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Jeff Bezos hat ein Vermögen von geschätzt 143 Milliarden Dollar angehäuft. Tendenz steigend.

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Amazon-Chef Jeff Bezos wird jeden Tag um 265 Millionen Euro reicher, während viele seiner Beschäftigten in den USA auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Für Jeff Bezos ist das Jahr bisher ganz gut gelaufen. Der Amazon-Chef hat seinen Besitz seit dem 1. Januar um gut elf Millionen Dollar mehren können – pro Stunde wohlgemerkt. An jedem einzelnen Tag zwischen Neujahr und dem 15. Juni 2018 machte der Gründer des weltweit größten Onlinehandelskonzerns im Schnitt 265 Millionen Dollar, pro Woche waren es 1,855 Milliarden. Summa Summarum ist der 54-Jährige seit Jahreswechsel um 44 Milliarden US-Dollar reicher geworden. So nimmt es nicht wunder, dass Bezos im neuen Global Wealth Report der Boston Consulting Group als mit Abstand reichster Mensch des Planeten aufgeführt wird. Sein Vermögen beläuft sich derzeit nach Angaben des Wirtschaftsnachrichtendienstes Bloomberg auf 143 Milliarden US-Dollar.

Microsoft-Gründer Bill Gates, viele Jahre Nummer eins der sattsam Begüterten, findet sich mit 92 Milliarden Dollar abgeschlagen auf Platz zwei. Grund zur Klage hat Bezos also nicht. Andere schon: Beschäftigte und Gewerkschaften, Verbraucherverbände und Datenschützer, Wettbewerbshüter und Umweltorganisationen kritisieren den Amazon-Konzern und sein Geschäftsgebaren seit Jahren. Denn den unfassbaren Gewinnen stehen nicht etwa eine vorbildliche Personal- und Umweltpolitik des Konzerns oder verbraucherorientierte Datenschutzbestimmungen zur Seite. Es scheint im Gegenteil so, als fuße Bezos’ Erfolg auf reichlich rüden Geschäftspraktiken. Was ist dran an den Vorwürfen? Oder anders: Wie wird man so reich?

Der Konzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt 178 Milliarden US-Dollar beschäftigt mittlerweile 566 000 Menschen weltweit – zu überwiegend niedrigen Löhnen, die die Unternehmensleitung in Eigenregie festlegt. Nach Gutsherrenart, wie Gewerkschaften kritisieren. Der Durchschnittsverdienst der US-Beschäftigten lag 2017 laut Amazon bei 28 446 Dollar pro Jahr und damit nur unwesentlich über der offiziellen US-Armutsgrenze von 26 208 Dollar für eine vierköpfige Familie. Bezos benötigt lediglich 90 Sekunden, um seinen Besitz entsprechend zu mehren.

Auch ein Vergleich mit der Gehaltsstruktur anderer amerikanischer Unternehmen macht deutlich, dass der Durchschnittsverdienst beim Online-Giganten alles andere als gigantisch ist: Nach Angaben von Bloomberg zahlt der Spielwarenkonzern Hasbro seinen Beschäftigten im Schnitt 74 200 Dollar im Jahr, beim Chiphersteller AMD sind es 89 900 Dollar, die Belegschaft des größten US-Mobilfunkbetreibers Verizon ist mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 126 600 Dollar noch besser dran.

Bei Amazon hingegen verdienen viele Angestellte so wenig, dass sie auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Einer Studie der internationalen Politikberatungsgesellschaft Policy matters zufolge beziehen 700 von insgesamt 6000 Amazon-Beschäftigten im US-Bundesstaat Ohio Lebensmittelkarten der Sozialbehörden. Dabei hatte der Staat dem Konzern Steuererleichterungen in Höhe von 123 Millionen Dollar eingeräumt, um die Standortentscheidung zugunsten Ohios zu befördern. So profitierte Amazon doppelt: Erst von öffentlichen Investitionszuschüssen, um Arbeitsplätze zu schaffen, dann von öffentlichen Sozialleistungen, um die Niedriglöhne aufzustocken.

Und das nicht nur in Ohio. Nach Angaben der US-Initiative Good Jobs First heimste Amazon in den Jahren 2000 bis 2017 addiert 1,115 Milliarden Dollar an Steuererleichterungen und anderen staatlichen Fördermitteln ein. In Europa residiert Amazon übrigens in Luxemburg, das für eine zurückhaltende Unternehmensbesteuerung bekannt ist.

