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Viele Smartphones haben heute nur eine kurze Nutzungsdauer.

Interview mit Alexander Bonde

Das Internet erzeugt so viel Emissionen wie der Flugverkehr

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Und die Bitcoin-Produktion verbraucht mehr Ressourcen als Dänemark. Das sagt Alexander Bonde, Chef der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, im Interview mit der FR. Außerdem: wie Laserstrahlen gegen Unkraut helfen und warum man mit Hurrikans nicht verhandeln kann.

Ein „Fairphone“ hat er nicht. Aber sein Handy ist immerhin schon drei Jahre alt, was in den Augen vieler Zeitgenossen schon fast mobilem Elektroschrott gleichkommt. Der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) allerdings sieht das anders. Alexander Bonde streitet dafür, die Digitalisierung nachhaltig und klimafreundlich zu machen. Dazu gehöre es, die Geräte langlebiger und reparaturfreundlich zu designen.

Herr Bonde, Ihre Stiftung unterstützt ein Projekt, bei dem Schüler lernen, kleinere Reparaturen an ihrem Smartphone oder Laptop selbst zu machen. Das Ziel davon ist...
… dass junge Leute wieder das handwerkliche Rüstzeug bekommen, um Dinge des täglichen Gebrauchs zu reparieren. Viele dieser Geräte haben heute nur eine kurze Nutzungsdauer. Das verschwendet enorme Mengen an Ressourcen. Handys zum Beispiel werden meist schon nach einem Jahr ersetzt, weil der Akku schlapp macht oder die Software veraltet ist. Dieser Zeitraum ließe sich deutlich verlängern.

Wie alt ist denn das Smartphone, das Sie selbst benutzen?
Fast drei Jahre. Funktioniert noch tadellos.

Oft werden die Geräte doch gewechselt, weil es neue Modelle gibt, die attraktiver erscheinen.
Richtig, aber meist ist der Unterschied so groß nun doch nicht. Wir vermitteln den jungen Leuten deshalb nicht nur Fertigkeiten beim Reparieren, sondern auch ein Grundwissen über den Ressourcenverbrauch. Man muss wissen: Die Welt lebt ja bereits von der Substanz. Wir verbrauchen mehr Rohstoffe als der Globus nachhaltig liefern kann. Der „Earth Overshoot Day“ rückt jedes Jahr etwas nach vorne. Inzwischen sind die nachhaltig verfügbaren Jahresressourcen in Deutschland schon Anfang Mai verbraucht. Wir haben deswegen Projekte wie das mit den Jugendlichen gefördert, aber auch andere zu Repair Cafés oder zu neuen Geschäftsmodellen für Unternehmen, bei denen die Produkte nicht mehr gekauft, sondern nur geleast und dann an den Hersteller zurückgegeben werden. Die „Sharing“-Idee, in der Wirtschaft breit umgesetzt, würde die Ressourcenlage enorm entspannen. Außerdem: Die jungen Leute aus den Reparatur-Kursen werden vielleicht die Ingenieurinnen und Ingenieure von morgen, die an der Lösung der ökologischen Probleme arbeiten.

Weg mit Elektroschrott und Stecker-Wirrwarr

Zum Beispiel Handys designen, deren Akku man selbst wechseln kann. Viele kaufen sich heute ein neues Gerät nur, weil die Batterie schlapp macht und der Akku-Umbau so teuer ist...
Eine völlig unnötige Elektroschrott-Quelle. Ich wünsche mir hier die nächste EU-Initiative, so wie sie den Stecker-Wirrwarr bei den Netzteilen für die Kleingeräte beendet hat. Das sind kleine Veränderungen mit großer Wirkung. Wir haben deswegen auch den Erfinder des „Fairphone“, Bas van Abel, mit unserem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet, weil das „Fairphone“ ein Musterbeispiel für nachhaltige Produktion von Elektrogeräten mit fair produzierten Rohstoffen ist. Beim „Fairphone“ können sie den Akku und andere Komponenten selbst austauschen.

Alexander Bonde ist Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Osnabrück.


Handys waren vor 30 Jahren eine Rarität, heute hat jeder eins, vernetzt per mobilem Internet. Die Digitalisierung wird zum Umweltkiller. Ist sie überhaupt noch steuerbar?
Es steckt eine riesige Chance in der Digitalisierung, aber es gibt auch ökologische Risiken. Technisch ist dadurch im Umweltschutz vieles möglich, wovon man früher nur geträumt hat. Wir können zum Beispiel Energieströme dadurch heute ganz anders steuern. Oder eine echte Kreislaufwirtschaft umsetzen, bei der gebrauchte Materialien weitgehend wiederverwertet werden und kein Müll mehr anfällt. Gleichzeitig müssen wir der Digitalisierung aber einen Rahmen geben, damit sie die Umwelt- und Klimaprobleme nicht noch potenziert. Die Rechenzentren, über die das Internet weltweit läuft, erzeugen inzwischen so viele Emissionen wie der internationale Flugverkehr und selbst ein Nischenprodukt wie die Digitalwährung Bitcoin so viel Energie wie Dänemark.

