits kurz nach dem Abschluss der Übernahme von Monsanto das Unternehmen verlassen hat“.

In dem US-Unternehmen sind nicht nur in Frankreich fragwürdige Methoden bei der PR- und Lobbyarbeit angewandt worden. Vor allem ging es darum, den Vorwurf zu entkräften, dass Glyphosat bei Menschen, die mit dem „Totalherbizid“ hantieren, Krebs auslösen kann. In den USA sind mehr als 13 000 Klagen anhängig. In den ersten beiden Verfahren bekamen die Kläger in der ersten Instanz Recht. Derzeit wird als dritter Fall die Klage eines Ehepaars verhandelt, das nicht nur Schadensersatz von rund 55 Millionen Dollar verlangt, sondern auch eine Bestrafung wegen arglistiger Täuschung in Höhe von einer Milliarde Dollar. Analysten rechnen damit, dass die Glyphosat-Fälle Bayer mindestens fünf Milliarden Euro kosten werden.

Die Bayer-Aktie gab auch am Montag wieder nach. In den vergangenen zwölf Monaten hat sie fast 44 Prozent verloren, Buchwerte von mehr als 42 Milliarden Euro wurden vernichtet.

Branchenkenner vermuten, dass es Jahre dauern wird, bis sich das Unternehmen von dem Monsanto-Desaster erholen wird. Dabei sollte die Übernahme den Weg für eine Runderneuerung ebnen – mit einem Konzern, der sich auf die Sparten Pharma und Agro-Chemie konzentriert und alles andere verkauft, auch um Belastungen durch Monsanto zu schultern. Zur Disposition steht das Betreiben von Chemieparks, wo frühere Bayer-Sparten noch immer aktiv sind. Mehr als eine Milliarde Euro soll die Veräußerung einer 60-Prozent-Beteiligung an der Firma Currenta bringen, die Standorte in Leverkusen, Dormagen und Krefeld verwaltet. Mehrere Finanzinvestoren sollen sich bereits gemeldet haben.

Das gilt auch für das hochprofitable Geschäft mit Pharmaka für Tiere. Der Wert dieser Aktivitäten wird von Analysten bei einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro auf rund sieben Milliarden Euro taxiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare