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Ex-Premier Giorgos Papandreou verglich sein Land einst mit einem "sinkenden Schiff": marode Häuser in Athen 2018.

Griechenland

"Die Menschen werden noch mehr leiden"

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Hunderttausende Griechen leben von weniger als 400 Euro im Monat, ohne Aussicht auf Besserung. Experten befürchten "eine Explosion der Armut".

„Mehr können wir leider nicht anbieten.“ Katerina stellt einen kleinen Teller mit Gebäck auf den Tisch. Sie lebt in einer Zweizimmerwohnung, 43 Quadratmeter groß, im Athener Arbeiterviertel Nikaia. Hier wohnt die 38-Jährige mit ihrer 71 Jahre alten Mutter. Ihren vollen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. „Ich schäme mich so – ich bin noch keine 40 und schon am Ende“, sagt sie und bricht in Tränen aus. Katerina hatte eine gut bezahlte Arbeit als Disponentin eines „Atlantik“-Supermarkts, hoffte auf eine Beförderung. Dann kam die Krise, die Konzernkette ging pleite. Die junge Frau verlor ihren Job, musste ihre Wohnung aufgeben, zog zurück zu ihrer Mutter. 

Seit fünf Jahren schlägt Katerina sich mit Gelegenheitsjobs durch. Jetzt verdient sie 380 Euro im Monat als Teilzeitkraft in einem Schnellrestaurant, lebt aber in ständiger Angst, auch diesen Job wieder zu verlieren. Die Hoffnung auf eine „richtige Stelle“ hat sie längst aufgegeben: „In meinem Alter kann ich froh sein, wenn ich wenigstens einen Halbtagsjob bekomme.“ 

Kaum jemand ahnte, was genau auf Griechenland zukam, als am 23. April 2010 der damalige Premierminister Giorgos Papandreou in einer Fernsehansprache vor der malerischen Hafenkulisse der kleinen Insel Kastelorizo einen Offenbarungseid leistete. An den Finanzmärkten bekam der hoch verschuldete Staat kein Geld mehr. Griechenland stand vor der Pleite. Papandreou verglich das Land mit einem „sinkenden Schiff“. Das SOS wurde gehört. Innerhalb einer Woche stellten die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) Kredite von 110 Milliarden Euro bereit, um Griechenland finanziell über Wasser zu halten. 

Sparkurs trieb Griechenland in tiefe Rezession

Achteinhalb Jahre und drei Kreditpakete später ist die Gefahr des Staatsbankrotts gebannt. Aus einem Haushaltsdefizit von 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2009 wurde 2017 ein Überschuss von 0,8 Prozent. Kein anderes Euro-Krisenland hat bei der Haushaltskonsolidierung so beeindruckende Erfolge erzielt wie Griechenland.

Aber um welchen Preis: Der Sparkurs, den die Athener Regierungen auf Geheiß der Gläubiger steuern mussten, trieb die Griechen in die tiefste und längste Rezession, die ein europäisches Land in Friedenszeiten durchzumachen hatte. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte um mehr als ein Viertel. Zehntausende Firmen gingen in Konkurs. Die Einkommen fielen um durchschnittlich ein Drittel, die Arbeitslosenquote stieg von 7,5 auf 27 Prozent. Das Arbeitslosengeld – 360 Euro für einen Single, 504 Euro für eine vierköpfige Familie – wird in Griechenland maximal ein Jahr lang gezahlt.

Eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Von der Arbeitslosigkeit ist es deshalb oft nur ein kleiner Schritt in die Obdachlosigkeit.

Makis weiß das. „32 Jahre bin ich zur See gefahren“, sagt der 61-Jährige. „2013 ging die Reederei in Konkurs, seitdem bin ich arbeitslos – keiner nimmt einen Seemann in meinem Alter.“ Als die Ersparnisse aufgebraucht waren, verlor er seine Wohnung. Jetzt lebt er als Obdachloser am Hafen von Piräus. In vier Jahren hofft er auf eine Rente. „Viel wird es nicht sein“, sagt Makis, „aber hoffentlich genug für ein Dach über dem Kopf.“ Auf dem Papier hat Griechenland die Krise hinter sich gelassen. Seit 2017 wächst die Wirtschaft endlich wieder, wenn auch schwach. Die Arbeitslosenquote ist auf 19,5 Prozent gesunken. Aber das sagt wenig, denn immer weniger Menschen haben Vollzeitjobs. Von den 1,7 Millionen Beschäftigten in der Privatwirtschaft arbeitet jeder Dritte in Teilzeit – für durchschnittlich 394 Euro netto im Monat. Diese Teilzeitarbeiter haben kaum eine Chance, nennenswerte Rentenansprüche zu erarbeiten. In Griechenland tickt eine soziale Zeitbombe: „Ich befürchte eine Explosion der Armut“, sagt Ökonomieprofessor Savvas Robolis.

Schon jetzt leben viele Rentner unter der Armutsgrenze. Nach 22 Rentenkürzungen beträgt die durchschnittliche Pension 723 Euro. Jeder vierte Rentner muss mit weniger als 372 Euro im Monat auskommen. Und weitere Abstriche stehen bevor: Zum 1. Januar 2019 werden die Renten erneut um bis zu 18 Prozent gekürzt, 2020 sinkt der Grundfreibetrag in der Einkommenssteuer von heute 8636 auf 5685 Euro. Auch nach dem Ende der Kreditprogramme geht also der Sparkurs weiter.

Erwin Schrümpf ist besorgt: „Ich denke, die menschliche Krise wird sich in den nächsten Jahren noch dramatisch verschärfen, die Menschen werden noch mehr leiden und hungern als bisher.“ 2012 gründete der Salzburger seinen Verein Griechenlandhilfe. Inzwischen haben Schrümpf und seine 40 Mitarbeiter rund 430 Tonnen Hilfsgüter nach Griechenland gebracht. „Anfangs waren es vor allem Medikamente und medizinisches Zubehör, inzwischen bringen wir auch Babynahrung und Hygieneartikel“, berichtet der 53-Jährige. „Manche Familien haben nicht einmal Geld, um den Kindern eine Zahnbürste oder Schulhefte zu kaufen, in Behindertenheimen fehlt es sogar an Wasch- und Putzmitteln.“ Schrümpf sagt: „Die Not wird nicht kleiner, sondern größer.“

Wer kann, der geht: Rund 500 000 Griechen sind während der Krise ausgewandert, überwiegend Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte. „Die meisten sind nicht vor Arbeitslosigkeit und Not geflohen, sondern vor dem ‚System Griechenland‘ – der Vetternwirtschaft, dem politischen Stillstand und der gesellschaftlichen Apathie“, sagt Nikos Stampoulopoulos. Der Filmemacher wanderte 2009 nach Amsterdam aus, kehrte 2014 nach Athen zurück. Der 48-Jährige betreibt die Webseite „Nea Diaspora“, auf der sich Auslandsgriechen vernetzen und austauschen können. An eine Rückkehr dächten die wenigsten, sagt Stampoulopoulos. „Griechenland hat in den vergangenen Jahren Hunderttausende seiner besten Talente verloren. Dieser Exodus ist die schlimmste Langzeitfolge der Krise.“ 

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