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Milliardär Røkke: Gewinne zum Mitnehmen

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Von: Thomas Borchert

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Millardär Røkke (Mitte) im von ihm gespendeten Stadion.
Millardär Røkke (Mitte) im von ihm gespendeten Stadion. © Svein Ove Ekornesvag/Imago

Der norwegische Milliardär Røkke möchte lieber Philanthrop sein und zieht in die Schweiz.

Wo bleiben denn nun die sagenhaften Windfall-Profite aus astronomisch hohen Preisen für Gas, Benzin und andere Energiequellen? „Im schönen Lugano“ könnte eine sarkastische Antwort lauten, seit Multimilliardär Kjell Inge Røkke den Umzug von Oslo in den Süden der Schweiz verkündet hat. Über seine Aker-Holding ist der 63-Jährige der größte Privatakteur bei dem aus allen Nähten platzenden Geschäft mit norwegischem Öl und Gas, übertroffen nur vom Staatskonzern Equinor.

Røkke (geschätztes Vermögen laut Forbes 4,4 Milliarden Dollar) kann sich für dieses und kommendes Jahr auf eine steile Einkommenskurve nach oben einstellen. Die Finanzfachleute von Nordea Markets prognostizieren für Norwegens Gas- und Ölexport in diesem Jahr einen Anstieg von 830 Milliarden Kronen (79,5 Milliarden Euro) im letzten Jahr auf 2,2 Billionen Kronen im laufenden und 2023 auf 2,9 Billionen Kronen (210/280 Milliarden Euro) 2023. Er ziehe keine Unternehmensbeteiligung aus der Heimat ab, wehrte sich Røkke gegen den Stempel Steuerflüchtling, vielmehr könne er von der Mitte Europas aus besser „philanthropischen Aktivitäten“ nachgehen. Mit denen will er seit 2017 genau wie Bill Gates, Elon Musk, Mark Zuckerberg und andere unter den Allerreichsten die Hälfte seines Vermögens wohltätigen Zwecken zukommen lassen.

Was er darunter versteht, zeigte Røkke mit der gleichzeitigen Bestellung der größten Luxusjacht der Welt. Das 183 Meter lange Schiff soll der Umweltorganisation REV Ocean zur Meeresforschung dienen, aber auch dem noblen Stifter sowie superreichen Chartergästen „als Ort für Erholung und Inspiration“.

Das Schiff, das arabische Ölscheichs und russische Oligarchen neidisch machen kann, ist noch immer nicht fertig. Die horrenden Kosten hat Røkke bisher steuerfrei als „Privatverbrauch“ aus seinen Unternehmen abziehen können. Genau wie die für das Fußballstadion mit 12 000 Plätzen, das er seiner Geburtsstadt Molde (23 000 Einwohner) geschenkt hat, desgleichen die sieben noblen Eigentumswohnungen als Abschiedsgeschenk an seine erste Frau vor dem Umzug nach Lugano. Und die Privatflugzeuge sowie raketenschnelle Motorboote, mit denen Røkke sein Adrenalin in Schwung gebracht hat. Biograf Torgeir Anda schrieb schon zu Beginn dieser Karriere: „Der Sieg ist ihm alles, egal in welcher Dimension. Er will Norwegens reichster Mann sein, der erfolgreichste Fischer und schnellste Rennbootfahrer der Welt, der eingeschworenste Antialkoholiker und der pompöseste Jachtbesitzer.“

Dass Norwegens Regierung die Besteuerung solch opulenter Privatentnahmen erwägt, sieht etwa die Zeitung „Bergens Tidende“ als psychologisch wichtigen Grund für Røkkes Abschied aus Oslo. Finanziell viel stärker ins Gewicht fallen würde der schon öffentlich angepeilte Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an Aker mit derzeitigem Kurswert von 70 Milliarden Kronen. In der Schweiz wäre er steuerfrei, in Norwegen nicht.

Der Wert dieser Beteiligung hat sich seit dem Einstieg 2004 verzehnfacht. Bremsen ließ sich Røkke ein Jahr später auch nicht hinter Gittern, mit 120 Tagen Haft wegen aktiver Bestechung im Gepäck. Umgerechnet 11 000 Euro hatte er einem schwedischen Beamten unter der Hand zur Ausstellung eines Führerscheins für supergroße Boote angeboten.

Røkkes sagenhafter Aufstieg zu Norwegens reichstem Steuerzahler brachte ihm ausdrückliche Bewunderung aus Deutschland als „eine der interessantesten internationalen Unternehmerpersönlichkeiten“ ein. Der damals amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte bei einem Treffen mit Røkke in Oslo weiter: „Er ist nun wahrlich nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren und hat gezeigt, was man mit Intelligenz und Entschiedenheit erreichen kann.“

Fast zwei Jahrzehnte später ist nach den Sommerferien der aktuelle Kanzler Olaf Scholz als Bittsteller für zusätzliche Gaslieferungen zu einem erträglichen Preis in Norwegens Hauptstadt gereist. Sein Kollege Jonas Gahr Støre winkte bedauernd ab: Man sei schon am Limit, und die hohen Preise bestimme nun mal der Markt. Für Greenpeace-Sprecher Frode Pleym in Oslo besteht kein Zweifel, dass private Akteure wie Røkke und der Staat diese Rollenverteilung maximal ausnutzen: „Wir meinen, dass die Reaktion unserer Gas- und Ölindustrie wie auch die staatliche extrem durchtrieben und zynisch ist.“

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