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Im November war es wieder so weit. Mit den steigenden Corona-Zahlen schnellte auch der Preis fürs Klopapier im Internet in die Höhe.
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Im November war es wieder so weit. Mit den steigenden Corona-Zahlen schnellte auch der Preis fürs Klopapier im Internet in die Höhe.

Wirtschaftsjahr

Mensch macht Sachen

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  • Daniel Baumann
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Das Wirtschaftsjahr 2020 hatte es in sich. Was den FR-Autorinnen und Autoren in Erinnerung bleibt.

Fahrradkuriere: Ihre Arbeitsbedingungen sind oft schlecht, doch zumindest sind ihre Jobs derzeit sicher: Fahrradkuriere hatten in diesem Jahr viel zu tun. Geschlossene Restaurants und die Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus führten dazu, dass viele Menschen weltweit ihr Essen nach Hause bestellten. In Wien liefern Fahrradkuriere sogar Coronatests an die Haustür. Von dem Trend profitierten vor allem die großen Essenslieferanten. Hunderte Gastronomiebetriebe haben sich etwa neu bei Lieferando registriert, um ihr Geschäft am Laufen zu halten: Für das dritte Quartal 2020 verzeichnete Lieferando 28,3 Millionen Bestellungen in Deutschland, nach 19,2 Millionen ein Jahr zuvor. Der Essenslieferant Delivery Hero aus Berlin, der in Deutschland allerdings gar kein Geschäft mehr betreibt, stieg dieses Jahr sogar in den Dax auf. Für die Kuriere bleibt zu hoffen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern werden. Das gilt auch für viele andere Beschäftigte, etwa Pflegerinnen oder Supermarktkassiererinnen, die sich nicht nur in dieser Krise für uns abstrampeln.

Martina Merz: Da ist sie ja endlich mal, die Frau an der Spitze eines großen deutschen Unternehmens. Doch Martina Merz hat im Herbst 2019 einen Job übernommen, um den sie wohl kaum jemand beneidet. Die Sanierung von Thyssen-Krupp ist ein schwieriges Unterfangen, der Essener Traditionskonzern steckt in einer Dauerkrise, die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschlimmert. In diesem Jahr hat Merz die gut laufende Aufzugssparte für 17,2 Milliarden Euro losgeschlagen. Dadurch wurde zwar das Jahresergebnis - das Geschäftsjahr endete Ende September - gerettet. Doch rechnet man den Sonderertrag heraus, so verblieb ein Milliardenverlust. Merz will nun statt wie ursprünglich geplant 6000 sogar mindestens 11 000 Jobs abbauen – fast zehn Prozent der Belegschaft. Der Verkauf der Stahlsparte steht im Raum, möglich erscheint auch eine Fusion - als potenzieller Partner wird immer wieder der Stahlkonzern Salzgitter genannt. Selbst ein Staatseinstieg stand zeitweise im Raum. Merz wird die Arbeit 2021 nicht ausgehen.

Tim Bray: Da schmeißt einer am 1. Mai hin und kündigt seinen Job. Den besten, den er nach eigener Aussage je hatte. Dafür braucht es gute Gründe und Konsequenz. Beides hatte Tim Bray, damals Vizepräsident bei Amazon Web Services. Mit seinem Rücktritt protestierte der 65-Jährige gegen die Entlassung von Whistleblowern bei Amazon, die öffentlich gemacht hatten, wie sich Beschäftigte in den Lagern des Onlineversandhändlers vor der Ansteckung mit Corona ängstigen. Er habe sich zunächst intern beschwert, schrieb Bray in seinem Blog. Habe sich dann aber entscheiden müssen. „Ein Amazon Vice President zu bleiben, hätte letztlich bedeutet, Aktionen, die ich verabscheue, abzusegnen. Also bin ich zurückgetreten.“

