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Am Weltfrauentag am vergangenen Sonntag protestiert eine Mexikanerin gegen Gewalt gegen Frauen.

„Ein Tag ohne uns“

Frauen setzen ein Zeichen: Mexikanerinnen streiken gegen Männergewalt

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Gewalt gehört zum Alltag vieler Frauen in Mexiko. Sie wehren sich und ziehen sich getreu dem Motto „Ein Tag ohne uns“ aus dem öffentlichen Leben zurück.

  • Gewalt gegen Frauen hat in Mexiko Tradition
  • Am 9. März streiken sie
  • 22 Millionen Frauen, also 40 Prozent, nahmen laut Unternehmerverband Coparmex am Streik teil

Luby Springall greift zur Kreide, geht in die Knie und schreibt mit ausladenden Bewegungen: „Erinnern wir an und ehren wir alle Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind“. Springall formuliert diesen Satz auf das Mahnmal für die getöteten Frauen in Mexiko Citys Stadtteil Polanco. Und ehren heißt für die bekannte Architektin nicht nur am Weltfrauentag zu demonstrieren, sondern vor allem auch, am Montag in den Streik zu treten. „Am 9. März gehen wir alle in den Ausstand um zu zeigen, dass es keine Welt ohne Frauen geben kann, dass sie uns respektieren müssen, damit es Gerechtigkeit gibt, damit sie uns gut bezahlen.“

Frauen streiken in Mexiko gegen Benachteiligung

In Mexiko werden nach Angaben des Nationalen Statistikamtes INEGI pro Tag zehn Frauen ermordet. 2018 zählten die Behörden 3752 sogenannte Feminizide, das heißt die Opfer wurden getötet, weil sie Frauen waren. Es war die höchste Zahl seit Beginn der Zählung 1990. 1722 Frauen gelten zusätzlich als vermisst. Und noch immer verdienen Frauen nach Angaben der staatlichen Anti-Diskriminierungsbehörde CONAPRED in Lateinamerikas zweitgrößtem Land 34 Prozent weniger als die Männer.

#UnDíaSinNosostras – „Ein Tag ohne uns“ ist der Hashtag, mit dem Frauenschutzorganisationen, feministische Kollektive und selbst die Regierung, angeführt von Innenministerin Olga Sánchez Cordero, zum Ausstand aufrufen. „Keine Frau auf der Straße, keine in der Arbeit, in der Schule, der Uni oder dem Supermarkt“ – lautete das Motto für diesen Montag. Nicht mal in den sozialen Netzwerken sollten die Frauen unterwegs sein. Sie sollen für einen Tag völlig aus dem Straßenbild und der virtuellen Welt verschwinden.

Frauen-Streik in Mexiko wird von Firmen unterstützt

In Mexiko leben 60 Millionen Frauen, die 40 Prozent der Werktätigen stellen. Sollten die 57 Prozent zu Hause bleiben, von der die Wirtschaftszeitung „El Financiero“ auf Basis einer Umfrage berichtet, dann dürften tatsächlich weite Teile der Räder der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas stillstehen. Das Geldinstitut BBVA Bancomer México schätzt die Verluste des Frauenstreiks für die Volkswirtschaft auf umgerechnet 1,5 Milliarden Dollar. Frauen sind in Mexiko vor allem im Dienstleistungssektor und dem Bildungsbereich tätig.

Luby Springhall.

Aber viele große Firmen, darunter auch deutsche Autobauer, haben angekündigt, den Streik zu unterstützen. Bei Volkswagen de México stellen Frauen 13 Prozent der Arbeiterinnen. Daher mache es keinen Sinn, die Bänder laufen zu lassen, teilte das Unternehmen mit und betonte, es werde keine ökonomischen Einbußen für die Frauen geben. Auch Audi wollte am Montag die Produktion ruhen lassen.

Große internationale Handelsketten und mexikanische Firmen unterstützen den Ausstand. Supermärkte, Fernsehsender, Nahrungsmittelhersteller, Banken und Universitäten – alle machen mit. Die meisten Firmen zahlen den Lohn an dem Tag weiter. Andere – wie etwa Cafés in den beliebten Ausgehvierteln von Mexico City – stellen ihren Mitarbeiterinnen frei, ob sie zur Arbeit kommen. „Wir sind als gesamte Gesellschaft unserer Verantwortung nicht gerecht geworden und haben die Verletzung der Rechte von Mädchen, Jugendlichen und Frauen ignoriert“, erklärte der Unternehmerverband CCE.

Gewalt gegen Frauen in Mexiko hat Tradition

Auch Luby Springall geht mit gutem Beispiel voran und hat in ihrem Architekturbüro den angestellten Frauen freigegeben. Ihre Haushaltshilfe muss ebenfalls nicht zur Arbeit erscheinen. „So merken die Männer und die Gesellschaft hoffentlich, dass sich was ändern muss. Wir sind wütend und wollen nicht mehr in Angst davor leben, überfallen, misshandelt oder ermordet zu werden.“

Gerade in Mexiko hat die Gewalt gegen Frauen eine lange, bittere Tradition. In den 1990er Jahren starben Hunderte Frauen in der Grenzstadt Ciudad Juárez eines gewaltsamen Todes. Sie wurden misshandelt, vergewaltigt und dann wie Müll weggeworfen.

Jüngst haben gleich zwei Taten das an Gewalt gewöhnte Land erschüttert. Im Februar wurde die siebenjährige Fátima aus der Schule entführt, wenige Tage später fand man ihre Leiche mit Spuren von Folter und Vergewaltigung in einer Mülltüte am Straßenrand. Kurz zuvor war eine 25-Jährige von ihrem Freund ermordet worden. Diese Tat schockierte das Land aus mehreren Gründen. Zum einen wegen der grausamen Umstände, denn der Täter zerteilte sein Opfer. Aber vor allem wegen der voyeuristischen medialen Ausschlachtung. Die Bilder der verstümmelten Leiche wurden mutmaßlich von Polizisten an die Redaktionen mehrerer Medien weitergegeben. Der Tod der Frau zierte die Boulevard-Blätter. So titelte zum Beispiel „La Prensa“: „Descarnada“. „Ausgenommen“.

Gewalt gegen Frauen in Mexiko hat Tradition

Zur Wut auf die Täter, die nur in einem von zehn Fällen zur Verantwortung gezogen werden, gesellt sich die Empörung über die Überheblichkeit des linken Präsidenten Andrés Manuel López Obrador. Er ist der Gewalt gegen Frauen in den vergangenen Wochen mit mangelndem Einfühlungsvermögen begegnet. Man solle nicht nur über Feminizide reden, Mexiko habe noch andere Probleme, sagte er. Dezidiert anders spricht Innenministerin Sánchez Cordero: „Die Frauen sind die Priorität der Regierung, ohne sie wird Mexiko sich nicht verändern können.“

Hinweis: Zu Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wie viele Frauen tatsächlich am Streik teilgenommen haben. Die Angaben wurden nachträglich ergänzt. 

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