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Ohne Haus und Hof

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Von: Kathrin Hartmann

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Ziegelei in Kambodscha: Oft müssen Kinder mitarbeiten, um die Schulden der Familie abzuzahlen.
Ziegelei in Kambodscha: Oft müssen Kinder mitarbeiten, um die Schulden der Familie abzuzahlen. © Licadho

Mikrokredite gelten als Wunderwaffe gegen Armut. Tatsächlich treiben sie viele Menschen in die Schuldenfalle, die dann ihr Land verlieren, wie eine Studie am Beispiel Kambodschas zeigt. Dennoch pumpen auch Nachhaltigkeitsbanken Geld in diesen Sektor.

Früher hatte ich genug zu essen, aber heute ist mein Leben viel schwieriger“, sagt Chamroeun. Der kambodschanische Bauer hatte beim Mikrokreditinstitut LOLC über 3000 Dollar aufgenommen, um Kautschukbäume anzupflanzen. Als er die Schulden tilgen sollte, fiel die Ernte aus. Die Bank drohte mit Gefängnis, zwang ihn zu einem Kredit bei einer privaten Verleiherin zu hohen Zinsen. Um sie zu bezahlen, hungerte er, schickte die Kinder zu Verwandten, lieh sich weiter Geld – und geriet so tief in der Schuldenfalle, dass er sein Land verkaufen musste.

Chamroeun ist eines von vielen Opfern von Mikrokrediten, die die kambodschanischen Menschenrechtsorganisationen Licadho und STT im Jahr 2019 befragten. Seither haben lokale NGOs weitere Studien vorgelegt, die systematische Menschenrechtsverletzungen durch Mikrofinanzinstitute (MFI) und Banken zeigen: Kreditnehmer:innen werden eingeschüchtert, sparen an Essen und nehmen Kinder aus der Schule, damit sie bei der Schuldentilgung helfen. Ganze Familien emigrieren zum Arbeiten ins Ausland. Schuldner:innen werden zum Verkauf ihrer Felder und Häuser gezwungen, weil fast alle Banken und MFI Land als Sicherheit für Kredite nehmen. Die Menschenrechtsorganisation Fian hat diese und eigene Recherchen in der Studie „Mikrokredite und Überschuldungskrise in Kambodscha“ zusammengefasst.

Überschuldung: Jahrelang wurden Zinsen von bis zu 30 Prozent verlangt

In den 2000er Jahren wurden Mikrokredite als Armutsbekämpfung glorifiziert. 2010 jedoch geriet der größte Mikrofinanzmarkt der Welt in Indien in die Krise, Dutzende überschuldete Frauen nahmen sich das Leben. Bis heute gibt es keinen Beleg für die armutslindernde Wirkung von Mikrokrediten. Dennoch wird weiter investiert: Weltweit gibt es geschätzte 200 Millionen Schuldner:innen, das Volumen der Kleinkredite beträgt rund 100 Milliarden Dollar.

Kambodscha zählt zu den größten Mikrofinanzmärkten der Welt: Ende 2020 standen 2,8 Millionen Kreditnehmer:innen mit 11,8 Millionen Dollar bei MFI in der Kreide. Die durchschnittliche Höhe dieser Kleinkredite liegt bei 4280 US-Dollar – so hoch wie nirgendwo sonst auf der Welt und viermal so viel Geld wie das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Kambodscha.

Die Überschuldungsrate beträgt bis zu 50 Prozent – auch deshalb, weil jahrelang Zinsen von 20 bis 30 Prozent verlangt wurden. 2017 senkte die Regierung den Jahreszinssatz auf maximal 18 Prozent. Doch die kambodschanischen Banken umgingen diese Obergrenze, indem sie die Gebühren erhöhten. Eine unabhängige Kontrolle der MFI und Banken gibt es nicht – nur freiwillige Mechanismen und Richtlinien, die, so Fian, die Schuldner:innen kaum schützen.

In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Mikrofinanzmarkt in Kambodscha jährlich um 40 Prozent. Dieses Wachstum wurde von internationalen Geldgebern befeuert – auch aus Deutschland. Von 2009 bis 2016 gaben die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) und die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) 370 Millionen US-Dollar an kambodschanische MFI, direkt und über Mikrokreditfonds. Auch private Investoren, die sogenannte ethische oder nachhaltige Geldanlagen anbieten, etwa Oikocredit, Triodos Investment Management und GLS Investment Management, haben in den kambodschanischen Mikrofinanzmarkt investiert. Laut Fian-Studie betrug die laufende Finanzierung kambodschanischer MFI über deutsche und in Deutschland ansässige Investoren und Fonds Ende 2020 mindestens 170 Millionen Euro.

