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Etwa 4,2 Millionen Milchkühe gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland.

Molkereien

Hoher Milchpreis, glücklicher Bauer?

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Milch und andere Molkereiprodukte waren 2018 relativ teuer. Wer glaubt, davon profitierten die Milchbauern, liegt aber falsch.

Bio soll die Frischmilch aus dem Kühlregal schon sein. Das ist vielen Konsumenten wichtig. Auch auf die regionale Herkunft werde beim Kauf geachtet – heißt es zumindest. Die Realität sieht im Alltag dann ganz anders aus.

Dann entscheidet ganz nüchtern der Preis darüber, was im Einkaufswagen landet. Aldi, Lidl, Rewe, Edeka und Co. locken regelmäßig mit Molkereiprodukten zu Tiefstpreisen. Im vergangenen Jahr allerdings mussten die Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen. So deutlich, dass die sinkende Nachfrage nach Milch abgefedert werden konnte. Nur: Die konventionellen Milchbauern hatten davon nichts. Profiteure waren alleine der Handel und die Molkereien.

„Die deutschen Handelsketten haben im Jahr 2018 mit Trinkmilch und anderen Milchprodukten ein deutliches Umsatzplus von fünf Prozent gemacht – bei sinkendem Mengenabsatz“, sagt Lucia Heigl, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). „Am Milchmarkt läuft etwas mächtig schief, und zwar auf Kosten der Milchbauern“, sagt sie und hat dabei vor allem die Molkereien als Übeltäter im Blick.

Die nämlich haben die Milchbauern nicht an den steigenden Umsätzen beteiligt. Ganz im Gegenteil: Sie zahlten den Bauern 2018 für konventionell erzeugte Kuhmilch im Durchschnitt 34,37 Cent je Kilogramm – fünf Prozent weniger als im Vorjahr, wie Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung belegen.

Aktuell sinken die Preise für Frischmilch, Joghurt, Käse, Quark & Co. im Handel wieder. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Preise für Molkereiprodukte im deutschen Lebensmittel-Handel im Februar 2019 um 4,1 Prozent niedriger als im Vorjahr. Das gilt aber nur für konventionelle Milch.

Eine gegenläufige Tendenz ist bei den Biomolkereien und Öko-Landwirten zu beobachten. Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft lieferten alle Ökobauern in Deutschland im vergangenen Jahr 19 Prozent mehr Milch an die Molkereien. Vom höheren Verkaufspreis der Bio-Milch profitierten in diesem Fall auch die Erzeuger. So zahlt die Upländer Bauernmolkerei, Hessens einzige Bio-Molkerei, ihren 115 Milchbauern aktuell netto 47 Cent je Kilogramm Bio-Milch.

Das ist deutlich mehr, als die 34,11 Cent netto, die die Hochwald Molkerei ihren rund 3000 Milchbauern – 1000 davon in Hessen – pro Kilogramm Milch ausbezahlt. Deutschlands drittgrößte Molkerei mit Firmensitz in Thalfang (Rheinland-Pfalz) betreibt auch zwei Molkereien in Hessen: an den Standorten Hungen (Landkreis Gießen) und Hünfeld (Landkreis Fulda). Der Branchen-Riese ist wohl auch deshalb weniger bekannt, weil er Milchprodukte unter Handelsmarken für Discounter und Lebensmittel-Ketten abfüllt. Dazu gehört „Milfina-Frischmilch“ (Aldi) ebenso wie die Milch der Rewe-Eigenmarke „ja“. Doch mit den vor einigen Jahren gekauften Markenrechten an der ‚Bärenmarke‘ geht Hochwald nun in direkte Konkurrenz zu der bekanntesten hessischen Milchmarke ‚Schwälbchen‘.

Diese will mit neuen Produkten den Umsatz steigern. „Neben unserer grünen Linie bauen wir weiter wertigere Produktlinien wie das Kaffeegetränk Caffreddo oder das türkische Joghurtgetränk Ayran unter der ethnischen Marke Körfez aus“, teilte dazu Schwälbchen-Chef Günter Berz-List mit.

