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Mietenwucher im Libanon – Wie „Housing Monitor“ Leute vor der Zwangsräumung retten will

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Der Hafen von Beirut eineinhalb Jahre nach der Explosion.
Der Hafen von Beirut eineinhalb Jahre nach der Explosion. © Julia Neumann

Aufgrund der Inflation sollen die Menschen im Libanon ihre Mieten in US-Währung zahlen. Sonst droht ihnen der Rausschmiss. Ein Erfahrungsbericht von Julia Neumann.

Libanon - Zwei Wochen ohne Wasser aus dem Hahn zu leben ist machbar, aber kompliziert. Das habe ich gelernt, als mein Vermieter die Leitung zudrehte, die vom Tank auf dem Dach in unsere Wohnung führt. Im Libanon liefert der Staat Wasser, das zunächst in diesen Tank fließt. Weil dieses Wasser aber generell nicht trinkbar ist, gibt es zusätzlich Trinkwasser in Plastikbehältern zu kaufen.

Die werden jetzt umgenutzt: Die Klospülung wird ersetzt durch einen Eimer voller Wasser, das mit Schwung in die Toilettenschüssel gekippt wird. Eine andere Gallone kommt in einen Spender, der das Wasser durch Strom erhitzt. Das ist eigentlich für das Kochen von Tee oder Kaffee gedacht – mit einer Schüssel unter dem Auslauf wird nun der Abwasch gemacht. Zum Duschen geht es zu einer Freundin.

Wohnen im Libanon: Wenn die Miete zum Luxus wird

Im Libanon können sich viele Menschen Strom, Lebensmittel, Benzin und Medikamente kaum noch leisten. Jahrelange Korruption hat den Staat geplündert. Die Inflation, gepaart mit der Pandemie und der Explosion in der Hauptstadt Beirut im Sommer 2020, haben auch eine Wohnungskrise ausgelöst: Menschen können ihre Mieten nicht mehr zahlen, für Vermieterinnen und Vermieter sind sie aber oft die einzige Einnahmequelle.

Der Streit mit meinem Vermieter begann mit dem Fall der libanesischen Lira: Alles ist noch in Ordnung, als ein US-Dollar, umgerechnet 0,90 Euro, für knapp 1500 Lira gehandelt wird. Eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadtmitte kostete mehr als 900 US-Dollar, eine Drei-Zimmer-Wohnung in guter Lage rund 1900 US-Dollar im Monat. Dann gaben die Banken ab Herbst 2019 keine Devisen mehr aus. Der Staat war pleite und brauchte die Reserven. Im Anschluss schnellte der Wechselkurs in die Höhe; als er bei 3000 Lira pro US-Dollar stand, stellte mir mein Vermieter ein Ultimatum: Entweder meine Mitbewohnerin und ich zahlen in Dollar – oder wir müssen raus.

US-Dollar waren im Libanon ein gängiges Zahlungsmittel im Restaurant oder aber um einen Fernseher oder die Miete in bar zu zahlen. Mit dem Beginn der Wirtschaftskrise im Oktober 2019 rannten die Menschen auf die Bank und wollten ihr Geld in der Hand halten. Mit der hohen Nachfrage fiel die Lira rasanter, Banken gaben für einen deponierten US-Dollar auf dem Konto 3900 Lira aus, bald 7000. Ein Ökonom nannte das im schlechten Kurs umgetauschte Geld „Lollar“ – ein lachhaft geringer Betrag. Ab März 2020 beschleunigte Corona den Fall. Hunderttausende verloren ihre Jobs oder wurden zum weiter offiziellen Kurs von 1500 Lira bezahlt. Während Lebensmittel, Medizin und Benzin teurer wurden, lag der Mindestlohn bei umgerechnet 20 US-Dollar im Monat.

Trotz hoher Nachfrage stehen viele Wohnungen in Beirut leer.
Trotz hoher Nachfrage stehen viele Wohnungen in Beirut leer. © Julia Neumann

Für importierte Waren war klar, in welchem Kurs sie bezahlt werden: zum Schwarzmarktkurs. Tabakhändler oder Kioskbesitzer wurden zu Geldwechslern; sie kauften die wenigen Dollar, die im Umlauf waren und verkauften sie an Supermärkte oder Apotheken, damit diese Waren importieren konnten. Lokale Produkte wurden teurer, weil irgendwo in der Produktionskette – zum Beispiel Samen für den Anbau von Tomaten – importiert wurde. Doch was ist mit Mieten?

