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Menschenrechte mit Füßen getreten

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Von: Tobias Schwab

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Beschäftigte einer Gerberei in Bangladesch verarbeiten Rohleder.
Beschäftigte einer Gerberei in Bangladesch verarbeiten Rohleder. © dpa

Europäische Schuhhändler übernehmen für die menschenrechtlichen Risiken in ihren Lieferketten noch viel zu wenig Verantwortung, wie eine Studie zeigt.

Als im indischen Ranipet im Jahr 2015 die Mauer eines Klärbeckens in sich zusammenbricht, werden zehn Beschäftigte der Gerberei unter der Schlammlawine begraben und kommen zu Tode. Ranipet, im Bundesstaat Tamil Nadu gelegen, gilt als eine der am stärksten verschmutzten Städte Südasiens. Die Unternehmen, die Chrom einsetzen, um Tierhäute zu Leder zu verarbeiten, haben großen Anteil daran.

Katastrophen wie diese werfen ein grelles Schlaglicht auf eine Industrie, in der Beschäftigte und Anwohner:innen der Fabriken einen hohen Preis zahlen. Dabei sind gravierende Umweltverschmutzungen und die Verletzung der Menschenrechte in der weltweiten Schuh- und Lederindustrie an der Tagesordnung. Armutslöhne, unbezahlte Überstunden, informelle Arbeitsverhältnisse, Repressionen, mangelnde soziale Absicherung, fehlender Gesundheitsschutz trotz des Einsatzes hochgiftiger Chemikalien – Missstände, die nicht nur Nichtregierungsorganisationen beklagen.

Lederproduktion: „Paradebeispiel dafür, dass wir ein Lieferkettengesetz brauchen“

Der ehemalige Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) stellten 2019 nach dem gemeinsamen Besuch einer Gerberei in Äthiopien ernüchtert fest, sie hätten Arbeitsbedingungen gesehen, die nicht aus dem 19. Jahrhundert stammten, sondern aus einer noch viel früheren Zeit. Frauen in Ballerinas hätten in Chemikalien gestanden. Schutzmasken und Handschuhe – Fehlanzeige. „Ein Paradebeispiel dafür, dass wir ein Lieferkettengesetz brauchen“, resümierte Heil damals nach der Fabrikvisite.

Eine solche Regulierung hat der Bundestag im Sommer vergangenen Jahres beschlossen – am 1. Januar 2023 tritt sie in Kraft und verpflichtet dann zunächst Unternehmen mit mehr als 3000 Beschäftigen dazu, die Menschenrechte in ihren Lieferketten und Einkaufspraktiken zu achten. Damit bleiben zahlreiche kleinere Firmen der Schuh- und Lederherstellung außen vor. Allerdings verpflichten die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sowie die OECD-Leitsätze alle Unternehmen unabhängig von ihrer Größe dazu, Verantwortung für ihre gesamte Lieferkette zu übernehmen.

Damit aber liegt nach Ansicht der entwicklungspolitischen Organisation Inkota aber noch eine Menge im Argen. Zalando, About You, Otto, Görtz und andere wissen viel zu wenig über die Missstände und Risiken in der globalen Lieferkette von Lederwaren – diesen Schluss zieht Inkota aus einer Befragung von zehn Unternehmen in Deutschland und Österreich. Partner, des von der Europäischen Union, der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und Brot für die Welt finanzierten Reports war Südwind (Wien), eine NGO, die sich wie Inkota für eine nachhaltige globale Entwicklung einsetzt.

Lederproduktion: Firmen geben keine Auskunft über Lieferkette

Um die Transparenz in Sachen menschenrechtlicher Verantwortung ist es offenbar nicht weit her. Fünf der befragten Handelsunternehmen lehnten die Befragung ab – darunter neben Ara, Avocado Store, Leder und Schuh sowie die Lorenz Shoe Group auch Wortmann - mit Marken wie Tamaris, S.Oliver, Marco Tozzi und Jana in Europa eine große Nummer unter den Produzenten und Vertriebsfirmen von modischem Schuhwerk.

SCHUHWERK

Bis zu 140 Arbeitsschritte werden für die Herstellung eines Schuhs benötigt. Dabei werden laut Bundesverband der Schuh- und Lederwaren-industrie (HDS/L) bis zu 250 Teile aus 45 verschiedenen Materialien verarbeitet. Die Beschaffung stelle die Firmen infolge der Corona-Pandemie und des russischen Angriffs auf die Ukraine vor große Herausforderungen, berichtet die Branchenlobby HDS/L. Auch deshalb „braucht ein Unternehmen viele verschiedene Zulieferer“. Durch das Lieferkettengesetz vergrößere sich aber mit jedem weiteren Partner der „Bürokratieaufwand“. tos

Die Organisation Inkota gehört dem Bündnis Together for Decent Leather an. Darin setzen sich sieben NGOs aus Europa und Asien für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsstandorten für Lederprodukte in Südasien ein. Mit Studien macht das Bündnis auf die Probleme bei der Herstellung von Schuhen und Leder aufmerksam und zeigt die globalen Zusammenhänge in den Lieferketten auf.

