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Wer keine Zinsen erwirtschaftet, ist ein Untoter, ein Zombie.

Geldanlage

Mensch und Zins

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Niedrigzinsen gelten hierzulande als „Enteignung der Sparer“ und negative Zinsen sind psychologisch offenbar gar nicht vermittelbar. Die Analyse.

In Deutschland herrscht zuweilen ein eigenartiges Verhältnis zum Zins vor. So gelten Schulden als etwas Schlechtes, Zinsen dagegen als etwas Gutes. Geld leihen und dafür Zins zahlen ist in diesem Sinne falsch, Geld verleihen und Zins kassieren aber richtig, obwohl es das eine nicht ohne das andere gibt. Zinsen aber werden nicht nur geschätzt. Sie gelten vielen offensichtlich als eine Art Menschenrecht.

In der Sache ist der Zins der Preis für die Überlassung einer Geldsumme auf Zeit. Er begründet sich nicht aus einer Leistung des Gläubigers, sondern schlicht aus seinem Eigentum an der Geldsumme, das ihm das Recht gibt, einen Zins zu verlangen dafür, dass er die Verfügung über sein Eigentum vorübergehend an den Schuldner abgibt. Der Schuldner wiederum verpflichtet sich rechtsverbindlich zur Rückzahlung plus Aufschlag. Ob ein Zins vereinbart wird und wie hoch er ist, das allerdings ergibt sich aus den Marktverhältnissen, also aus dem Machtverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner: Wer sitzt am längeren Hebel?

Ganz anders in der laufenden Debatte, in der der Zins als etwas quasi natürliches dargestellt wird. Schon die aktuellen Niedrigzinsen als „Enteignung der Sparer“ zu bezeichnen, zeigt die dahinter stehende Annahme, dem Geldeigentümer gehöre nicht nur die verliehene Summe, sondern eigentlich auch der Zins, auf den er selbstverständlich Anspruch hat. Gestützt wird diese Annahme durch Forderungen wie die von CSU-Chef Markus Söder, ein gesetzliches Verbot von Negativzinsen für Kleinsparer zu erlassen.

Unternehmen, die ihre Schuldzinsen nicht oder nur knapp erwirtschaften, werden gerne als „Zombies“ tituliert. Damit wird diesen Unternehmen schlicht ihre Lebensberechtigung abgestritten: Wer keine Zinsen erwirtschaftet, der ist ein Untoter, ein Monster und damit – man kennt es aus vielen Zombie-Filmen – ein Feind des Lebens.

Einen konsequenten Schritte weiter geht Stefan Schneider, Volkswirt bei der Deutschen Bank. Angesichts drohender Negativzinsen sorgt er sich um den Seelenzustand des „braven Bürgers“. Dieser Bürger „dürfte sich fragen, wie es denn sein kann, dass er für seinen – ihm durch Evolution und Sozialisierung in die Wiege gelegten – Drang zur Zukunftsvorsorge nun mehr eine Strafsteuer aufgebrummt bekommt. Denn nichts anderes ist der negative Zins“.

Diese Frage, so Schneider, könnte den Bürger in haltlose Verwirrung stürzen, weil eine „derartige kognitive Dissonanz unser Selbstkonzept gefährdet und unseren Selbstwert bedroht“. Die Folge seien „häufig Wahrnehmungs- und Denkfehler“. Es droht „Resignation“, das „Vertrauen in staatliche Institutionen“ schwindet. Das hat Konsequenzen: „Der verunsicherte und nach Orientierung suchende Bürger könnte sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs noch mehr zurückziehen oder sich von den etablierten Parteien abwenden und sein Glück bei solchen suchen, die mit einfachen Erklärungen und Lösungen locken“. So weit kommt es, wenn unser in die Wiege gelegter Drang zur Zukunftsvorsorge – also zum Zins – enttäuscht wird.

Damit wäre der Zins erfolgreich zu einem Grundbedürfnis der menschlichen Psyche naturalisiert – und das vom Vertreter einer Institution, die mit Zinserträgen ihr Geschäft macht. Die Bank als Anwalt der Menschennatur, darauf muss man erstmal kommen.

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