Ökonomie

Der Mindestlohn schafft Jobs

Und die führenden Ökonomen blamieren sich mal wieder. Denn der vermeintliche Jobkiller muss freigesprochen werden.

Von Dierk Hirschel

Für die deutsche ökonomische Zunft war der gesetzliche Mindestlohn das größte wirtschaftspolitische Verbrechen dieses Jahrtausends. Hunderttausende von Arbeitsplätzen sollten der neuen Lohnuntergrenze zum Opfer fallen. Die Wirtschaftsweisen prophezeiten für das laufende Jahr einen Arbeitsplatzabbau von 140 000 Stellen. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute verkündeten, der Mindestlohn werde 200 000 Jobs vernichten. Die Kassandra der Republik, Hans Werner Sinn, warnte sogar vor dem Verlust von fast einer Million Stellen.

Vier Monate nach Einführung des Mindestlohns haben sich diese Schreckensszenarien in Luft aufgelöst. Die deutsche Wirtschaft wächst und schafft mehr Beschäftigung. Die Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass dieses Jahr über eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Jobs hinzukommen werden. Selbst in Gastgewerbe, Handel und Verkehr, Branchen die besonders vom Mindestlohn betroffen sind, schaffen die Unternehmen mehr Jobs. Zwar ist die Zahl der Minijobs stärker gesunken als im Winter üblich. Viele geringfügige Beschäftigungsverhältnisse werden aber lediglich in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze umgewandelt, da die Verdiensthöchstgrenze der Minijobs jetzt bereits nach 53 Monatsstunden erreicht wird.

Kurzum: Der vermeintliche Jobkiller Mindestlohn muss mangels Beweisen freigesprochen werden. Die führenden Ökonomen der Republik und die wissenschaftliche Politikberatung haben sich zum wiederholten Mal bis auf die Knochen blamiert. Ihre Irrtümer haben System. Die heimische ökonomische Zunft lebt hinter dem Mond. Sie ignoriert die internationale Arbeitsmarktforschung und folgt sklavisch einer realitätsfernen neoklassischen Arbeitsmarktheorie. Der Arbeitsmarkt funktioniert in dieser Modellwelt genauso wie ein Kartoffelmarkt. Steigt der Preis der Arbeit, fragen die Unternehmen angeblich weniger Arbeit nach und umgekehrt.

In Wirklichkeit sind Löhne aber nicht nur Kosten, sondern auch Kaufkraft. Der Mindestlohn erhöht die Löhne von vier Millionen Beschäftigten um fast ein Drittel. Dieses kräftige Lohnplus für Geringverdiener führt zu höheren Konsumausgaben. Das ist gut für Wachstum und Beschäftigung. Der aktuelle Aufschwung ist auch ein Mindestlohn-Aufschwung. Diese Erfolgsgeschichte darf jetzt nicht durch laxe Kontrolle und neue Schlupflöcher gefährdet werden.

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