Klopapier: Im November war es wieder so weit. Mit den steigenden Corona-Zahlen schnellte auch der Preis fürs Klopapier im Internet in die Höhe. „Zewa Ultra Soft vierlagig“ kostete plötzlich 14,59 Euro. Normalerweise waren die 16 Rollen für 8,98 Euro zu haben. Im ersten Lockdown im März wurden sie sogar für 16,59 Euro gehandelt. Folge von Hamsterkäufen. Die Bilder von leeren Regalen deutscher Supermärkte wurden zu einem Symbol der Krise. Aber warum Klopapier? „Wenn schon sterben, dann mit sauberem Hintern“, pointierte Psychoanalytiker Gottfried Barth. In der Krise korreliere eine typisch deutsche zwanghafte Persönlichkeitsstruktur mit dem Hang zur Reinlichkeit. Eine Erklärung, die sich nicht so einfach wegwischen lässt. 

Jennifer Morgan: Was war das für eine Begeisterung, als Jennifer Morgan als erste (Co-) Chefin eines Dax-Konzerns verkündet wurde! Und zwar nicht irgendeines Dax-Konzerns, sondern des Software- und Börsenriesen SAP. Und dann, nur sechs Monate später, im April, die Ernüchterung. Morgan musste gehen. Angeblich, weil das Doppelspitzenmodell in der Krise zu träge war. Seither gibt es keine Dax-Chefin mehr, Sinnbild des Frauenmangels in deutschen Chefetagen. Abhilfe schaffen soll nun eine gesetzliche Frauenquote. Für Siemens-Chef Joe Kaeser zu Recht: „Wenn es die deutsche Wirtschaft über Jahrzehnte nicht geschafft hat, mehr Frauen in den Vorständen zu etablieren, dann muss der Gesetzgeber den Rahmen eben enger fassen.“

Jeffrey Toobin: An alle im Homeoffice: Hand aufs Herz, wie oft haben Sie sich im vergangenen Dreivierteljahr zu den täglichen Videokonferenzen bürofein gemacht? So ganz komplett, meine ich. Nicht nur obenrum ein ordentliches Hemd oder eine schicke Bluse angezogen und von der Hüfte abwärts in Jogginghose vor dem Bildschirm gesessen? Wahrscheinlich eher selten, der Mensch hat es eben gern gemütlich und entspannt. Eindeutig übertrieben mit der Suche nach Entspannung hat es aber Jeffrey Toobin. Der Journalist vom US-Magazin „New Yorker“ hat auch noch besagte Jogginghose fallengelassen und während eines Zoom-Meetings masturbiert. Er habe angenommen, Kamera und Ton seien ausgeschaltet, sagte er später – und wurde suspendiert.

Sulaimah Mahmood: Der 15. November war für Sulaimah Mahmood ein Tag großen Glücks. „Very, very happy“ sei sie gewesen, erinnert sich die 63-Jährige. In Vietnams Hauptstadt Hanoi unterzeichneten an diesem Tag 15 Staaten der Region Asien-Pazifik nach achtjährigen Verhandlungen die Regional Comprehensive Economic Partnership und schufen damit die größte Freihandelszone der Welt - an der Mahmood maßgeblich mitgebaut hatte. Die zierliche Ökonomin aus dem Industrieministerium Singapurs war Chefin der Verhandlungsdelegation des südostasiatischen Stadtstaates. Und das seit Beginn des Prozesses 2012. Während Japan beispielsweise in dieser Zeit den Spitzenposten in seiner Delegation viermal neu besetzte, biss sich Mahmood kompetent und konsequent durch die zähen Gesprächsrunden - unterstützt von einer ganzen Reihe von Expertinnen. „Einige unserer besten Verhandler sind Frauen“, lobte denn auch Singapurs Top-Diplomat Tommy Koh das Team um Sulaimah Mahmood. Ihr Erfolg habe nichts mit ihrem Geschlecht zu tun, ließen die Expertinnen wissen.

