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UN-Generalsekretär António Guterres appelliert eindringlich an die Regierungen, Konzepte für ein Absinken der Emissionen auf „netto Null“ bis spätestens 2050 zu entwickeln.

Analyse

Mission Netto-Null

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Das Klimaziel von Paris erscheint kaum noch erreichbar. Jetzt macht UN-General-sekretär Guterres Druck: Die Länder sollen berichten. Die Analyse.

Der Paris-Gipfel 2015 galt als Durchbruch zur Abwendung der Klimakrise. Frankreichs damaliger Präsident François Hollande sprach gar von der „besten und friedlichsten Revolution“, die die Welt erlebt habe. Inzwischen wird immer deutlicher, dass die Weltgemeinschaft weit davon entfernt ist, den in dem Abkommen angepeilten Erwärmungspfad von 1,5 bis zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu erreichen. UN-Generalsekretär António Guterres appellierte deswegen jetzt eindringlich an die Regierungen, Konzepte für ein Absinken der Emissionen auf „netto Null“ bis spätestens 2050 zu entwickeln.

Guterres versucht in einem Brief, der an die Staats- und Regierungschefs der 197 Paris-Unterzeichnerstaaten ging, Druck zu machen – nämlich für den von ihm für den 23. September anberaumten UN-Sondergipfel zum Klima in New York. Dort sollen die Regierungen erstmals konkrete Verbesserungen für ihr nationalen Klimaziele vorstellen. Die bisher von ihnen eingereichten CO2-Minderungspläne reichen nämlich nur aus, die globale Erwärmung auf drei bis vier Grad zu begrenzen. Sie müssen dringend nachgeschärft werden. Über Guterres’ Aktion berichtete zuerst das britische Online-Magazin „Climate Home News“.

Das Paris-Abkommen tritt 2020 in Kraft. Es sieht vor, dass die Länder Updates ihrer Klimaziele alle fünf Jahre einreichen. In seinem Brief fordert der UN-Chef die CO2-Ziele für die erste große Etappe bis 2030 und für einen Minderungspfad zur „Klimaneutralität“ bis 2050 – zur „Netto-Null“. Das heißt: Treibhausgase, die dann noch anfallen, müssen ausgeglichen werden, entweder durch Maßnahmen wie Aufforstung oder Kohlenstoffbindung in Böden respektive technische Lösungen wie das Verpressen von CO2 in der Erde. Mit einem solchen Pfad gäbe es immerhin eine 50-Prozent-Chance, die Erderwärmung noch bei 1,5 Grad zu stoppen. Das Risiko, dass die sogenannten Kippelemente des Klimas ausgelöst werden, wäre dann relativ gering.

Die Frage, ob alle Staaten die „Netto-Null“ bis spätestens 2050 erreichen sollen, ist umstritten. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer fordern mehr Zeit dafür. Ihr Argument: Die Industrieländer haben die Atmosphäre historisch viel stärker verschmutzt und sollten ihre Emissionen daher bereits vor 2050 ganz herunterfahren. Das ließe Raum für spätere Ausstiegstermine der ärmeren Länder.

Wie realistisch das ist, steht auf einem anderen Blatt. Bisher haben sich nur einige wenige große Industrieländer überhaupt verpflichtet, Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, darunter Großbritannien und Frankreich. Frühere Daten haben nur kleinere Industrieländer wie Norwegen (2030), Finnland (2035) und Schweden (2045) beschlossen. In den USA peilt Kalifornien 2045 an. In Deutschland wird der Schritt zur Netto-Null bis 2050 diskutiert. Bundeskanzlerin Merkel hat sich dafür ausgesprochen. Die EU insgesamt will darüber im Herbst beschließen. Auch einige Entwicklungsstaaten haben Netto-Null Beschlüsse gefasst – so Chile, Costa Rica, die Fidschi- und die Marshall-Inseln für 2050.

Ob Guterres’ Initiative das Niveau der Ambitionen anheben wird, ist die spannende Fragen. In seinem Brief hat er den Einsendeschluss für die Rückantworten der Staats- und Regierungschefs auf den 7. August festgesetzt. Bis dahin sollen sie eine „kurze Zusammenfassung“ der Pläne liefern, die sie auf dem UN-Gipfel vortragen werden.

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