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Eben noch auf dem Laufsteg: Mit Leihmode ist der Kleiderschrank immer auf dem aktuellen Stand.

Mode-Leasing

Airbnb für Klamotten

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Fast Fashion war gestern: Die Hamburgerinnen Linda Ahrens und Tina Spießmacher haben im Sommer einen Online-Leasing-Service für Mode gegründet. Das soll nachhaltig sein und Abwechslung in den Kleiderschrank bringen.

  • Mieten statt kaufen: Der Online-Leasing-Service „Unown“ will Nachhaltigkeit und Abwechslung miteinander verbinden
  • Kundinnen können aus Mode-Kollektionen von Firmen wählen, die bestimmte Umweltstandards erfüllen
  • Zielgruppe: Menschen, die nachhaltiger leben und trotzdem Abwechslung im Kleiderschrank wollen

„Reduziere deinen Fashion-Footprint um 75 Prozent“, wirbt „Unown“ auf ihrer Website. Klingt gut, aber wie soll das funktionieren, wenn man trotzdem noch neue, angesagte Klamotten tragen möchte, fragen sich die Modefans. Wie wär’s mit mieten, statt ständig neu zu kaufen? Im Sommer haben Linda Ahrens und Tina Spießmacher ihren Online-Leasing-Service für Mode in Hamburg gegründet. „Das Neue ist, dass wir Nachhaltigkeit und Abwechslung miteinander verbinden“, sagt Ahrens. Die Firmen, aus deren Kollektionen die Kundinnen wählen können, erfüllen bestimmte Umweltstandards. Bislang sind das rund 100 Stücke. Unown will Menschen ansprechen, die weniger konsumieren und nachhaltiger leben wollen – und sich trotzdem Abwechslung in ihrem Kleiderschrank wünschen.

Kleidung mieten statt kaufen - für eine monatliche Gebühr

Modelle, bei denen Kunden vor allem Abendroben oder Cocktailkleider für besondere Anlässe mieten können, gibt es in Deutschland bereits einige. Bei „Chic by Choice“ etwa lassen sich 4000 Kleider für vier oder acht Tage bestellen. Bei „Dresscoded“ gibt es auch noch Dirndl, die Mietgebühr betrage 15 bis 20 Prozent des Verkaufspreises, heißt es auf der Website. Die Konditionen sind bei allen Anbietern ähnlich, meist zahlen die Kundinnen eine monatliche Gebühr, für die sie eine bestimmte Anzahl an Kleidungsstücken bekommen.

Bei Unown kann man vier Teile für rund 70 Euro im Monat erhalten. Oder man bestellt Einzelteile, der Preis liegt hier zwischen zwölf und 66 Euro. Das Konzept komme gut an, sagt Ahrens, manche Teile sind im Nu vergriffen. „Wir kaufen ja alle viel zu viel und tragen zu wenig“, so die 32-Jährige. Das hatten die beiden Gründerinnen auch bei sich selbst festgestellt.

Verbraucher machen sich Gedanken über den ökologischen Fußabdruck

Laut Greenpeace würden 40 Prozent in unserem Kleiderschrank selten oder nie getragen, sagt Ahrens. Das seien mehr als zwei Milliarden Stücke. Immer mehr Verbraucher machten sich Gedanken, welchen ökologischen Fußabdruck sie hinterlassen. Bei Lebensmitteln gebe sich ein großer Teil viel Mühe, kaufe Bioprodukte und regional, so Ahrens, aber shoppt dann bei Zara oder H&M.

Wer sich in ein Teil verliebt, kann die Mietdauer auch verlängern oder zu einem reduzierten Preis kaufen. Und was ist bei Löchern und Flecken? Die Kleider sind versichert, Versand und Reinigung kostenlos. Ein Kleidungsstück hat in der Regel vier bis acht Trägerinnen, je nach Langlebigkeit und Leasingdauer, sagt Ahrens. „Wir freuen uns, dass das Gros unserer Kundinnen gut mit der Kleidung umgeht und wir sie dadurch lange am Leben halten können.“ Finanzielle Unterstützung bekommt das Start-up von Investoren, in Berlin nehmen sie an einem Förderprogramm von APX (Axel Springer und Porsche) teil.

Der größte Anbieter im Bereich „Mode leihen“ ist in Deutschland nach eigenen Angaben Kilenda. Das Magdeburger Unternehmen biete vor allem Kinder- und Umstandsmode an, aber auch Spielzeug und Babyausstattung. Das Sortiment umfasst derzeit rund 7500 Produkte von mehr als 50 Marken. Seit 2018 kooperiert Kilenda auch mit Tchibo. Auf dem Ableger Stay awhile können Frauen nachhaltige Marken erstehen.

