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Modehaus Wöhrl kämpft gegen Insolvenz

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Das Modehaus Rudolf Wöhrl will mit einer Sanierung in Eigenregie eine drohende Insolvenz verhindern.
Das Modehaus Rudolf Wöhrl will mit einer Sanierung in Eigenregie eine drohende Insolvenz verhindern. © dpa

Das Nürnberger Modehaus Wöhrl kämpft gegen die Insolvenz. Warum es viele Traditionsfirmen in der Bekleidungsbranche so schwer haben. Unsere Antworten.

Ein weiteres mittelständisches Textilunternehmen steht am Abgrund. Mit einer Sanierung in Eigenregie will das Modehaus Rudolf Wöhrl eine Pleite verhindern. Wir erläutern, warum es viele Traditionsfirmen in der Bekleidungsbranche immer schwerer haben.

Wie sieht der Rettungsplan für die Firma Wöhrl aus?
Es ist ein so genanntes Schutzschirmverfahren geplant. Das Unternehmen mit seinen 2000 Beschäftigten und mit 34 Filialen in Süd- und Ostdeutschland ist zunächst einmal für drei Monate vor den Forderungen der Gläubiger geschützt, um sich sanieren zu können. Ein Insolvenzverfahren wird damit erst einmal vermieden. Klar ist bislang, dass unrentable Standorte geschlossen und die Geschäfte im Internet ausgebaut werden sollen.

Welche Rolle spielt die Familie Wöhrl?
Eine entscheidende: Rudolf Wöhrl gründet 1933 ein Geschäft für Herren- und Knabenkleidung. 1949 fängt er noch einmal von vorne an. Es folgt eine lange Phase der Expansion. 1970 übergibt der Gründer das Unternehmen an seine Söhne Gerhard und Hans Rudolf. Letzterer steigt 2002 aus dem operativen Geschäft aus. Später verkauft er zudem seine Anteile an der Familien-AG. Danach sorgt er wegen seines Engagements in der Luftfahrtbranche für Schlagzeilen – seine Frau Dagmar sitzt für die CSU seit vielen Jahren im Bundestag. Gerhard Wöhrl gibt die operative Führung des Unternehmens 2010 ab. Sein Sohn Olivier übernimmt 2012 den Posten des Vorstandsvorsitzenden der Wöhrl AG. Diesen muss er nun räumen. Andreas Mach, bisher Aufsichtsratschef, steht jetzt an der Spitze des Unternehmens. Olivier Wöhrl bleibt als im Vorstand und soll die strategische Weiterentwicklung betreiben. Als Sanierungsexperte wird der Anwalt Christian Gerloff in die Führungsriege geholt. Er war der Insolvenzverwalter der Modefirmen Escada und Rena Lange. Die Familie ist überdies nun auch bereit, externe Anteilseigner ins Boot zu holen. Investoren werden aktiv gesucht.

Wie konnte es zu der Schieflage kommen?
Die Umsatze und die Erträge schwinden seit geraumer Zeit. Noch vor fünf Jahren machte Wöhrl im eigentlichen Geschäft noch einen Gewinn von 8,4 Millionen Euro. Für das am 31. Juli beendete Geschäftsjahr erwartet das Management einen Verlust, der noch über dem des Vorjahres liegen soll – damals kamen schon Miese in Höhe von einer Million Euro zusammen. Als Grund nennt das Management ein schwächeres operatives Geschäft. Um wieder profitabel zu werden, sollen Kosten gedrückt und neue Einnahmequellen erschlossen werden.

Wer nimmt Wöhrl die Kunden weg?
In der Textilbranche herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Mehrere Mittelständler sind in den vergangenen Monaten in die Knie gegangen. Bekanntestes Beispiel ist die Firma Steilmann, die im Frühjahr ihre Insolvenz erklären musste. Die traditionsreichen Firmen haben es mit extrem aggressiven Konkurrenten zu tun. Dazu zählen Inditex aus Spanien, der schwedische H&M-Konzern und die irische Primark-Gruppe.

Was machen die Konkurrenten besser?
Inditex ist inzwischen in jeder größeren Stadt mit mindestens einer Zara-Filiale vertreten. Die Spanier erobern immer mehr Verkaufsfläche in den Einkaufszonen. Die Manager folgen dem Grundprinzip, zu extrem günstigen Preisen Top-Modisches anzubieten. Die Gruppe reagiert extrem schnell auf neue Trends. Das macht sie vor allem für Jüngere attraktiv. Inditex ist ein internationaler, rasch expandierender Konzern. Shirts und Hosen werden in Asien, Osteuropa oder Nordafrika in riesigen Mengen für Zara produziert. Das macht das einzelne Stück günstiger. Die im Prinzip identische Strategie verfolgt H&M. Die Schweden operieren zudem mit einer ganzen Reihe von Marken, auch Cos oder Balmain gehören dazu. Die irische Primark-Gruppe hat das Prinzip noch einmal in Richtung Discount zugespitzt, mit Offerten wie drei T-Shirts für zehn Euro – da ist Wöhrl chancenlos. 

Lassen die Branchengrößen auch selbst fertigen?
Ja. Die drei Moderiesen haben die gesamte Wertschöpfungskette in den eigenen Händen. Von der Fertigung der Stoffe bis hin zu den eigenen Läden in den Fußgängerzonen.  Da lässt sich an vielem drehen, um auf Kundenwünsche einzugehen und um genau die Produkte in den Läden zu haben, die gerade gebraucht werden.

Wie steht es um die Aktualität der deutschen Mode?
Modeexperten werfen den deutschen Mittelständlern immer wieder vor, dass es ihnen an Modernität und Einzigartigkeit fehle. Viele hiesige Anbieter hätten es verschlafen, einen Grund zu finden, warum man sich mit ihnen identifizieren soll, sagte etwa kürzlich Annette Weber, die frühere Chefredakteurin des Modeblatts „Instyle“.  

Wie sind die Chancen, im Online-Markt zu punkten?
Gerade modebewusste Kunden kaufen immer häufiger im Internet ein. Haben sie es doch hier mit einer beinahe unendlichen Auswahl mit Bekleidung aus aller Welt zu tun, die rund um die Uhr zur Verfügung steht. Branchengrößen wie Hugo Boos können da mitspielen. Doch gerade hier fällt mangelnde Originalität besonders auf. Für Mittelständler ist es zudem sehr schwer, mit E-Commerce Geld zu verdienen, denn es braucht nicht nur eine Website, sondern auch einen aufwendigen logistischen Apparat, den sich kleinere Anbieter nicht leisten können.

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