Analyse

Mindestlohn macht Verbrecher

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Wenn der Staat die Firmen zu höheren Löhnen zwingt, steigt die Kriminalität, so eine Studie. Ein neues Argument, Armut zu verteidigen.

Gegen höhere Mindestlöhne haben Ökonomen schon viele Argumente zusammengetragen. Nun ist ein neues dazugekommen: Eine Erhöhung der Mindestlöhne führt zu mehr Kriminalität, wollen drei US-Ökonomen herausgefunden haben. Ihre Argumentation gibt einen tiefen Einblick in eine bestimmte Schule der Volkswirte.

Die Ökonomen Zachary S. Fone, Joseph J. Sabia und Resul Cesur gehen aus von der Theorie der rationalen Wahl, auf der die Theorie der rationalen Kriminalität des US-Ökonomen Gary S. Becker beruht. Laut diesem Gedankengebäude stellen Individuen vor jeder Tat eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung an, auch vor einem Verbrechen: Ist zum Beispiel der erwartete Nettonutzen aus einem Diebstahl positiv, wird er begangen. Der erwartete Nettonutzen hängt vom Ertrag des Verbrechens ab, von Strafmaß und Strafwahrscheinlichkeit – und vom Ertrag der Alternativen: Hat der potenzielle Dieb eine lukrative legale Verdienstmöglichkeit in Aussicht, geht er arbeiten anstatt einzubrechen. All dies kalkuliert das rationale Individuum, bevor es zur Tat schreitet.

Um Kriminalität zu verhindern, bietet diese Theorie der Gesellschaft drei Optionen: erstens schärfere Strafen, also höhere Kosten des Verbrechens; zweitens mehr Überwachung, also eine höhere Strafwahrscheinlichkeit; und drittens bessere legale Einkommensalternativen. Die vierte Option – eine gleichmäßigere Verteilung des Reichtums – steht nicht auf dem Programm.

Laut den drei Ökonomen muss eine Gesellschaft überlegen, welche der drei Alternativen die billigere ist. Überwachen und Strafen sind sehr teuer, vor allem in den USA, wo etwa 2,2 Millionen Menschen hinter Gittern sitzen, so viel wie nirgends sonst. Für Polizei, Kriminaljustiz und Gefängnisse geben die USA jährlich fast 300 Milliarden Dollar aus. Eine preiswertere Alternative könnte daher sein, die legalen Verdienstmöglichkeiten potenzieller Verbrecher zu verbessern – durch einen höheren Mindestlohn. Der Council of Economic Advisors hat eine Steigerung des bundesweiten Mindestlohns von 7,25 auf zwölf Dollar die Stunde vorgeschlagen, dies könnte die Kriminalität um drei bis fünf Prozent senken. Daraus errechnen die Experten eine Ersparnis von acht bis 17 Milliarden Dollar.

Die Ökonomen Fone, Sabia und Cesur haben nun die Entwicklung der Kriminalität in Regionen der USA untersucht, in denen der Mindestlohn angehoben worden ist. Ergebnis: Die Zahl der Eigentumsdelikte von 16- bis 24-jährigen Tätern ging nicht zurück, sondern stieg. Den Grund für diesen Anstieg sehen die Ökonomen im Mindestlohn, der schädlich auf den Arbeitsmarkt wirke: Auf Grund höherer Löhne streichen Unternehmen Jobs, was die Arbeitsmarkt-Aussichten potenzieller Verbrecher verdüstere und daher Diebstahl lukrativer mache.

Daraus schließen die Ökonomen kühn, dass eine Erhöhung des bundesweiten Mindestlohns auf zwölf Dollar die Stunde zu etwa 231 000 zusätzlichen Eigentumsdelikten führen würde. Eine Erhöhung auf 15 Dollar die Stunde könnte sogar 410 000 zusätzliche Delikte nach sich ziehen und damit Extra-Kosten von 2,4 Milliarden Dollar.

Den Armen Geld zu geben, lohnt sich einfach nicht, so das Fazit dieses Gedankengangs, nach dessen Logik wir bei 100 Dollar Mindestlohn voraussichtlich alle zu Verbrechern würden.

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