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Gut laufende Restaurants mit sehr guten Bewertungen hätten die Lohnerhöhungen verkraftet und dafür im Durchschnitt nicht einmal ihre Preise heraufgesetzt.

Analyse

Mindestlohn: Nur die Stärksten überleben - eigentlich

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Marktliberale Ökonomen messen mit zweierlei Maß: Prekäre Löhne sind in Ordnung, weil sie wenig profitablen Unternehmen das Überleben sichern. Die Niedrigzinspolitik der EZB aber nicht, weil sie sogenannte Zombiefirmen am Leben erhalten. Wer soll das verstehen?

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird gerade von marktliberalen Ökonomen dafür kritisiert, dass sie fundamentale Marktmechanismen außer Kraft setzt. Mit ihren extrem niedrigen Zinsen, so die Kritik, erlaubt die EZB wenig profitablen Unternehmen das Überleben. Bemerkenswert an dieser Kritik ist, dass sich ihre Vertreter an anderer Stelle gegen einen höheren Mindestlohn wenden mit dem Argument, er mache wenig profitablen Unternehmen das Überleben unmöglich.

Die EZB hilft den Unternehmen

Die EZB hält ihre Leitzinsen bei null Prozent und darunter, um für die Unternehmen die Last der Schuldenbedienung zu senken. Indem sie die Kosten für Kapital senkt, stört sie das Zusammenspiel der Marktkräfte, lautet die Kritik beispielsweise der Ökonomen der Commerzbank. Nicht nur erhielten Sparer wegen der EZB-Politik keinen Ertrag mehr auf ihr Erspartes. Durch die massive Verbilligung von Krediten komme es zudem zu einer Fehlallokation von Kapital: Schwache Unternehmen könnten sich dank niedriger Zinsen am Markt halten, wodurch die natürliche Auslese des Wettbewerbs ausgehebelt werde. Kapital bleibe in ineffizienten „Zombie-Unternehmen“ gebunden, was die gesamtwirtschaftliche Effizienz senke. Für die fällige Marktbereinigung brauche es eine Erhöhung der Zinsen.

Die Situation beim Mindestlohn sehen Ökonomen aus dem gleichen Lager genau andersherum: Seine Erhöhung muss unterbleiben, weil sie den Firmen Mehrkosten beschert, was zu Pleiten und Arbeitsplatzverlusten führen könnte.

Höhere Mindestlöhne können zur Pleite führen

Tatsächlich führen höhere Mindestlöhne zur Pleite von Firmen. Aber welche Firmen sind das? Ökonomen der Universitäten Cambridge und Harvard haben die Situation von Restaurants in der Bay Area von San Francisco untersucht. In dieser Branche sind gesetzliche Mindestlöhne sehr verbreitet, zudem sind sie in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht worden. Dies hat laut den Ökonomen viele Restaurants die Existenz gekostet. Dieses Schicksal ereilte allerdings vor allem jene Restaurants, die ohnehin am Rande des „Markt-Exits“ gewesen sind und die in einschlägigen Internet-Rankings eher schlecht bewertet wurden.

„Wir finden keine robusten Belege dafür, dass höhere Mindestlöhne zu einem allgemein erhöhten Austritt von Restaurants aus dem Markt führen“, so die Ökonomen in ihrer Studie „Survival of the fittest“. Gut laufende Restaurants mit sehr guten Bewertungen hätten die Lohnerhöhungen verkraftet und dafür im Durchschnitt nicht einmal ihre Preise heraufgesetzt. Untergegangen seien in der Tendenz nur die schwachen.

Sparkapital ist im Überfluss vorhanden

Marktliberale Ökonomen also die „künstlich“ niedrigen Zinsen der EZB dafür kritisieren, dass sie ineffiziente Firmen am Leben erhalten, dann müssten sie der gleichen Logik folgend höhere Mindestlöhne begrüßen, da sie ineffiziente Unternehmen aus dem Markt treiben. Aber offensichtlich sehen sie den Preis des Geldes, den Zins, aus einer anderen Perspektive als den Preis für Arbeit: Während letzterer nicht niedrig genug sein kann, haben Kapitalgeber ein Anrecht auf eine auskömmliche Rendite. Während niedrige Löhne aus marktliberaler Sicht nur die geringe Produktivität der Lohnempfänger widerspiegeln, sind die niedrigen Zinsen die Schuld der EZB – und niemals Folge der geringen Produktivität von Sparkapital, das derzeit im Überfluss vorhanden ist.

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