Armut

Millionen Erwerbstätige leben prekär

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Perspektivlose Jobs und mangelnde soziale Absicherung: Jeder achte Erwerbstätige bleibt trotz Arbeit auf Dauer unten, wie eine Langzeitstudie zeigt.

In Deutschland lebt und arbeitet jede achte Erwerbsperson dauerhaft unter prekären Bedingungen. Der Job ist schlecht bezahlt, ein Kündigungsschutz fehlt, Sparen geht aufgrund der knappen Einkommen nicht, der Wohnraum ist beengt, die Ausbildung schlecht. Es kommt einiges zusammen für das vielzitierte Prekariat, wie eine Langzeitstudie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung verdeutlicht.

Die Forscher können anhand der Beschäftigungs- und Haushaltsdaten von fast 10.000 Personen aus den Jahren 1993 bis 2012 zeigen, dass 12,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung über lange Zeiträume hinweg vorwiegend prekär beschäftigt waren und zugleich in prekären Haushaltsverhältnissen lebten. Dabei wurden Langzeitarbeitslose und Sozialgeldempfänger nicht berücksichtigt. Trotz Arbeit auf Dauer unten – so könnte die Diagnose lauten.

Das Prekariat sei „durch eine Kumulation verschiedener Risiken gekennzeichnet“, heißt es in der Studie. Allein das Merkmal „befristete Beschäftigung“ zum Beispiel reicht nicht aus, um eine prekäre Arbeitssituation zu kennzeichnen. Schließlich verfügen auch Vorstandsmitglieder großer Unternehmen in aller Regel nur über befristete Verträge. Erst wenn ein zweiter Risikofaktor – etwa ein sehr geringes Einkommen – hinzukommt, schließen die Forscher auf prekäre Arbeitsbedingungen.

Schulden, Wohnbedingungen und Finanzausstattung geprüft

Insgesamt 14 Merkmale haben die Autoren um die Soziologen Jutta Allmendinger (Wissenschaftszentrum Berlin) und Markus Promberger (Uni Erlangen-Nürnberg) zugrunde gelegt, um die anhaltend von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen Betroffenen zu identifizieren.

Erreicht das individuelle Einkommen weniger als zwei Drittel des mittleren Werts? Unterschreitet das Einkommen das steuerfreie Existenzminimum? Fehlt eine Renten- und Arbeitslosenversicherung oder der Kündigungsschutz? Bringt die Arbeit starke körperliche Belastungen mit sich? Handelt es sich um eine einfache, ungelernte Tätigkeit? Oder um einen Beruf mit überdurchschnittlich hohem Arbeitslosenanteil?

Werden wenigstens zwei dieser Fragen mit Ja beantwortet, gehen die Forscher von einer prekären Arbeitssituation des Einzelnen aus. Um auch die Lage der Haushalte und Familien zu erfassen, wurden Wohnbedingungen, Finanzausstattung und Schulden, soziale Absicherung und besondere Belastungen wie etwa pflegebedürftige Angehörige im Haushalt untersucht.

Ergebnis der Böckler-Datenanalyse: Innerhalb eines Zehnjahreszeitraums lebten und arbeiteten mehr als vier Millionen Menschen im Erwerbsalter für mindestens fünf Jahre unter prekären Bedingungen. Mit 54 Prozent sind Frauen, meist mit Kindern und in wechselnden schlecht bezahlten Jobs tätig, häufiger betroffen als Männer. Bei 35 Prozent handelt es sich um „Väter in anhaltend prekärer Lage“, denen es selbst bei anhaltender Erwerbstätigkeit nicht gelingt, gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen. Der mit elf Prozent kleinste Anteil entfällt laut Studie auf junge Männer ohne Berufsabschluss.

Nach Ansicht der Studienautoren müsse die Bundesregierung steuer- und arbeitsrechtliche Reformen in den Blick nehmen, um diese „keineswegs kleine soziale Gruppe besser zu stellen als bisher“. Für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland könne es entscheidend sein, inwieweit die Angehörigen des Prekariats „sich als vollwertiger Teil der Gesellschaft oder als unterprivilegiert oder teilweise ausgeschlossen wahrnehmen“.

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