Fair produziert? Frag nach! ist der Titel einer Kampagne, bei der Konsument:innen von Firmen Transparenz bei den Arbeitsbedingungen in der Lieferkette einfordern können. Im aktuellen Fall beim Hersteller Wortmann (Tamaris, S.Oliver): https://www.inkota.de/fragnach

Die Schweigsamkeit von Wortmann und der lapidare Hinweis, das Unternehmen beteilige sich ja an Brancheninitiativen wie Amfori, um die sozialen Bedingungen in den immer komplexer werdenden globalen Lieferketten zu verbessern, steht für Berndt Hinzmann, Inkota-Referent für Wirtschaft und Menschenrechte, in einem erstaunlichen Kontrast zur Selbstdarstellung als verantwortungsvolles Unternehmen. „Der Branchenriese sollte seine Worte beweisen und öffentlich und transparent berichten, wie die Risiken in der Lieferkette abgestellt werden“, fordert Hinzmann. „Kundinnen und Kunden haben das Recht, gut informiert sein zu wollen.“

Wortmann und den anderen Auskunftsverweigerern gegenüber sind die Unternehmen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, immerhin einen Schritt voraus und damit auf dem Weg zu mehr Transparenz. Auch wenn die noch lückenhaft ausfällt und Dokumente, mit denen Bemühungen zu mehr menschenrechtlicher Verantwortung verifiziert werden könnten, oft nicht öffentlich zugänglich gemacht werden, wie der Report feststellt.

Lederproduktion: Oft nur den direkten Zulieferer im Blick

Kritisch bewerten Inkota und Südwind auch, dass die Firmen bei ihren Risikoanalysen oft nur die direkten Zulieferer in den Blick nehmen. Dabei berge, so Hinzmann, gerade die Fertigung in den vorgelagerten Stufen der Produktion besonders hohe Risiken für Mensch und Umwelt. Die Hersteller von Leder für die eigenen Produkte seien den Händlern meist nicht einmal bekannt.

Die Nichtregierungsorganisationen monieren auch, dass die Unternehmen weiterhin auf sogenannte Audits setzen – dabei bewerten beauftragte Prüfunternehmen die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten bei Geschäftspartnern. Allerdings seien die Ergebnisse den Beschäftigten, Gewerkschaften und NGOs meist nicht zugänglich. Auch bei den Beschwerdemechanismen für Arbeitnehmer:innen, die sich wegen Menschenrechtsverletzungen beklagen wollen, sieht die Studie noch große Defizite.

Infografik: Welche Länder importieren Schuhe nach Deutschland, Anteil in Prozent, 2021.
Woher kommt der Schuh? © Statista/FR

Insgesamt attestieren Inkota und Südwind den an der Umfrage beteiligten Firmen, dass sie Strategien und Programme für mehr menschenrechtliche Sorgfalt vorzuweisen haben. Je konkreter es aber um die Umsetzung geht, „desto unkonkreter werden die Angaben“, so das Fazit.

Lederproduktion: „Nachhaltigkeit hat einen hohen Stellenwert“

Hinzmann fordert denn auch, dass die Sorgfaltspflichten ambitionierter umgesetzt werden. „Der Schlüssel dazu ist Transparenz. Nur wer die Risiken in seiner Lieferkette kennt, kann wirksame Maßnahmen ergreifen.“ Bislang aber würden die mit Leder arbeitenden Unternehmen ihre Verantwortung noch weniger ernstnehmen als die Textilbranche.

Das will der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) so nicht stehen lassen. Das Thema Nachhaltigkeit habe bei den deutschen Herstellern mit ihren namhaften Marken traditionell einen hohen Stellenwert, erklärte HDS/L-Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert auf Anfrage. Die Firmen „kennen die Risiken in den globalen Lieferketten sehr gut“. Sie pflegten vertrauensvolle Lieferbeziehungen, „um die Risiken auszuschließen oder zu minimieren“. Er verwies auch auf Cads, die Nachhaltigkeitsinitiative, in der viele HDS/L-Mitgliedsfirmen engagiert seien.

Cads (Kooperation für abgesicherte definierte Standards) verfolgt das Ziel, schadstofffreie und umweltfreundliche Schuhe herzustellen. „Sozialstandards und Arbeitsrechte sind da nicht integriert“, kritisiert Inkota-Experte Hinzmann. „Menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten werden im Lieferkettengesetz aber zusammen gesehen.“ (Tobias Schwab)

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