Auch die Marburger Molkereigenossenschaft, deren ‚Traditionsmolkerei‘ von der Unternehmensgruppe „Rossijskoje Moloko“ („Russische Milch“) übernommen wurde, setzt auf ‚Ethnic Food‘. Die russische Großmolkerei will von Marburg aus vor allem die viereinhalb Millionen Bürger mit osteuropäischen Wurzeln mit entsprechenden Molkerei-Produkten bedienen.

Die Upländer-Bauernmolkerei dagegen will in diesem Jahr erstmals ‚Weidemilch‘ in Bio-Qualität in den Kühlregalen platzieren. Je Kuh sollen dabei mindestens 1000 qm2 reine Weideflächen zur Verfügung stehen. Mehrere Handelsketten haben nach Unternehmensangaben nach Weidemilch in Bioqualität gefragt. Die Molkerei aus Willingen hofft, mit dem neuen Produkt fünf Cent mehr als bei der normalen Biomilch erzielen zu können. Der Handel will aber nur 0,5 Cent mehr pro Liter zahlen, heißt es.

Steigende Milch-Kosten

Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) hat wegen zusätzlicher Kostensteigerungen erneut einen höheren Milchpreis verlangt. Es brauche einen kostendeckenden Preis, um den Anforderungen der Rohmilchgewinnung gerecht werden zu können, sagte der hessische Landesvorsitzende vom BDM Klaus Vetter. „Wir fordern die durchschnittlichen Produktionskosten von etwas über 40 Cent.“

Die Einführung neuer EU-Verordnungen zur Lagerung von Dünger und Futtermitteln habe die Kosten für die Landwirte mittlerweile über den Milchpreis hinausgetrieben, klagte der hessische BDM-Vorsitzende. „Die Konsequenz aus diesen fehlenden Einnahmen ist, dass die Arbeit der Milchviehhalter nicht entlohnt wird“, sagte Vetter. Die Erwartungen für die laufenden Verhandlungen seien gedämpft.

Zwei Mal im Jahr, im April und im Oktober, werden die Preise zwischen den Handelsunternehmen und den rund 100 deutschen Molkereien neu ausgehandelt. Diese Preise gelten dann für ein halbes Jahr.

Molkereien

Branchenführer mit einem Jahresumsatz von bald sechs Milliarden Euro ist der Deutsche Molkereikontor DMK  (‚Milram‘). Der Milch-Riese mit Sitz in Zeven (Niedersachsen) bezieht für seine 20 Molkereien Milch von 7500 Vertragsbauern. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei 5,8 Milliarden Euro.

Hochwald Foods  aus Rheinland-Pfalz ist die drittgrößte Molkereigruppe in Deutschland. „Insgesamt 3000 Milchbauern beliefern unsere neun Molkerei-Standorte in Deutschland, Belgien und den Niederlanden“, so eine Unternehmenssprecherin. „Für 2018 erwarten wir wie im Vorjahr einen Jahresumsatz von rund 1,5 Milliarden Euro.“ Das Unternehmen verarbeitet jährlich rund 2,3 Milliarden Kilogramm Milch – alleine rund 750 Millionen Kilogramm Milch in der Molkerei in Hungen.

Die größte Molkerei mit Firmensitz in Hessen ist die Schwälbchen Molkerei  in Bad Schwalbach. „Von unseren 300 Vertragsbauern haben rund 95 Prozent ihren Hof in Hessen“, sagte Schwälbchen-Chef Günter Berz-List. „Wir haben im vergangenen Jahr 137 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet – das sind 4,5 Prozent mehr als 2017.“ Auch der Umsatz hat sich 2018 um 4,5 Prozent auf rund 188 Millionen Euro erhöht.

Noch ein wenig kleiner ist Hessens einzige Bio-Molkerei Upländer.  „Mit 40 Millionen Kilogramm Milch angelieferter Milch haben wir über fünf Prozent mehr verarbeitet als 2017“, so Geschäftsführerin Karin Artzt-Steinbrink. „Wir konnten unseren Jahresumsatz von 28 Millionen Euro (2017) um über sieben Prozent auf 30 Millionen Euro (2018) verbessern.“

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