Verlust von Land

In Kambodscha gibt es zwar ein gesetzliches Zwangsvollstreckungsverfahren, das von Gerichten angeordnet werden muss. Doch Banken vermeiden dies oft und zwingen Schuldner:innen informell zum Verkauf. Die Studie „Collateral Damage“ (2019) untersuchte 22 erzwungene Landverkäufe. In einigen Fällen suchten die Kreditsachbearbeiter:innen aktiv nach Käufer:innen für das Land, mit denen die Kredite besichert waren.

Die Studie „Right to Relief“ (2021) recherchierte in 14 Gemeinden in acht Provinzen des Landes. In zwölf davon berichteten Dorfbewohner:innen von schuldengetriebenen Landverkäufen,
in neun Gemeinden von erzwungenen Landverkäufen. Teilweise waren ein Viertel bis zwei Drittel der Bevölkerung davon betroffen.

Nach Daten des Nationalen Instituts für Statistik in Kambodscha mussten 2016 rund 70 000 Haushalte wegen Schulden ihr Land verkaufen. FR

Dabei belegte bereits im Jahr 2017 die unveröffentlichte, aber geleakte „Over-Indebtedness Study Cambodia“, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), von der KFW und Oikocredit, dass bis zu 50 Prozent der Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer in Kambodscha von Überschuldung betroffen und mehr als die Hälfte der Mikrokredite durch Landtitel abgesichert seien. Die Untersuchung nannte dies eine „ernsthafte Bedrohung“ für arme Haushalte. In der Corona-Krise wuchs die Verschuldung in Kambodscha um weitere elf Prozent.

Überschuldung: Auch Oikocredit und GLS Investment geben weiter Geld

Trotzdem wird weiter Geld in den übersättigten Markt gepumpt. Auch Oikocredit erhöhte 2021 das Kambodscha-Portfolio um mehr als zehn Millionen Euro, der Mikrokreditfonds von GLS Investment vergab einen Kredit über fünf Millionen US-Dollar an LOLC.

Bei den Menschenrechtsorganisation in Kambodscha stößt das auf Unverständnis: „Wir sind enttäuscht über die Untätigkeit deutscher und anderer europäischer Geber des kambodschanischen Mikrofinanzsektors im Hinblick auf die Überschuldungskrise hier“, sagt Naly Pilorge, Direktorin von Licadho. „Die Kreditnehmer:innen brauchen sofortige Hilfe, und wir hoffen, dass die deutschen und europäischen Investoren anfangen, auf die Stimmen der Kreditnehmer zu hören und Verantwortung für ihre schädlichen Investitionen zu übernehmen.“

Auf Anfrage teilen DEG, KFW, Triodos Investment Management, Oikocredit und GLS Investment Management mit, dass sie sich den „Herausforderungen“ in Kambodscha bewusst seien und die Vorwürfe „sehr ernst“ nähmen. Alle würden nur mit sorgfältig ausgewählten Mikrofinanzinstituten zusammenarbeiten. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat eine wissenschaftliche Studie beim Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg/Essen in Auftrag gegeben, das die Situation derzeit in Kambodscha untersucht.

Überschuldung: KFW-Tochter DEG verweist auf internationale Sozialstandards

Die KFW-Tochter DEG schreibt, dass sich die von ihr mitfinanzierten Unternehmen an internationale Umwelt- und Sozialstandards wie die Performance Standards der Weltbank-Tochter IFC und die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsagentur (ILO) halten müssten. Triodos Investment Management und Oikocredit verweisen auf eigene Kriterien und die freiwilligen Richtlinien des Mikrofinanzsektors in Kambodscha.

Allerdings hat sich Oikocredit zur Klärung der Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen nur mit den Finanzpartnern vor Ort und dem Lobbyverband Cambodian Microfinance Association in Verbindung gesetzt, nicht mit den lokalen Menschenrechtsorganisationen.

GLS Investment Management ist mit diesen nach eigenen Angaben seit 2019 in Kontakt. „Unser Fondsmanager FS Impact Finance hat nach Gesprächen mit den Finanzinstituten und Kreditnehmerinnen keine konkreten Fälle bei Instituten gefunden, in die wir zu diesem Zeitpunkt investiert haben“, sagt Rebecca Weber, bei GLS Investment Management für Nachhaltigkeit zuständig. Vor dem Investment in LOLC habe der Fondsmanager das Institut genau geprüft und als sinnvollen Partner erachtet – auch deshalb, weil die Kundenschutzrichtlinien von einem externen Prüfer zertifiziert worden seien und das Institut keine großen Gewinne an Eigentümer ausgezahlt habe.

„Die Vorwürfe aus den Studien machen uns betroffen. Wir brauchen eine Konkretisierung dieser Fälle und wie systematisch sie sind, damit wir Konsequenzen ziehen können“, sagt Weber. Dafür will GLS Investment Management im März weitere Gespräche mit den kambodschanischen Menschenrechtsgruppen und weiteren Akteur:innen führen.

Grafik: Wie Mikrokredite in Kambodscha besichert sind.
Sicherheiten für Mikrokredite in Kambodscha © FR

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