Die Gesundheitsbranche ist für mehr CO2-Emissionen verantwortlich als der Flugverkehr

Sollte man Bitcoin und Co. nicht einfach verbieten?
Eine Regulierung ist nötig. Es ist doch frappierend: Eine Bitcoin-Transaktion hat einen 150 000-mal so hohen Stromverbrauch wie eine Kreditkarten-Nutzung – und das bei einer Anwendung, die kaum einen Beitrag zur Lösung unserer heutigen Probleme liefert. Generell gilt aber: Der Verbrauch fossiler Energien muss einen angemessenen Preis bekommen, der sich am CO2-Ausstoß orientiert. Das ist der Schlüssel, um einerseits Auswüchse zu stoppen und die ja längst vorhandenen klimafreundlichen Innovationen schnell in den Markt zu bekommen. Das Klimaproblem ist so drängend, dass wir nicht so lange darauf warten dürfen, bis die CO2-Bepreisung irgendwann einmal weltweit eingeführt wird. Da ist die Politik auch in Deutschland gefragt, voranzugehen.

Angela Merkel schließt CO2-Bepreisung nicht mehr aus

In der großen Koalition ist das Thema aber sehr umstritten.
Kanzlerin Merkel schließt eine CO2-Bepreisung in den nicht vom Emissionshandel erfassten Bereichen für die Zukunft nicht mehr aus, das betrifft Gebäude und Verkehr. Ich hoffe, dass die Bundesregierung da nun auch tatsächlich springt. Nicht nur die Ökonomen raten dazu, sondern auch die Praktiker aus der Wirtschaft, die die klimafreundlichen Lösungen in den Markt bringen wollen. Wir brauchen einen CO2-Preis, weil wir sein Fehlen als Innovationshemmnis erleben und aktuell bei den jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht das Potenzial abgerufen wird, das eigentlich vorhanden ist.

Sie sagen: Die Digitalisierung bietet enorme Chancen zur Umweltentlastung. Wo liegen denn die größten Potenziale?
Zum Beispiel in Sharing-Modellen, der Kreislaufwirtschaft, neuen Geschäftsmodellen in der Mobilität oder in der Steuerung von Produktionsprozessen. Wir haben gerade ein Projekt mit einer Brauerei abgeschlossen, das enorme Einsparungen beim Energie- und Prozesswasser-Verbrauch bringt. Ich sage Ihnen aus eigener Erfahrung: Das Bier schmeckt genauso gut wie vorher. Ein anderes Feld sind die erneuerbaren Energien. Die Digitalisierung erlaubt es, kleine und mittlere Erzeuger und Abnehmer zu virtuellen Kraftwerken zusammenzuschließen, die verlässlich Strom liefern, aber auch, den Verbrauch so zu steuern, dass er besser an das schwankende Angebot beim Ökostrom angepasst ist und die teuren Stromspitzen wegfallen.

Laserstrahlen statt Chemie

Haben Sie ein digitales Lieblingsprojekt?
Ja, Pflanzenschutz auf den Äckern mit Laserstrahlen statt mit Chemie. Wir unterstützen das Laserzentrum Hannover beim Bau eines Demonstrators, der Nutzpflanzen und ungewünschte Pflanzen unterscheiden kann und letztere dann per Laserstrahl beseitigt. Das kann die Umweltschäden durch die chemischen Pestizide auf null bringen. Möglich wird das durch die Digitalisierung und enorm verbesserte Sensortechnik. Genau nach solchen Projekten suchen wir – und helfen, sie zu realisieren.

Die Digitalisierung birgt auch Gefahren. Beispiel Verkehr. Das Fraunhofer-Institut ISI sagt voraus, dass das volldigitalisierte, selbstfahrende Auto sogar mehr Verkehr erzeugen wird und Verkehrsanteile von Bussen und Bahnen abziehen kann.
Das Problem gibt es in vielen Bereichen. Das ist der sogenannte Rebound Effekt: Etwas wird effizienter, dann wird es vermehrt genutzt – und der Umwelt-Vorteil ist perdu. Das liegt aber nicht an der Digitalisierung! Der Verkehr ist bisher das große Sorgenkind der Umwelt- und Klimapolitik. Ökologische Gewinne durch Effizienz sind bisher immer durch schwerere, größere Autos und längere gefahrene Strecken aufgezehrt worden. Umso mehr kommt es darauf an, diese Entwicklung gut zu steuern. Dann können das selbstfahrende Auto und modernes Car-Sharing den Verkehrssektor zusammen mit intelligenten Konzepten für den ÖPNV sowie mehr Fahrrad- und Fuß-Verkehr klimafreundlich und sicher machen.