E. Lutke Daldrup: „Nicht so viel quatschen, sondern in die Hände spucken und das Ding fertig bauen.“ Ein Satz Engelbert Lütke Daldrups vom Januar 2016, da war er noch Berlins Flughafenkoordinator. Gut ein Jahr später wurde er Chef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH und machte den Pannen-Airport BER startklar: Mit neun Jahren Verspätung konnte der Hauptstadtflughafen am 31. Oktober dieses Jahres eröffnet werden. Wer wie Lütke Daldrup auf einem Bauernhof groß wird, weiß, was es heißt, anzupacken - Tag und Nacht. Systematisch und konsequent räumte er als Chef des BER die zahlreichen Probleme ab, an denen hochdotierte Manager wie Hartmut Mehdorn zuvor gescheitert waren. Der 64-Jährige, den Ex-Kollegen wegen seiner Ungeduld „Drängelbert“ nennen, wirkte dabei stets sachorientiert und bescheiden. Das „Lütke“ (für „klein“) im Familiennamen hängt übrigens mit der Erbgeschichte des Hofes Daldrup zusammen. Weil vor Generationen ungleich geteilt wurde, gab es fortan einen Großen und einen Lütke Daldrup. Keine Frage, dass der Flughafen-Chef in Berlin jetzt zu den ganz Großen zählt.

Dan McCrum: Es war der Krimi des Jahres, ja, des Jahrzehnts. In der Hauptrolle: der britische Journalist Dan McCrum, dem es dank hartnäckiger Recherche gelungen ist, das Rätsel Wirecard zu lüften und die Betrüger in dem schillernden Dax-Konzern zur Strecke zu bringen. Seit 2015 hatte McCrum Unstimmigkeiten in den Bilanzen des Zahlungsdienstleisters in einer Artikelserie mit dem kaum verklausulierten Titel „House of Wirecard“ zusammengetragen.Den kometenhaften Aufstieg des Unternehmens bis in die erste deutsche Börsenliga konnte der Journalist damit zwar nicht verhindern. Stets stritt Wirecard alle Vorwürfe ab und verwies dazu auf die Wirtschaftsprüfer, die bei der Kontrolle des Konzerns nichts Unrechtes entdeckt haben wollen. Derweil zettelten die Manager eine Schlacht gegen McCrum und seinen Arbeitgeber, die „Financial Times“, an - ehemaliger libyscher Spion inklusive. Der Journalist stecke mit Leerverkäufern unter einer Decke, hieß es. Schließlich nahm die Finanzaufsicht Bafin Ermittlungen gegen McCrum wegen Marktmanipulation auf. Doch McCrum hielt durch und brachte das Kartenhaus zum Einsturz. Im Juni wurde infolge einer Sonderprüfung bekannt, dass bei Wirecard 1,9 Milliarden Euro fehlen. „Ja, es gab schlaflose Nächte“, erzählte der Journalist hinterher „Finanz-szene.de“. Bei allem, was passiert sei, werde man „irgendwann paranoid“.

Ursula von der Leyen: Klar, Chefin der EU-Kommission wird man nicht, wenn man die Beine hochlegen will. Doch das erste Amtsjahr von Ursula von der Leyen (CDU) in Brüssel hatte es wahrlich in sich: Für den Brexit musste mit einem nicht einfachen Partner wie dem britischen Premier Boris Johnson eine Lösung gefunden werden, was auf der Zielgeraden des Jahres 2020 gerade noch so gelang. Als Antwort auf die Corona-Krise schnürte die EU das größte Haushalts- und Finanzpaket der Geschichte. Und dann war da noch der Klimaschutz, für den von der Leyen gleich zu ihrem Amtsantritt im Dezember 2019 die Latte hoch hängte. Als sie den „European Green Deal“ ankündigte, verglich sie ihn mit einer Mondmission. Sie versprach unter anderem ein Europäisches Klimaschutzgesetz. Das soll dafür sorgen, dass die Treibhausgas-Emissionen in der EU bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 55 Prozent gesenkt werden und dass die EU bis zum Jahr 2050 klimaneutral wird. Und von der Leyen lieferte. Zwar verspätet sich manches wegen Corona und das Reduktionsziel für 2030 rechnet CO2Senken wie Wälder und Moore mit ein, was es weniger ambitioniert macht, als es klingt. Außerdem reicht es nicht aus, um den Klimawandel auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dass die Staats- und Regierungschefs im Dezember von der Leyens Vorschlag zugestimmt haben, die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren, ist dennoch ein Erfolg für den Klimaschutz.