Für unseren Vermieter war die Sache klar: Er hat Anspruch auf seine 500 US-Dollar im Monat. Meine Mitbewohnerin hatte US-Dollar auf der Bank, die sie für einen schlechten Kurs hätte abheben müssen. Und ich fand 500 US-Dollar für die heruntergekommene Wohnung am Stadtrand ohne Heizung und mit sechs Stunden Stromausfall pro Tag ohnehin happig. Ein befreundeter Anwalt setzte einen Brief auf; das libanesische Recht besagte, dass wir weiter im alten Umrechnungskurs in Lira zahlen dürften. Der Vermieter gab zunächst Ruhe.

Inflation im Libanon lässt Mieten astronomisch steigen

Das Problem: Viele Mieterinnen und Mieter wissen nicht um ihre Rechte. Das „Housing-Monitor“-Projekt bietet eine Telefonhotline, über die Menschen Verstöße im Wohnungswesen wie etwa Mieterhöhungen melden können. Das Projekt gehört zu der privaten Organisation „Public Works Studio“, die sich um die Wohnbedürfnisse von Menschen im Libanon kümmert, vor allem von Armen oder Geflüchteten und ausländischen Hausangestellten, die nur selten Zugang zu einem Rechtsbeistand haben. Der „Housing Monitor“ wird vom „Arab Council for Social Sciences“ (ACSS) und kleineren Spenden unter anderem von der Heinrich-Böll- und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt.

„Unsere Interventionen sind immer fallspezifisch“, sagt Jana Haidar, Koordinatorin beim „Public Works Studio“. „Manchmal regelt es eine Anwältin mit einer Rechtsberatung für die Mieterinnen und Mieter, damit sie danach selbst verhandeln können. Aber Migrantinnen und Migranten, die oft keine Papiere haben, oder Geflüchtete, die nicht registriert sind, möchten den Konflikt nicht eskalieren. Sie möchten keine Anwälte von uns, weil sie eine aggressive Antwort fürchten.“ Dann setzt der Housing Monitor auf Einsicht der Vermietenden und bietet zum Beispiel an, ihnen bei möglichen eigenen Wohnproblemen zu helfen.

„Im Libanon sind die meisten Besitzerinnen und Besitzer von Wohnraum Männer. Wenn wir alle einrechnen, auch die nicht-libanesischen Bürger:innen, ist es höchst disproportional.“ 

Jana Haidar, Koordinatorin beim „Public Works Studio“

„Viele Vermieter sind nämlich selbst Mieter“, sagt Haidar. Manchmal bittet die Organisation eine Person, die beide Parteien gut kennt, zu vermitteln. Mehr als 600 Beschwerden hat das Projekt seit Januar 2020 registriert. Nach eigenen Angaben konnten 92 Zwangsräumungen verhindert und für Hunderte Menschen sichere Wohnbedingungen verhandelt werden. Die meisten der Beschäftigten von Housing Monitor sind übrigens weiblich. Denn die Gründerinnen seien Frauen, „die anderen Frauen etwas zutrauen“, sagt Haidar.

„Im Libanon sind die meisten Besitzerinnen und Besitzer von Wohnraum Männer. Wenn wir alle einrechnen, auch die nicht-libanesischen Bürger:innen, ist es höchst disproportional.“ Von Räumungen sind deshalb mehr Frauen betroffen, weshalb auch mehr Frauen bei der Organisation um Hilfe bitten. Das Krux dabei ist: Wohnraum wird meist vererbt. „Unsere Erbschaftsregelungen basieren noch auf religiösen Gerichten“, sagt Haidar. Frauen erben nur die Hälfte dessen, was der Mann erbt. „Männer haben besseren Zugang zu Ressourcen, die es ihnen erlauben, mehr Wohnraum zu besitzen.“

Jana Haidar von „Housing Monitor“.
Jana Haidar von „Housing Monitor“. © Julia Neumann

Durch die Explosion im August 2020 haben viele Menschen im Libanon ihr Zuhause verloren

Rückblick: Am 4. August 2020 detonierten Hunderte Tonnen falsch gelagertes Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut. Viele Gebäude wurden bei der Explosion beschädigt. 30.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Viele Vermieterinnen und Vermieter können sich die Renovierung nicht leisten – Glas oder Aluminium müssen in US-Dollar bezahlt werden. Zwar sind hier viele Nichtregierungsorganisationen eingesprungen, doch eine frisch renovierte Wohnung bot vielen Vermietenden den Anreiz, die Miete in Dollar zu verlangen.

