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Walldorfer Software-Konzern

Korruptionsskandal bei SAP: Millionen an Schmiergeld

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Der Walldorfer Software-Konzern SAP ist offenbar noch wesentlich umfangreicher als bisher angenommen in südafrikanische Korruptionsskandale verwickelt.

Der Vorwurf wiegt schwer: Der Walldorfer Softwarekonzern SAP soll vor vier Jahren Schmiergelder in Millionenhöhe bezahlt haben, um an lukrative Aufträge der südafrikanischen Wasserbehörde zu gelangen. Damit wäre SAP noch wesentlich umfangreicher als bisher angenommen in südafrikanische Korruptionsskandale verwickelt. Das Ganze geht aus einem jetzt veröffentlichten Bericht des südafrikanischen Journalistenbüros „Ama-Bhungane“ hervor, der sich auf Ermittlungen der Antikorruptionseinheit der dortigen Staatsanwaltschaft, der „Special Investigation Unit“ (SIU), bezieht. Bei den Schmiergeldzahlungen soll SAP sogar vor möglicher Geldwäsche nicht zurückgeschreckt haben.

Dem Bericht Ama-Bhunganes zufolge sicherte sich der Softwarekonzern Aufträge im Gesamtwert von fast einer Milliarde Rand (mehr als 50 Millionen Euro) und zahlte dafür „Vermittlungsgebühren“ in Höhe von mehr als fünf Millionen Euro. Die von SAP erbrachten Leistungen waren nach den Recherchen der Journalisten für Südafrikas Steuerzahler allerdings wertlos. Lediglich Scheinfirmen, hinter denen womöglich der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) stehe, hätten davon profitiert.

SAP zahlte Schmiergelder an Gupta-Familie

Bereits vor drei Jahren war bekanntgeworden, dass SAP mehreren Firmen der für ihre kriminellen Machenschaften berüchtigten Gupta-Familie Schmiergelder in Höhe von fast neun Millionen Euro zukommen ließ, um Aufträge der von korrupten Managern geführten staatlichen Strom- und Transportkonzerne Eskom und Transnet zu ergattern. Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau erklärte SAP, mit den südafrikanischen Ermittlungsbehörden „eng zusammenzuarbeiten“: „Wir sind bestrebt, dass diese Ermittlungen bald abgeschlossen werden.“

Ama-Bhungane zufolge hat die Antikorruptionseinheit SIU einen fast 1300 Seiten umfassenden Ermittlungsbericht erstellt, der jetzt den Gerichten vorgelegt wird. Danach schloss das südafrikanische Wasserministerium mit dem deutschen Konzern im Dezember 2015 und Juli 2016 zwei unter dubiosen Umständen zustande gekommene Verträge ab, die offensichtlich manipuliert worden waren – vermutlich um dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) zu Geld zu verhelfen.

In beiden Fällen spielt eine leitende Angestellte des Ministeriums, Zandile Mathe, eine entscheidende Rolle: Sie soll die Entscheidungsträger der Behörde durch Vortäuschen falscher Tatsachen zu der Vergabe der Aufträge bewegt haben. Im Dezember 2015 motivierte Mathe ihren Vorgesetzten mit der Behauptung zu einem Vertragsabschluss, dass ein bereits gültiger Kontrakt mit SAP Ende des Jahres ablaufe, in Wahrheit war dies aber erst ein Jahr später der Fall.

SAP an Korruptionsskandal in Südafrika verstrickt

Für die Vertragsverlängerung erklärte sich SAP zur Zahlung einer „Kommission“ an die obskure Johannesburger Firma „NBS Infosys“ in Höhe von 14,9 Prozent des Auftragswerts (damals umgerechnet knapp 7,5 Millionen Euro) bereit. Ama-Bhunganes Recherchen zufolge ist die Firma heute nicht mehr ausfindig zu machen. Sie werde jedoch mit einem Rechtsanwalt namens Luvo Makasi in Zusammenhang gebracht, der enge Verbindungen zur damaligen Wasserministerin Nomvula Mokonyane unterhalten haben soll. Der inzwischen entlassenen Ministerin wird in Südafrika eine verheerende Amtsführung vorgeworfen: Sie soll das Ministerium in den Ruin getrieben und die unter einer Jahrhundertdürre leidenden Bewohner des Ostkaps alleingelassen haben. Auch in anderen Zusammenhängen wird Mokonyane die Entgegennahme von Schmiergeldern vorgeworfen. Trotzdem leitet die Abgeordnete des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) noch heute einen Parlamentsausschuss.

Auch beim zweiten von der SIU untersuchten Bestechungsfall geht es um eine Initiative Mathes: Sie regte im Juni 2016 an, den auf drei Jahre angelegten SAP-Vertrag auf fünf Jahre zu verlängern und gleichzeitig noch auf zehn regionale Wasserkammern auszuweiten. Der neue, 23 Millionen Euro umfassende Auftrag war im Ministerium umstritten. Doch Mathe setzte sich offenbar mit der Falschbehauptung durch, die SAP-Software würde in den folgenden fünf Jahren zu Einsparungen von mehr als 75 Millionen Euro führen. In Wahrheit kam die Software bei den Wasserkammern niemals zum Einsatz.

SAP soll Gelder an Südafrika rückerstatten

SAP erklärte sich auch in diesem Fall zur Zahlung einer „Kommission“ von 14,9 Prozent an NBS Infosys bereit, obwohl der Einsatz solcher „Geschäftsentwicklungspartner“ (business development partner) auch innerhalb des Softwarekonzerns hoch umstritten war. In einem der Öffentlichkeit zugespielten Memo warnte die damalige Compliance-Chefin Melissa Lea schon vor vier Jahren vor dem hohen Risiko des Missbrauchs dieser Praxis: Sie stehe „meistens im Zentrum von Korruptionsskandalen“, heißt es in dem Papier.

Die Verantwortlichen des Walldorfer Konzerns setzten sich über die Warnung offensichtlich hinweg: Sie erklärten sich in diesem Fall sogar bereit, zwei Geschäftsentwicklungspartnern eine Kommission von jeweils 14,9 Prozent zukommen zu lassen: Neben NBS Infosys auch der Beraterfirma „Matsei Technologies and Consulting“. Damit verstießen die Manager gegen eine weitere SAP-Regel: „Strikt“ niemals mehr als 20 Prozent Kommission an Dritte zu bezahlen.

Und damit nicht genug: NBS Infosys soll auch eine Vorauszahlung von 600 000 Euro gefordert haben: eine Praxis, die in Wirtschaftskreisen eigentlich tabu ist. Trotzdem zeigten sich die SAP-Verantwortlichen mit der Forderung einverstanden. Selbst damit nicht genug: Nach den Recherchen Ama-Bhunganes ermöglichte es der deutsche Konzern sogar, dass auch die eigentlich für Matsei bestimmte Zahlung unter Vortäuschung falscher Tatsachen an NBS Infosys weitergeleitet wurde. Ein Vorgang, der als Geldwäsche bezeichnet werden kann.

Die Reporter von Ama-Bhungane vermuten, dass NBS Infosys die Vorauszahlung dem ANC zukommen ließ, der damals in einen hart geführten Kommunalwahlkampf verwickelt war. Die Korruptionsbekämpfer der SIU forderten SAP auf, dem südafrikanischen Staat die rund 400 Millionen Rand zurückzuerstatten, für die gar keine Leistung erbracht worden sei.

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