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Er ist Chef, Technikvorstand und Großaktionär in Personalunion: der Wirecard-Mitbegründer Markus Braun.

Wirecard

Der Milliardär, der das Bargeld abschaffen will

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Still und leise hat der 48-jährige Österreicher Markus Braun den Finanzdienstleister Wirecard in den Dax geführt. Öffentlich ist er noch so unbekannt wie das Unternehmen.

Er hält sich selbst für langweilig und wirkt auf den ersten Blick zumindest gewöhnlich. Dazu passt sein Allerweltsname Markus Braun. Aber hier täuscht vieles. Ab diesem Montag ist der 48-Jährige Vorstandsvorsitzender eines der 30 deutschen Dax-Unternehmen und als solcher mit einer selbst im illustren Kreis der Dax-Chefs unerreichten Machtfülle ausgestattet. Der Mann mit dem schütteren Haar agiert als Boss, Technikvorstand, Großaktionär und Mitgründer in Personalunion. Außerdem dürfte es kaum einen zweiten Dax-Chef geben, der vermögender ist. Der promovierte Wirtschaftsinformatiker hält sieben Prozent am mit gut 23 Milliarden Euro bewerteten Dax-Neuling, was den Österreicher zum Milliardär macht.

Im krassen Gegensatz dazu steht der Habitus von „Mister Wirecard“. „Ich lege keinen Wert auf Bekanntheit“, hat er gerade dem „Spiegel“ in seinem ersten größeren Interview überhaupt gesagt und damit bestätigt, was sein Auftreten vermuten lässt – falls Braun überhaupt einmal öffentlich auftritt. Denn abgesehen von Hauptversammlungen oder Bilanzgesprächen von Wirecard macht sich der asketisch wirkende Manager rar. Über sein Privatleben war bis vor kurzem so gut wie nichts bekannt und wann er genau Geburtstag hat, bleibt immer noch geheim. Nur sein Geburtsjahr 1969 nennt er.

Auch Analysten wissen es nicht genau

Mittlerweile weiß man auch, dass der leise auftretende Ex-Unternehmensberater seit zehn Jahren verheiratet ist, ein Kind hat und Opernfan ist. Die Mutter war Gymnasiallehrerin, der Vater Volkshochschuldirektor in Wien. Als Jugendlicher hat Braun fast konzertreif Geige gespielt und war auch schon an Mathematik interessiert.

Wirklich redselig wird Braun erst, wenn man ihn auf Wirecard und das Geschäft anspricht. Dann erklärt der Manager, der das Unternehmen seit 2002 führt und nach einer Insolvenz praktisch neu gegründet hat, wie er das Bezahlen per Internet unsichtbar macht und am liebsten Bargeld komplett überflüssig machen möchte. Um ihm dabei im Detail in die Welt von Algorithmen zu folgen, wäre ein Informatik-Studium oder Technikwissen von Vorteil. Auch Analysten wissen nicht immer genau, was Wirecard im Detail genau tut, heißt es.

Wer es sich einfacher machen will, nennt Wirecard ein Fintech und Braun einen Nerd. So wie der meist mit offenem Hemd auftretende Chef für einen unaufgeregten Managertyp steht, tut es sein Konzern für die neuen Zeiten bei Finanzkonzernen. Wirecard hat eine Banklizenz, agiert aber nicht als solche. Eine Wirecard-Kreditkarte gibt es allerdings und Kleinstkredite will Braun demnächst auch anbieten. Hauptsächlich wickelt das Unternehmen aber lediglich elektronischen Zahlungsverkehr in Echtzeit ab. Durch dieses „lediglich“ ist Wirecard wertvoller geworden als die Deutsche Bank. Die altehrwürdige Commerzbank verdrängt der Aufsteiger aus dem Dax.

Es sind Gegensätze. Anders als Deutsche oder Commerzbank residiert der Dax-Neuling nicht in einem Glaspalast. Die Firmenzentrale liegt in einem drögen Industriegebiet im Münchner Vorort Aschheim. Es ist ein schmuckloser, fünfstöckiger Profanbau, was Braun aber nicht stört. Wichtiger als der schöne Schein sind ihm günstige Gewerbesteuersätze. Außerdem ist er froh, frühere Zeiten hinter sich gelassen zu haben.

Manche nennen die Vergangenheit des Dax-Aufsteigers schmuddelig und halbseiden. Kurz nach der Jahrtausendwende rekrutierten sich seine Kunden aus der Porno- und Glücksspielindustrie. Heute sind es Banken, Fluggesellschaften und Händler mit seriöserem Leumund. Begleitet war der Aufstieg von Chef und Firma auch immer wieder von Spekulationen über frisierte Bilanzen und Scheinumsätze. Braun hat das stets bestritten und beschwört heute mehr denn je, dass sein Konzern sauber ist.

Trotz aller Erfolge glaubt er, dass die besten Zeiten erst noch kommen und sich Wirecard perspektivisch mindestens verzehnfachen wird. „Die nächsten zehn Jahre können übertreffen, was wir in den vergangenen zehn Jahren erreicht haben“, sagt Braun. Denn erst 1,5 bis 2,0 Prozent aller Zahlungen im weltweiten Maßstab würden heute volldigital abgewickelt. Man könne darüber philosophieren, ob das mal 20 oder 30 Prozent werden, sagt er. Die Richtung hält Braun aber für vorgezeichnet. Um daran dauerhaft maßgeblich beteiligt zu sein, sehe er es als seine Hauptaufgabe an, Wirecard von der Komfortzone fernzuhalten. Das bedeutet Dauerinnovation. „Wir sind weltweit einzigartig“, findet Braun. Gleichzeitig hat er nun mit seinem Fintech der ersten Generation den ersten Internetkonzern mit globaler Perspektive in den deutschen Leitindex gebracht. 

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