In direkter Nähe des Hafens lebten vor allem arme Menschen. Jana Haidar sagt: „Wir wissen, dass eine Reihe von Syrerinnen und Syrern bei Verwandten und in Lagern untergekommen sind. Wir wissen, dass es zumindest eine Familie gibt – der Fall ist aber exemplarisch – die ihr Haus verloren hat und nun ständig umziehen muss, weil sie durch die Explosion des Hafens auch ihre Arbeit verloren hat. Also mieten sie für kurze Zeit, bis der Vermieter sie rausschmeißt, weil sie nicht bezahlt haben.“ Die Menschen seien in ständiger Sorge vor der Zwangsräumung. Sie zögen in Häuser, die seit der Explosion nicht renoviert wurden, weil sie billiger seien. Dort gebe es keine Fenster, Türen oder Toiletten. Eine billigere Variante, nur zu sehr schlechten Bedingungen.

Zwangsräumung im Libanon: Menschen haben Angst um ihre Wohnung

Als ich im Frühjahr 2021 in Deutschland bin, folgt auch bei uns das Nachspiel. Der Vermieter stellt meiner Mitbewohnerin zunächst den Strom ab. Er ruft die Polizei und sagt, sie habe die Wohnung illegal beschlagnahmt. Meine Mitbewohnerin ruft bei Housing Monitor an. Als ich zurück komme, stellt er auch das Wasser ab. Eine Anwältin, die pro bono für die Organisation arbeitet, geht mit uns zur Polizei und danach auf das Dach, auf dem der Tank steht. Nach 20 Minuten findet der Klempner den zugedrehten Hahn. Der Vermieter erklärt der Polizei, wir seien illegal in der Wohnung – er will uns raushaben.

„Es gibt eine Vereinigung für Vermieter. Die verkünden gerade, dass sie bei den niedrigen Preisen nichts vermieten“, sagt Haidar. Dabei stünden mindestens 20 Prozent des Wohnraums in Beirut leer. Es gebe aber keine Einheit oder Behörde, die sich um die Mieter:innen kümmere. Auch sozialen Wohnraum gebe es nicht. „Wenn Mieter sich entscheiden, vor Gericht zu ziehen, sind sie meist in einer besseren finanziellen Situation als die Leute, die bei uns anrufen“, so Haidar.

Mit der neuen Wohnung hat die Autorin einen Glücksgriff gelandet - auch wenn die Miete sich am Schwarzmarkt orientiert.
Mit der neuen Wohnung hat die Autorin einen Glücksgriff gelandet - auch wenn die Miete sich am Schwarzmarkt orientiert. © Julia Neumann

Libanon: „Housing Monitor“ setzt sich für ein Recht auf Wohnen ein

Einen Tag, nachdem Anwältin, Polizei, Vermieter, Anwalt des Vermieters und ich auf dem Dach um den Klempner herumstanden, haben wir wieder kein Wasser. Ich suche nach einer neuen Wohnung. Gleichzeitig setzt sich „Housing Monitor“ für ein Recht auf Wohnen ein. Das heißt, Zugang zu sicherem, nachhaltigen, adäquatem Wohnraum. Denn die meisten Mieterinnen und Mieter würden die Häuser verlassen, so Haidar, obwohl sie im Recht seien. Grund sei der mentale Gesundheitszustand, sie fühlten sich nicht mehr sicher in ihrem Zuhause. Das libanesische Recht besagt, dass die Miete wie vereinbart in Lira gezahlt wird – auch, wenn sie durch die Inflation weniger wert ist.

Am Ende geben auch wir auf und ziehen aus. Noch immer schüttelt es mich, wenn ich in der Nähe der alten Wohnung bin. Über eine Maklerin habe ich einen netten Vermieter gefunden. Die Miete liegt etwa mittig zwischen dem offiziellen und dem aktuellen Schwarzmarktkurs. Meine Mitbewohnerin lebt wieder in einer Wohnung in derselben Nachbarschaft – sie kann es sich nicht leisten, in ein anderes Viertel zu ziehen. Im Dezember 2021 bekommt der Housing Monitor den „World Habitat Award“ der Vereinten Nationen, dotiert mit 10.000 britischen Pfund. Es ist der wichtigste Preis für die Lösung von Wohnproblemen. Er bringt nicht nur Geld und Anerkennung, sondern vor allem mehr Bekanntheit. Bekanntheit, die hoffentlich den Mieterinnen und Mietern helfen wird. (Julia Neumann)

Dieser Text wurde bereits auf der Plattform „Deine Korrespondentin“ publiziert und erscheint hier als Teil einer Kooperation mit der Frankfurter Rundschau.

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