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Werbung für einen Schokodrink: Jahrzehntelang war das Image der Milch einwandfrei.

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Heimtückisches Gift und Klimakiller? Milch erhitzt die Gemüter

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Akne, Arthrose, gar Krebs: Kritiker machen Stimmung gegen die Milch. Die Hersteller halten dagegen – verzweifelt. Denn ihre Gegner gewinnen nach und nach an Boden.

Im 19. Jahrhundert residierte hier das Bankhaus Mendelssohn, heute beherbergt das neoklassische Gebäude in Berlin-Mitte vor allem Institutionen, die viel repräsentieren müssen. Ein ganzes Stockwerk im Seitenflügel hat der Milchindustrieverband für sich reserviert. Hier koordiniert Eckhard Heuser den Kampf um den guten Ruf der Milch.

Agraringenieur Heuser leitet den Verband seit mehr als einem Jahrzehnt. „Grundsätzlich gilt für die Milch eine Unschuldsvermutung“, beschreibt er die Vergangenheit ihres Markenkerns. „Sie ist weiß, sie hat mit Geburt und neuem Leben zu tun.“ Damit habe sie es auch heutzutage bei umwelt- und gesundheitsbewussten Kunden leichter als das Fleisch. Doch in den vergangenen Jahren registrieren er und seine Leute viel schlechte Presse für die Milch. „Wir versuchen, dem mit wissenschaftlichen Fakten entgegenzutreten, doch damit kommt man nicht in allen Fällen weiter.“

Alternativen wie Hafer- und Sojadrinks werden beliebter

Tatsächlich wachsen die Zweifel an den Vorteilen der Milch für die Gesundheit – und auch die Kritik an ihrer Umweltbilanz wird lauter. Zum Tag der Milch am 1. Juni bringen nun die Gegner und Befürworter des Euter-Getränks ihre Argumente mit besonderer Heftigkeit vor. Für die einen ist die weiße Flüssigkeit ein heimtückisches Gift und zugleich Klimakiller. Für die anderen ist es ein unersetzliches Gesundheitselixier. Die Milchskeptiker gewinnen dabei nach und nach an Boden. Das lässt sich auch am steigenden Absatz von Alternativen wie Hafer- und Sojadrinks ablesen.

Bodo Melnik ist so etwas wie der direkte Gegner von Verbandschef Heuser im Kampf um das Image der Milch. Seit einem Jahrzehnt warnt der prominente Professor vor den angeblichen Gefahren des Milchtrinkens. Melnik ist Hautarzt an der Universität Osnabrück – und eine Berühmtheit in Kreisen der Milchgegner, seit er mit der These an die Öffentlichkeit getreten ist, Milch löse Entzündungen wie Akne und Arthrose aus. „Wir empfinden sie als Nahrungsmittel und unterliegen damit einem Trugschluss“, erklärt er in seinen Vorträgen. Wenn er von Milch spricht, dann klingt es immer etwas eklig: „Es ist ein Sekret, das in der Säugetierevolution dafür gemacht ist, das Wachstum nach der Geburt zu fördern.“ Die Milch enthalte Signalstoffe, die in den Zellen Schalter umlegen und sie anders programmieren. Die Folge seien Alzheimer, Übergewicht und Krebs.

Schonungslos: Im Büchern und im Netz geht es gegen die Milch.

Melnik ist nicht der Einzige, der gegen den Milchkonsum argumentiert. Heuser wiederum ärgert sich über jeden einzelnen Medienbericht darüber. „Wir liefern sichere, qualitativ hochwertige Produkte“, sagt er in seinem Büro im Mendelsohnhaus. Melnik bewege sich mit seinen Thesen außerhalb der Meinung einer Mehrzahl der Wissenschaftler, die keine Gefahren sehen.

Heuser empfindet sich und seine Organisation jedoch als zunehmend machtlos gegenüber den im Netz gut geklickten Überschriften von der Milch, die schreckliche Krankheiten auslösen soll. „Wenn wir etwas twittern, dann gilt das gleich als Meinungsmache durch einen Verband.“ Ein wenig sieht er sich damit in einem Boot mit anderen etablierten Institutionen, die mit ihren Botschaften im Internetzeitalter nicht mehr durchdringen.

Das eigentliche Problem der Branche ist der niedrige Milchpreis

Andererseits sieht Heuser es auch nicht mehr als Kernaufgabe des Verbands, Werbung für gesunde Milch zu machen. Fernsehspots à la „Die Milch macht’s!“ lässt er schon lange nicht mehr buchen. Reklame für das Endprodukt überlässt er Mitgliedsfirmen wie der Molkerei Müller, dem Philadelphia-Hersteller Mondelez, aber auch den Großkonzernen Danone oder Nestle. Die wiederum wollen vor allem hochgezüchtete Markenware absetzen, mit der sich mehr Geld verdienen lässt als mit bloßer Milch.

Das ist wichtig, denn das eigentliche Problem der Branche ist weiterhin der niedrige Milchpreis. Die Kritik eines Professor Melnik hat keine eindeutigen Auswirkungen auf den Absatz. Aber jeden Tag schließen in Deutschland mehrere Milchhöfe. Zu den aktuellen Preisen von unter 80 Cent je Liter frische Vollmilch können kleinere Betriebe ihre Kosten nicht decken. Bauern, die eigentlich alles richtig machen, müssen im Konkurrenzkampf aufgeben.

Die Alternativen aus Hafer, Soja, Mandeln oder Reis erzielen doppelt so hohe Preise, obwohl sich die Betriebe die aufwendige Haltung von Kühen sparen. Hersteller wie Alpro, Oatly oder Natumi nehmen mehr als 1,50 Euro pro Liter. Je mehr kritische Nachrichten sich von der Milch verbreiten, desto eher sind die Kunden bereit, den Aufpreis auch zu bezahlen.

Im April ist der Absatz der Milchalternativen im Vorjahresvergleich um ein Drittel auf zwölf Millionen Liter gestiegen. Das ist noch weit weg von den 300 Millionen Liter normaler Trinkmilch, die die Bundesbürger im Monat wegputzen. Dazu kommen noch Butter, Käse, Sahne und Joghurt. Doch der Trend zeigt leicht nach unten.

Die Frage nach den Vor- und Nachteilen der Milch löst inzwischen kleine Glaubenskriege aus – und das,obwohl die Mehrheit der seriösen Forscher zumindest keine größeren Gefahren im moderaten Milchkonsum sehen. Ob sie bestimmte Krankheiten unter Umständen zum Teil begünstigt, ist noch Forschungsthema.

Verbandspräsident Heuser denkt nun über ein Nachhaltigkeitssiegel nach, um den Anfeindungen der Milch-Gegner etwas entgegensetzen.

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