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Viele Inkasso-Firmen drohen mit dem Gerichtsvollzieher.

Verbraucherschützer warnen

Die miesen Tricks der Inkasso-Firmen

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Auf Abzocke folgt Einschüchterung: Viele Inkasso-Firmen stellen unberechtigte Forderungen und üben Druck aus, um schwindelerregende Summen einzutreiben. Verbraucherschützer haben die unseriösen Methoden nun unter die Lupe genommen - und fordern klare Regeln für das Geschäft mit den Schulden.

Überhöhte Gebühren, unberechtigte Forderungen Drohungen: Die Verbraucherzentralen stellen den deutschen Inkasso-Firmen in einer aktuellen Studie ein vernichtendes Zeugnis aus. Demzufolge sind fast alle Beschwerden von Verbrauchern über die unseriösen Methoden der Geldeintreiber berechtigt. In 84 Prozent der Fälle hätte überhaupt kein Geld eingefordert werden dürfen. Bei weiteren 15 Prozent war die Rechtslage zumindest unklar. Angesichts dessen kommt Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (VZBV), zu dem Schluss: "Unseriöses Inkasso ist eine bedrohliche Plage."

Die Verbraucherschützer hatten 4000 Beschwerden von Menschen aus ganz Deutschland ausgewertet. Dabei ging es um insgesamt 116 Inkasso-Firmen, von denen der überwiegende Teil offiziell bei Gerichten registriert ist. Knapp die Hälfte ist zudem Mitglied im Dachverband BDIU. Die meisten Forderungen folgen demnach auf untergeschobene Verträge, Abofallen im Internet, unerlaubte Telefonwerbung oder Gewinnspielwerbung - und sind deshalb null und nichtig.

Inkasso-Firmen drohen mit Verhaftung und Pfändung

Dass viele Betroffene trotzdem zahlen, liegt an der Drohkulisse, die die Firmen aufbauen. Die Verbraucher griffen aus Angst und Unkenntnis ins Portemonnaie, sie fühlten sich bedroht und eingeschüchtert, stellt Olaf Weinel von der Verbraucherzentrale Niedersachsen fest. Die Geldeintreiber drohen zum Beispiel mit Hausbesuchen, mit einem Eintrag bei der Schufa oder Lohn-Pfändung. "Ein Inkasso-Unternehmen drohte mit der Beauftragung einer Detektei, die Vermögens- und Arbeitsverhältnisse des Schuldners auszuspionieren - wegen einer Hauptforderung von 15,87 Euro", berichtet Weinel. Die Deutsche Zentral Inkasso GmbH, gegen die sich 4Prozent der untersuchten Beschwerden richteten, fügte ihren Forderungsbriefen oftmals den "Entwurf einer Klageschrift" bei. Oder es wurde auf entsprechende Gerichtsurteile verwiesen, in denen einzelne Verbraucher unterlagen und hohe Prozesskosten tragen mussten.

Wieder andere wiesen laut Studie in ihren Briefen auf eine mögliche Zwangsvollstreckung hin. Die Firma Teschinakasso betonte dabei, dass die Vollstreckung durch "Verhaftung betrieben werden kann". Die Verbraucherschützer kritisieren auch die aggressive Wortwahl der Geldeintreiber. Mit Formulierungen wie „wir haben Sie nicht vergessen“ oder „daher können wir nur hoffen, dass Sie diesmal die damit verbundenen erneuten Kosten und Unannehmlichkeiten zu vermeiden wissen“ würden die Verbraucher massiv unter Druck gesetzt. In insgesamt 75 Prozent der Fälle hätten die Firmen die Verbraucher bedroht, resümiert der Bericht.

Wie durch überhöhte Gebühren aus 20 Euro 1200 werden

In den meisten Fällen ging es um Beträge unter 100 Euro, teilweise wurden jedoch Beträge von mehreren 1000 Euro eingefordert. Dabei sorgen aus Sicht der Verbraucherschützer überhöhte "Fantasiegebühren" für eine Kostenexplosion in der Gesamtrechnung. Demnach verlangten in mehr als der Hälfte der Fälle die Inkassounternehmen nicht nachvollziehbare Gebühren, Zinsen und Aufschläge. So wird aus einer Bagatellforderung ein Vermögen. Ein Beispiel: Die UGV-Inkasso trieb eine Forderung in Höhe von 20,84 Euro ein. Der Mahn- und Inkassobescheid lautete aber bereits auf 169,21 Euro.

Innerhalb von rund 8 Jahren vergrößerte sich die Gesamtforderung auf 1206,37 Euro, obwohl der Schuldner in dieser Zeit bereits ein Vielfaches der ursprünglichen geforderten 20,84 Euro durch monatliche Ratenzahlungen beglichen hatte. So verlangte das Inkassounternehmen für regelmäßig standardisiert verschickte Ratenzahlungsvereinbarungen jeweils zwischen 50 und 135 Euro an Gebühren; daneben wurden zahlreiche weitere, nicht nachvollziehbare Gebühren in Rechnung gestellt.

Insgesamt lag bei den untersuchten Fällen die geforderte Summe bei rund 490.000 Euro, die Summe der Gesamtrechnungen inklusive Gebühren und Aufschläge aber bei 750.000 Euro - fast doppelt so hoch.

Aus der Beobachtung solcher Praktiken leiten die Verbraucherschützer eine Vielzahl von Forderungen ab. "Inkasso braucht Regeln, gesetzliche Informationspflicht, verlässliche Gebührenvorgaben und eine schlagkräftige Aufsicht", verlangt VZBV-Vorstand Gerd Billen. Das zuständige Bundesjustizministerium müsse unlautere Inkasso-Firmen in die Schranken weisen. So müssten die schwarzen Schafe der Branche mit Sanktionen belegt werden - von der Geldbuße bis zum Entzug der Zulassung. Schließlich sei "seriöses Inkasso legitim und sinnvoll", so die Verbraucherschützer.

Inkasso-Branche wehrt sich gegen Generalverdacht

Die Studie lege einen "Finger in die Wunde", sagt Marco Weber, Sprecher des Inkasso-Bundesverbands BDIU. Tatsächlich fordere sein Verband seit Jahren, die Aufsicht über Inkasso-Unternehmen zu verbessern und sie mit Sanktionsmöglichkeiten auszustatten, um eben solche Fälle zu verhindern. Er betonte jedoch zugleich, dass die Ergebnisse der Studie "nicht repräsentativ für die gesamte Inkasso-Branche" seien. Aus Sicht der Unternehmen sind neue Gesetze zur Regelung der Gebühren unnötig. "Die Inkasso-Branche arbeitet da keineswegs im rechtsfreien Raum, überhöhte Gebühren muss niemand bezahlen", so der BDIU-Sprecher.

Für die Betroffenen haben die Verbraucherschützer eine Reihe Tipps parat. Sie sollten sich in jedem Fall von den Methoden der Inkasso-Firmen nicht beeindrucken lassen, rät Expertin Simone Meisel von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt, sondern in Ruhe prüfen, ob die erhobene Forderung in Ordnung geht. Ist das nicht der Fall, sollten sie den Brief nicht einfach ignorieren, sondern schriftlich Widerspruch einlegen und auf einem Nachweis der Forderungen beharren. Musterbriefe dazu gibt es auf den Internetseiten der Verbraucherzentralen. Geht die Forderung an sich in Ordnung, doch die erhobenen Gebühren und Aufschläge kommen den Betroffenen überhöht vor, sollten sie sich eine Rechtsberatung suchen - entweder bei den Verbraucherzentralen oder einem niedergelassenen Anwalt.

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