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Wirbt für mehr Freiheit für die Beschäftigten: Nicole Gerhardt.

Arbeitskultur

„Mich hat es überrascht, wie reibungslos Arbeit im Homeoffice funktioniert“

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Personalvorständin Nicole Gerhardt vom Telekommunikationsanbieter Telefónica (O2) über flexibles Arbeiten und unnötige Präsenzpflichten.

Die Beschäftigten sollen künftig weitgehend eigenständig entscheiden, wo und wann sie arbeiten. Meetings finden grundsätzlich virtuell statt. Und die Dienstreisen sollen um 70 Prozent reduziert werden. So will der Telekom-Konzern Telefónica die Arbeitsorganisation umkrempeln. Personalvorständin Nicole Gerhardt preist die neue Flexibilität. Sie bringe mehr Autonomie und führe dazu, dass Beschäftigte sogar schon ihre Lebensmodelle überdenken. Allerdings sieht sie auch die Gefahr der Entgrenzung der Arbeit. Deshalb will Telefónica ein Recht zum Abschalten von Smartphone und Laptop einführen. Das Interview wurde selbstverständlich am Telefon geführt.

Frau Gerhardt, von wo rufen Sie an?

Ich bin zu Hause und das weitgehend schon seit viereinhalb Monaten. Insgesamt war ich seit Ausbruch der Pandemie etwa zehn Tage im Büro. Homeoffice funktioniert auch als Vorstand.

Fühlen Sie sich beim Arbeiten zu Hause oder im Büro wohler?

Am wohlsten fühle ich mich mit einem Hybridmodell – auch in Zukunft. Zu Hause zu arbeiten, verschafft mir gelegentlich Freiraum und ich arbeite unheimlich effizient. Aber mir fehlt auch mein Team und die Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen. Die Arbeit hat in den vergangenen Monaten bei uns vor allem so gut funktioniert, weil wir schon eine gewachsene Vertrauensbasis hatten.

Noch vor einigen Monaten haben Beschäftigte hartnäckig, aber erfolglos darum gekämpft, im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Warum hat sich das grundlegend geändert durch Corona?

Viele – auch mich – hat es überrascht, wie reibungslos die Arbeit im Homeoffice funktioniert. Dadurch ist ein Durchbruch gelungen. Es war und ist ein großes, und immer noch anhaltendes Experiment, bei dem irgendwann klar wurde, dass man gar nicht so viel reisen und sich immer persönlich sehen muss. Im Gegenteil, oft reicht auch eine Videokonferenz aus. Wir gehen jetzt einen mutigen nächsten Schritt. Künftig sollen unsere Mitarbeiter da arbeiten, wo es für sie am produktivsten ist. Das kann zu Hause, im Büro oder auch an einem anderen Ort sein. Die Präsenzpflicht schaffen wir für die meisten weitgehend ab.

Viele Unternehmen zögern aber noch, das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen. Wie können die Manager überzeugt werden?

Wir hatten noch nie eine so große Autonomie und Flexibilität in der Arbeitswelt. Das motiviert die Beschäftigten. Viele überdenken sogar ihre Lebensmodelle. Ich höre oft: Wir müssen nicht mehr in der Stadt wohnen. Wir können auch auf dem Land leben, weil wir nicht mehr pendeln müssen. Elternpaare überlegen, die Arbeit zwischen den Partnern anders aufzuteilen. Frauen fällt es leichter, in Vollzeit wieder einzusteigen und nicht in Teilzeit arbeiten zu müssen. Als Unternehmen sind wir viel effizienter in der Information unserer Mitarbeiter geworden. Es gab Videokonferenzen, in denen über 2000 Mitarbeiter gleichzeitig teilnahmen. Wir müssen viel weniger reisen, davon profitieren die Umwelt und auch die Mitarbeiter. Viele sagen, dass sie jetzt mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge haben. Ich kann nur jedes Unternehmen ermuntern: Geht mutig voran.

Ist die Entgrenzung der Arbeit die größte Gefahr beim Arbeiten im Homeoffice? Viele Beschäftigte arbeiten zu Hause offenbar mehr als im Büro.

Das Risiko sehe ich. Wir haben uns darauf verständigt, dass es bei uns auch ein Recht zum Abschalten von Smartphone und Laptop geben muss. Die Mitarbeiter haben eine vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit, darüber kann nicht hinausgegangen werden. Das ist ganz klar. Und niemand muss auf Mails am Wochenende, in den frühen Morgen- oder den späten Abendstunden antworten.

Müssen in Ihrem Modell Arbeitszeiten überhaupt noch eine Rolle spielen? Es kommt doch nicht auf die Arbeitsstunden an, sondern auf das Ergebnis.

Ganz genau. Aber diese Erkenntnis ist noch längst nicht für alle selbstverständlich. Viele Führungskräfte müssen noch lernen, dass Präsenz nicht gleichbedeutend ist mit guten Ergebnissen. Ergebnisse müssen vielmehr vor allem gut gemanagt werden. Der Mitarbeiter soll künftig stärker selbst entscheiden, für welche Aufgabe er wann und wo am produktivsten arbeiten kann. Das bringt mehr Autonomie, aber auch mehr Selbstverantwortung. Da muss in allen Unternehmen noch viel getan werden. Aber es ist absolut richtig, von der starren Ausrichtung an der Arbeitszeit wegzukommen.