Wie lassen sich Altkleiderberge reduzieren?

Für Hendrik Scheuschner, der Kilenda 2014 gegründet hat, stand die Idee im Mittelpunkt, wie sich die Altkleiderberge reduzieren lassen. Der Firmenchef beobachtet, dass die Nachfrage nach gebrauchter Kleidung steigt. Die Wachstumsrate liege hier bei etwa zehn Prozent jährlich. Auch Kilenda wachse. „Ich denke, dass der Zeitgeist damit zu tun hat.“ Er sorge dafür, dass die Menschen weniger wegwürfen und sich mehr Gedanken machten, dass nachhaltig vielleicht besser ist als möglichst billig. Dieser Gedanke stehe dem Trend der Fast Fashion gegenüber, sagt Scheuschner.

Und dass die Modebranche, vor allem Fast Fashion, ein Problem hat, ist bekannt: Der hohe Ressourcenverbrauch, giftige Chemikalien und ausgebeutete Arbeiter sind nur die Spitze des Eisbergs. Doch noch wird Billigkleidung geshoppt. Deutsche Verbraucher kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr, tragen sie aber nur noch halb so lange wie vor 15 Jahren. Und dabei würde allein die Verlängerung der Lebensdauer unserer Kleidung von einem auf zwei Jahre die CO2-Emissionen um 24 Prozent reduzieren, hat Greenpeace ausgerechnet.

Spießmacher und Ahrens (v.l.).

Ende vergangenen Jahres kündigte nun einer der größten Fast-Fashion-Hersteller, H&M, an, ausgewählte Kleider und Röcke zu vermieten. Ob sie das nur der Umwelt zuliebe tun, ist fraglich. Der Konzern wird wissen, dass der Markt der Kleidervermietung wächst. Vorausgesagt wird, dass der Wert bis Ende 2023 weltweit auf 1,9 Milliarden Dollar (rund 1,73 Milliarden Euro) steigt. Das liegt vor allem an US-Unternehmen wie Le Tote oder Rent the Runway. In den USA machen Leihfirmen wie diese Milliardenumsätze und haben Millionen Abonnenten. Doch auch Modeketten wie American Eagle oder Urban Outfitters springen auf den Zug auf und verleihen Shirts, Röcke und Hosen.

Geteilt werden sich hierzulande bislang vor allem Fahrzeuge, Heimwerker- oder Gartenartikel. Flexible Mietmodelle wie Carsharing & Co. sind für die Mehrheit der Konsumenten in Deutschland interessant, zeigt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov von August. Zwei von fünf Deutschen haben Sharing-Angebote bereits genutzt (19 Prozent) oder haben es noch vor (19 Prozent). Die große Mehrheit der Nutzer (81 Prozent) plant, die Angebote in Zukunft häufiger zu nutzen.

Auch Otto verleiht Elektkroartikel, Möbel und mehr

Vor drei Jahren ist auch der Handelskonzern Otto in das Mietmodell eingestiegen und verleiht Elektroartikel, Möbel und mehr. Das Geschäft laufe gut, sagt Pressesprecherin Anna Remy von Otto Now. Besonders gefragt sind Kaffeevollautomaten, Waschmaschinen, E-Bikes und Drohnen. Genauso wie technische Geräte. Und warum leihen die Kunden? Zum einen wollten viele die neuesten technischen Gadgets ausprobieren, andere brauchten etwa eine Waschmaschine auf Zeit. Künftig Kleidung zu verleihen, stehe nicht auf dem Plan, sagt Remy. „Die Prozesse Aufarbeitung und Reinigung können wir nicht bieten.“

Das machen Firmen wie Myonbelle mit ihrer Idee des unendlichen Kleiderschranks. Rund 10 000 Mitglieder hat die Plattform, die Premiummarken und einige Designerstücke anbietet. Die Menschen seien immer bereiter für neue Konsummodelle, sagt Geschäftsführerin Nina Blasberg. Ihr Vorbild war einst Rent the Runway.

„Wir waren früh dran mit unserem Gedanken“, sagt Blasberg, 2016 ging ihre Seite online. Doch der große Durchbruch lasse noch auf sich warten. Der Markt sei immer noch ganz am Anfang. Blasberg rechnet mit weiteren fünf Jahren, bis das Konzept von der breiten Masse angenommen wird. Viele wollten eben doch noch nicht tragen, was andere schon anhatten. Dass Airbnb eine Alternative zu Hotels sein kann, sei schon in vielen Köpfen, erklärt Blasberg. Bei Kleidung sei das noch nicht so.

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