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Menschen mit Behinderung weiter im Nachteil

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Von: Stefan Sauer

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Mit Lippenlesen und Gebärden verständigen sich die gehörlosen Facharbeiter hier  im Getriebewerk in Brandenburg.
Mit Lippenlesen und Gebärden verständigen sich die gehörlosen Facharbeiter hier im Getriebewerk in Brandenburg. © dpa

Der deutsche Arbeitsmarkt läuft trotz lauer Konjunktur ziemlich gut. An schwerbehinderten Arbeitsuchenden ist die positive Entwicklung fast spurlos vorüber gegangen.Ihre Arbeitslosenquote liegt mit 14 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Quote.

Der deutsche Arbeitsmarkt läuft trotz lauer Konjunktur ziemlich gut. Die Belebung im Herbst drückte die Zahl der Arbeitslosen im November auf 2,717 Millionen. Gegenüber dem Vorjahresmonat sank die Arbeitslosigkeit um 89 000, im Vergleich zum September betrug der Rückgang saisonbereinigt 14 000. Zugleich nahm die Zahl der Beschäftigten im Jahresvergleich um 403 000 auf 43,08 Millionen im Oktober zu. Der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, sprach von einer günstigen Entwicklung.

Für den Arbeitsmarkt insgesamt trifft das zu. An schwerbehinderten Arbeitsuchenden ist die positive Entwicklung der vergangenen Jahre hingegen fast spurlos vorüber gegangen. Sie sind weitaus häufiger arbeitslos und warten deutlich länger auf einen Job als nicht behinderte Menschen. An diesem Umstand hat sich seit 2009 nicht viel geändert, wie das „Inklusionsbarometer 2014“ der Aktion Mensch zeigt. Danach geht es Schwerbehinderten auf dem Arbeitsmarkt heute kaum besser als im Mittel der vergangenen fünf Jahre.

Im Gegenteil hat sich die Situation in mancher Hinsicht gegenüber dem Vorjahr sogar verschlechtert: Waren im November 2013 etwas mehr als 176 000 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet, so sind es aktuell 178 600. Das entspricht einem Anteil von 14 Prozent und damit mehr als dem Zweifachen der allgemeinen Quote von 6,3 Prozent. Schwerbehinderte Arbeitssuchende müssen 2014 95 Tage länger auf eine Stelle warten als Mitbewerber ohne Behinderung, 2013 waren es nur 87 Tage. 44,5 Prozent der behinderten Erwerbslosen sind derzeit länger als ein Jahr ohne Job, im Vorjahr lag der Anteil bei 43,5 Prozent.

Nach Ansicht der Behindertenbeauftragen der Bundesregierung, Verena Bentele, gibt es zahlreiche, sehr unterschiedliche Gründe für die unbefriedigende Entwicklung. So gestalte sich der Übergang von der Förderschule in die Berufsausbildung und den ersten Arbeitsmarkt häufig schwierig. Auf der einen Seite stünden Arbeitgeber, die keine persönlichen Erfahrungen mit behinderten Menschen hätten und vor der Einstellung zurückschreckten. „Viele Betriebe sehen erst einmal die vermeintlichen Schwierigkeiten“, so Bentele.

Dies zeigen auch die Statistiken der Aktion Mensch. Nur knapp 40 Prozent der Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern erfüllen die gesetzliche Vorgabe, der zufolge mindestens fünf Prozent der Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen ist. Die übrigen zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, die pro nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz monatlich bis zu 290 Euro beträgt.

Andererseits zeigen auch die Absolventen von Förderschulen nicht selten Scheu, sich offensiv auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bewerben. Das Verlassen des Schutzraums Förderschule sei nicht immer einfach, so Bentele. Daher sei eine integrierte Schulausbildung von behinderten und nicht behinderten Menschen wünschenswert und notwendig.

Eine zweite, noch größere Gruppe der Betroffenen wurde von einer Schwerbehinderung erst im Lauf des Berufslebens durch eine Erkrankung betroffen. Viele dieser Behinderten verlieren nach Erkenntnissen der Behindertenbeauftragten den Anschluss an den Arbeitsmarkt, etwa durch längere Zeiten der Arbeitsunfähigkeit. Auch seien Dienstzeiten und andere Regelungen oft nicht auf Menschen mit Behinderung ausgerichtet. Bentele regt an, bereits bestehende Arbeitszeitmodelle, etwa für ältere Arbeitnehmer, auch behinderten Beschäftigten zugänglich zu machen. Überdies müssten die Behörden Zuständigkeiten bündeln, so dass Arbeitgeber nicht mehr verschiedene Anträge bei unterschiedlichen Ämtern einreichen müssten.

Dass die Beschäftigung behinderter Menschen zumeist von allseitigem Vorteil ist, belegt das Inklusionsbarometer eindrücklich. Erstens verfügen behinderte Arbeitsuchende im Schnitt über höhere Qualifikationen als Nichtbehinderte. Zum Zweiten gaben drei Viertel aller Betriebsleiter in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Aktion Mensch an, keinerlei Leistungsunterschiede zwischen ihren behinderten und nicht behinderten Mitarbeitern feststellen zu können. Und drittens zeigen sich auch die behinderten Beschäftigten selbst sehr zufrieden. 95 Prozent fühlen sich voll und ganz im Kollegenkreis akzeptiert, drei Viertel würden ihren Arbeitgeber auch Freunden und Bekannten empfehlen.

So etwas nennt man wohl eine Win-win-Situation. Und sie ist ausbaufähig. Laut statistischem Bundesamt leben in Deutschland 3,27 Millionen Menschen im Erwerbsalter zwischen 15 und 65 Jahren. Bisher sind erst rund eine Million von ihnen auch tatsächlich berufstätig.

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