Elon Musk: Man kann seine exzentrische Art mögen oder auch nicht (er hat seinen Sohn auf den Namen X Æ A-12 getauft), muss aber anerkennen: Elon Musk ist ein Tausendsassa. Er war Mitgründer von Paypal, er hat dem Hyperloop neuen Schwung verliehen, er investiert in Neurotechnologie und er hat mit seiner Raumfahrtfirma Space X in diesem Jahr zum ersten Mal US-Astronauten ins All gebracht. Sein größter Erfolg ist aber sicherlich der E-Autobauer Tesla, mit dem er die verstaubte deutsche Autoindustrie das Fürchten gelehrt hat. Der US-Unternehmer, der von Erfolg zu Erfolg eilt, lässt gerade, ebenfalls im Eiltempo und nur durch die deutschen Umweltvorschriften gebremst, im brandenburgischen Grünheide eine neue Gigafactory aus dem Boden stampfen. Dort werden E-Autos gebaut, die größte Batteriezellenfabrik der Welt soll folgen. Kritiker geht Musk zuweilen harsch an – oder überschüttet sie mit Spott. So geschehen mit Investoren, die Tesla für massiv überbewertet halten und an den Börsen auf einen Kurssturz gewettet haben (sogenannte Shortseller). Musks Antwort: die Tesla Short Shorts. Knappe Höschen, die sich natürlich auch wieder wie geschnitten Brot verkaufen. Und die Tesla-Aktie? Die jagt von einem Allzeithoch zum nächsten und wurde gerade in den Börsenindex S&P 500 aufgenommen, der die 500 größten Unternehmen der USA abdeckt.

Claudia Lopez: Das Beste aus der Pandemie machen will Claudia López. Die Bürgermeisterin der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá führte im März 80 Kilometer Radwege ein, zusätzlich zu den 550 Kilometern, die es dort schon gibt. Bogotá wurde damit weltweit zum Vorbild für die sogenannten Pop-Up-Bikelanes, die das in Corona-Zeiten beliebte Radfahren sicherer machen sollen. „Wir werden die Pandemie ausnutzen“, sagte López. Das Ergebnis ist schon messbar: Innerhalb von sieben Monaten haben sich laut López die mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege in der Stadt verdoppelt.

Schott: Wie groß war unsere Hoffnung, es möge schnell der Durchbruch in der Forschung nach einem Impfstoff gegen Covid-19 gelingen! Jetzt ist es da - das Vakzin von Biontech aus Mainz. Doch es muss auch sicher verpackt werden. Schott – ebenfalls aus Mainz – hat schon lange die Lösung. Ampullen aus hochreinem Borosilikatglas, das Firmengründer Otto Schott 1887 erfunden hat. Im weltweiten Markt für Spezialglas ist Schott einer der großen Player. Mehr als 100 Firmen, die an Corona-Impfstoffen forschen, haben bei Schott angefragt. Die Ampullen-Produktion läuft auf Hochtouren.

Aktionär:innen: Erst stürzten die Aktienindizes im März abwärts, so dass Anlegerinnen und Anlegern Angst und Bange wurde. Dann kehrte rapide der Bullenmarkt zurück. Wer an der Börse ein glückliches Händchen hatte, konnte in diesem Jahr viel Geld verdienen. Und zwar nicht nur, weil der Dax oder der US-Leitindex Dow Jones zum Jahresende auf Rekordhochs stiegen, sondern auch dank der Corona-Sonderkonjunktur für manche Firmen: Wer sein Geld bei Zoom (Videokonferenzen), Hello Fresh (Kochboxen), Westwing (Online-Möbelhändler) oder Biontech (Impfstoffhersteller) angelegt hat, konnte sein Geld vervielfachen.

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