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Modehäuser am Abgrund

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Wöhrl steht ein tiefer Einschnitt bevor. Das wissen auch der Vorstandsvorsitzende Andreas E. Mach (r.) und der Restrukturierungsvorstand Christian Gerloff.
Wöhrl steht ein tiefer Einschnitt bevor. Das wissen auch der Vorstandsvorsitzende Andreas E. Mach (r.) und der Restrukturierungsvorstand Christian Gerloff. © dpa

Steilmann, Wöhrl und andere deutsche Modehäuser sind in große Schwierigkeiten geraten. Zara, H&M und Primark graben ihnen das Wasser ab. Denn ihre Strategie ist einfach besser.

Erst im Frühjahr hatte das Modehaus Steilmann seine Insolvenz erklären müssen, nun steht die Bekleidungskette Rudolf Wöhrl am Abgrund. Mit einer Sanierung in Eigenregie soll gerettet werden, was noch zu retten ist. Doch klar ist ebenfalls: Häuser müssen geschlossen werden und ohne personelle Einschnitte wird es ebenfalls nicht gehen.

Ein tiefer Einschnitt steht dem traditionsreichen Modehaus bevor, das 1933 gegründet wurde. Auch in der Geschäftsführung kommt es zu einem Umbruch. Zwar wird die Gründerfamilie weiterhin eine Rolle spielen, aber erstmals steht an der Unternehmensspitze nun ein Externer. Was ist los im deutschen Modehandel, dass in den vergangenen Monaten mehrere Mittelständler in die Knie gegangen sind?

Der Textilhandel wird von einem gnadenlosen Wettbewerb geprägt. Die traditionsreichen Unternehmen haben es mit extrem aggressiven Konkurrenten zu tun. Dazu zählen Inditex (Zara, Massimo Dutti) aus Spanien, der schwedische H&M-Konzern und die irische Primark-Gruppe. Inditex ist inzwischen in jeder größeren Stadt mit mindestens einer Zara-Filiale vertreten. Die Spanier erobern immer mehr Verkaufsfläche in den Einkaufszonen.

Die Manager folgen dem Grundprinzip, zu extrem günstigen Preisen Top-Modisches anzubieten. Die Gruppe reagiert extrem schnell auf neue Trends. Das macht sie vor allem für Jüngere attraktiv. Inditex ist ein internationaler, rasch expandierender Konzern. Shirts und Hosen werden in Asien, Osteuropa oder Nordafrika in riesigen Mengen für Zara produziert. Das macht das einzelne Stück günstiger.

Die im Prinzip identische Strategie verfolgt H&M. Die Schweden operieren zudem mit einer ganzen Reihe von Marken, auch Cos oder Balmain gehören dazu. Die irische Primark-Gruppe hat das Prinzip noch einmal in Richtung Discount zugespitzt, mit Offerten wie drei T-Shirts für zehn Euro – da ist Wöhrl chancenlos.

Die drei Moderiesen haben die gesamte Wertschöpfungskette in den eigenen Händen. Von der Fertigung der Stoffe bis hin zu den eigenen Läden in den Fußgängerzonen. Da lässt sich an vielem drehen, um auf Kundenwünsche einzugehen und um genau die Produkte in den Läden zu haben, die gerade gebraucht werden.

Einzigartigkeit tut not

Den hiesigen Mittelständlern werfen Modeexperten hingegen immer wieder vor, dass es ihnen an Modernität und Einzigartigkeit fehle. Viele hätten es verschlafen, einen Grund zu finden, warum man sich mit ihnen identifizieren soll, sagte etwa kürzlich Annette Weber, die frühere Chefredakteurin des Modeblatts „Instyle“.

Dabei tut Einzigartigkeit not. Nicht nur im Kampf mit den großen Internationalen, sondern auch im Wettbewerb mit Discountern wie Aldi und Lidl, die inzwischen zu den größten deutschen Modehändlern zählen. Lidl eröffnet an diesem Donnerstag sogar einen temporären Laden in Hamburg am Neuen Wall, der edelsten Einkaufsstraße der Hansestadt, um die Aufmerksamkeit auf sein Textilangebot zu richten. In unmittelbarer Nähe: Bulgari, Jil Sander, Prada und Gucci.

Und auch im Internet müssen die Händler mit besonderen Angeboten punkten. Denn gerade modebewusste Kunden kaufen immer häufiger online ein. Haben sie es doch hier mit einer beinahe unendlichen Auswahl mit Bekleidung aus aller Welt zu tun, die rund um die Uhr zur Verfügung steht. Mangelnde Originalität ist hier ein großes Handicap.

Hinzu kommt, dass die logistischen Herausforderungen des Online-Shoppings enorm sind. Für den deutschen Mode-Mittelstand sind das keine guten Aussichten.

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