Siemens

Vorstandsbeschluss: Gut 140 000 Siemensianer an über 125 Standorten in 43 Ländern sollen nun dauerhaft die Möglichkeit haben, im Homeoffice oder von einem mobilen Arbeitsplatz aus zu arbeiten. Neue Normalität: Mobiles Arbeiten werde auch über die Pandemie hinaus als Kernelement der neuen Normalität etabliert, so Siemens. Ziel ist es, dass die betroffenen Beschäftigten weltweit im Schnitt zwei bis drei Tage pro Woche mobil arbeiten können, wenn sie es wollen und es machbar ist. Erkenntnis: „Die Coronakrise hat einen Digitalisierungsschub ausgelöst“, stellt Busch klar. Es habe sich gezeigt, dass ortsunabhängiges Arbeiten viele Vorteile biete und in weitaus größerem Rahmen möglich sei als ursprünglich angenommen. Hybrider Ansatz: Siemens setzt nicht ausschließlich auf Homeoffice und Arbeiten von zu Hause aus. Das hybride Arbeitsplatzmodell schließe in Absprache mit Vorgesetzten auch Arbeitsumgebungen wie Co-Workingbüros ein.

Aber besteht hier nicht die Gefahr der Überforderung? Es gibt Beispiele von IT-Unternehmen, die Arbeitszeiten aufgehoben haben und Teams stattdessen Projekte zugeordnet waren. Die Vorgaben waren so anspruchsvoll, dass die Beschäftigten mehr als zuvor arbeiten mussten.

Man muss genau darauf achten und realistische Ziele setzen. Es nützt auch dem Arbeitgeber letztlich nichts, wenn die Mitarbeiter überfordert sind, denn dann leidet auch die Qualität.

Geht mit den neuen hybriden Arbeitsformen nicht auch etwas verloren? Viele gute Ideen entstehen in der Teeküche oder auf dem Flur.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Menschen sind und die unmittelbare soziale Interaktion brauchen. Das ist absolut wichtig und auch der Grund, warum wir nicht in reine Homeoffice-Lösungen gehen, sondern ein Hybridmodell verfolgen. Zu bestimmten Zeiten, etwa wenn neue Mitarbeiter anfangen, ist es wichtig, dass sie alle Kollegen auch persönlich kennenlernen – nicht nur am Bildschirm.

Besteht durch Homeoffice auch die Gefahr, dass Firmen verstärkt mit freien Mitarbeitern zusammenarbeiten?

Mehr virtuelle Zusammenarbeit macht es sicher grundsätzlich einfacher mit Free-Lancern zusammenzuarbeiten. Aber wir verfolgen diesen Ansatz nicht. Ganz im Gegenteil. Gerade läuft ein Projekt, mit dem wir strategische Kompetenzen wieder „insourcen“ (ins Haus holen, d.R.), denn wir glauben, dass vieles besser „Inhouse“ erfolgen sollte.

Wird es bei Telefónica auch weniger Meetings mit physischer Anwesenheit geben?

Für uns ist künftig Digital der Standard. Meetings sollen prinzipiell virtuell stattfinden, es sei denn, es gibt einen spezifischen Grund, der eine persönliche Anwesenheit notwendig macht. Das ist der Kern unseres Konzepts. Dieses Prinzip ermöglicht es erst, dass Mitarbeiter mobil und im Homeoffice arbeiten können. Denn sie müssen kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn sie von zu Hause aus an Meetings teilnehmen.

Und Dienstreisen soll es auch nicht mehr geben? Dabei sind das für viele Beschäftigte hochgeschätzte kleine Fluchten.

Auch mit unseren Konzepten „Working everywhere“ und „Working anytime“ sind die „kleinen Fluchten“ möglich. Man kann und soll sich ja auch einmal eine halbe Stunde oder Stunde vollkommen ausklinken können. Dabei kann man auch auf Reisen verzichten und die Umwelt schonen. Und für viele ist das Reisen überdies eine große Belastung.

Wie hoch sind die Einsparungen, die das Unternehmen durch das Einschränken von Dienstreisen erzielen kann?

Bei Telefónica Deutschland gab es wegen der vielen Standorte eine besonders starke Reisetätigkeit. Wir werden deshalb eine größere Summe einsparen. Aber bei unserem Ziel von 70 Prozent weniger Dienstreisen geht es nicht primär darum, nur Kosten zu senken. Wir haben im Vorstand schon entschieden, einen Teil der Einsparungen zurückzugeben. Wir werden entweder in die Mitarbeiterentwicklung investieren oder an gemeinnützige Organisationen spenden. Über die Art der Projekte werden wir zu einem späteren Zeitpunkt final befinden. Aber eins ist jetzt schon klar: Uns geht es um mehr Produktivität und auch um Klimaschutz.

Nicole Gerhardt ist Personalvorständin beim Telekommunikationsanbieter Telefónica (O2)

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