Wärme- und Stromverbrauch von Häusern optimieren

Anderes Thema: Smart Home – das intelligente Haus, das Heizung und Licht selbst steuert und mit Ökostrom per Wärmepumpe beheizt. Ist das die Lösung für den Gebäudebereich?
Man kann viel machen durch die Optimierung des Wärme- und Stromverbrauchs in den Häusern. Zum Beispiel die Heizung passgenau herunterregeln, wenn niemand zu Hause ist. Letzten Endes wird man aber ohne eine gute Dämmung der Gebäude und gegebenenfalls die Nutzung von Erneuerbaren Energien nicht hinkommen. Hier hapert es noch gewaltig. Unsere Stiftung hat das Konzept von regionalen „Modernisierungs-Bündnissen“ angestoßen. In 23 Städten und Kreisen werden die Hauseigentümer kommunal vor anstehenden Sanierungen über die richtigen Strategien beraten.

Was muss geschehen, um die Sanierung zu pushen? Schon seit Jahren wird ja über die steuerliche Förderung geredet.
Es braucht mehr Anreize für die Hauseigentümer, die energetische Sanierung anzupacken. Sie ist der wirkliche Schlüssel zum Erfolg. Deshalb sollte auch die lang diskutierte steuerliche Absetzbarkeit geschaffen werden. Wir in der DBU haben demonstriert, wie wirkungsvoll das Dämmen ist. Wir haben als Demonstration am Sitz unserer Stiftung in Osnabrück zwei Modellhäuser mit jeweils einem 200-Kilo-Eisblock aufgebaut, das eine gut, das andere schlecht gedämmt. Es war frappierend zu sehen, wie viel schneller der Block im ungedämmten Haus getaut ist – nach rund drei Wochen waren im gedämmten Haus noch 125 Kilogramm Eis, im ungedämmten nur noch 17. Bisher liegt die Häuser-Sanierungsquote bundesweit bei nur einem Prozent pro Jahr. Das müssen zwei Prozent oder mehr werden.

Deutschland ist unter anderem durch solche Verzögerungen beim Klimaschutz vom Vorreiter zum Nachzügler geworden...
...aber der Druck, die Kurve zu kriegen, wächst. Die Schülerstreiks von „Fridays for Future“ machen den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft jeden Freitag klar: Die junge Generation erwartet, dass viel schneller und konsequenter gehandelt wird. Das ist ein sehr ermutigendes Zeichen. Wir in der DBU sehen doch, wie viel Know-how zur Lösung des Klimaproblems schon da ist – und nur noch in die Umsetzung gebracht werden muss. Das ist eigentlich kein Hexenwerk.

Die eigenen Regeln des Klimawandels

Aber die Zeit wird knapp, bis 2030 müssen die CO2-Emissionen weltweit halbiert werden, um das 1,5-Grad Limit aus dem Paris-Weltklimavertrag zu halten. Deutschland schafft nicht einmal sein Klimaziel für 2020.
Viele in der Politik haben viele dieser Fragen viel zu lange liegen lassen und viele Partikular-Interessen haben sich lobbystark im Bremserhäuschen versammelt. Deswegen müssen wir jetzt die Wende innerhalb sehr kurzer Zeit hinbekommen. Das ist zwar machbar, denn die Technologien sind vorhanden. Nur muss jetzt alles viel schneller in die Umsetzung gebracht werden. Hätte man die Warnungen vor dem Klimawandel, die seit den neunziger Jahren jedermann bekannt sind, wirklich ernst genommen, wäre die nötige Transformation längst auf gutem Weg. Nun brauchen wir eine Kraftanstrengung sondergleichen.

Und warum ist bisher so wenig geschehen?
Das Schwierige für viele ist: Mit dem Klimawandel haben wir ein Problem auf dem Tisch, bei dem es keine Verhandlungslösung gibt. Man kann mit dem Klima keinen Kompromiss schließen, bei dem jede Seite etwas nachgibt. Der Klimawandel läuft nach seinen Regeln ab, egal, ob wir das als Menschen gut finden oder nicht. Das Politikmodell, bei dem über Streitpunkte verhandelt wird und man dann im Diskurs zu tragbaren Lösungen kommt, ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Aber im Umgang mit der Natur müssen wir erleben, dass die Natur hart und einseitig die Regeln setzt. Damit müssen wir umgehen.

Was heißt das?
Die Politik muss hier schnell umdenken. Es wird ja nicht für alle so schwierig sein wie für einen US-Präsidenten, der glaubt, das ganze Leben bestehe aus mehr oder minder schmutzigen Deals. Sie können mit einem Hurrikan nicht verhandeln und eine Überschwemmung nicht mit Überredungsversuchen aufhalten. Das ist harte Naturwissenschaft. Den Klimawandel kann man nur mit schneller CO2-Einsparung noch in bewältigbaren Bereichen von 1,5 Grad Erwärmung halten.

Interview: Joachim Wille

Zur Person

Alexander Bonde ist Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Osnabrück. Der gebürtige Freiburger war von 2011 bis 2016 Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg. Von 2002 bis 2011 war Bonde Bundestagsabgeordneter für die Grünen.

Die gemeinnützige und unabhängige DBU ist eine der größten Stiftungen Europas. Gegründet 1990, hat sie über 9700 Projekte mit rund 1,76 Milliarden Euro Fördervolumen unterstützt. Dabei geht es unter anderem um Erforschung, Entwicklung und Nutzung umweltentlastender innovativer Technologien und Produkte mit Modellcharakter.

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