Verdi kämpft seit fünf Jahren vergeblich für einen Tarifvertrag

Hierzulande kämpft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi seit mehr als fünf Jahren vergeblich für einen Tarifvertrag, der den mittlerweile knapp 20 000 Beschäftigten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels bringen soll. Erfolg hatte die Gewerkschaft trotz zahlreicher Streiks bisher nicht. Zuletzt legten Mitte Mai hunderte Beschäftigte im Warenzentrum Leipzig die Arbeit nieder.

Amazon bleibt unbeeindruckt. Man orientiert sich an den deutlich niedrigeren Entgelten in der Logistikbranche und verweigert jedweden Tarifvertrag. Stattdessen setzt man auf die digitale Überwachung der Belegschaft: Die Beschäftigten in den Lagern tragen Scanner, die nicht nur Waren, sondern auch die Bewegungen der Beschäftigten erfassen. „Was wir dort erleben, ist die transparente Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument“, kritisiert Verdi-Chef Frank Bsirske.

Der Konzern sammelt und speichert darüber hinaus bei jeder Transaktion Kundendaten. Er verfolgt, wer wonach sucht, welche Seiten aufgerufen werden und welche nicht, ob und was bei wem geordert wird. Insofern ähnelt Amazon einem Hightech-Fischer mit Datennetz. Der Fang ermöglicht es dem Unternehmen, Gewohnheiten, Vorlieben und Interessen der Kunden kennenzulernen, was wiederum gezielte Werbeangebote ermöglicht, die ihrerseits Produkten und Dienstleistungen von Amazon gewidmet sind. Mit jedem Seitenaufruf, mit jedem Kauf gewinnt Amazon weitere Daten, um das Kundenprofil zu schärfen.

Um daraus möglichst hohen Gewinn zu schlagen, hat sich Bezos eine perfekte Unternehmensstruktur gezimmert. Der Onlinehändler vertreibt digital Musik, Filme und Serien, ebenso Bücher und den E-Bookreader Kindle. Wer was wann hört oder liest oder guckt, weiß das Unternehmen also. Aber erst mit dem Digital-Assistenten Echo hat es Amazon so richtig in die Wohnzimmer der Kunden geschafft. Das Gerät mit der Stimme „Alexa“ versteht Fragen und Anordnungen, kann digital Geräte bedienen – und überträgt alle Daten an Amazon, von der Weisung, Musik abzuspielen, bis zur Frage, ob der Kühlschrank noch voll sei. Falls nicht, ist der Lieferdienst Amazon fresh zur Stelle, den Alexa alarmiert.

Allerdings nur, sofern der Kunde flüssig ist, worüber Amazon ebenfalls Bescheid wissen kann. Im Januar trat die „PSD2“-Richtlinie für den europäischen Zahlungsverkehr in Kraft, die Amazon und anderen Online-Unternehmen den Zugriff auf die Konto-Daten ihrer Kunden aus den 90 vorangegangenen Tagen ermöglicht. Eine Zustimmung der Verbraucher ist zwar erforderlich, wird sie aber erteilt, öffnet sich ein märchenhafter Sesam: Kontostand, Ausgaben aller Art, regelmäßige Abbuchungen und Zuflüsse, Höhe des Einkommens und der Miete – alles verfügbar.

Seit Anfang des Jahres ist zudem eine Alexa-App im Angebot. Damit erfährt Amazon über das Smartphone, wo sich der Kunde gerade aufhält. Dies lässt ebenfalls Rückschlüsse auf Gewohnheiten und Konsumwünsche zu, die der Konzern zu bedienen gedenkt, und zwar auch im stationären Handel. In den USA haben erste „Amazon Go“-Supermärkte eröffnet, die ohne Personal auskommen, da die Kunden mittels einer gesonderten App beim Betreten und Verlassen des Ladens erfasst werden, ebenso ihre Einkäufe.

Zudem schluckte der Konzern vor einem Jahr die größte amerikanische Biokette Whole Foods für 13,7 Milliarden Dollar und versetzte damit die Börsen in Panik. Der Aktienkurs der größten Warenhauskette Walmart, die mehr als die Hälfte des Umsatzes im Lebensmittelbereich erlöst, rauschte um sieben Prozent am Tag nach der Bekanntgabe in den Keller. So groß ist die Angst vor der Macht Amazon.

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