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Einem Überangebot an Krankenhäusern und Fachärzten in den Großstädten stehen empfindliche Versorgungslücken in ländlichen Regionen und bei Hausärzten gegenüber.

Ärzte

Menetekel Ärztemangel

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Frank-Ulrich Montgomery sieht einen Ärztemangel heraufziehen. Doch hier wird mal wieder ein Popanz aufgebaut. Es gibt keinen allgemeinen Ärztemangel, sondern ein Nebeneinander von Defiziten und Überfluss.

Vor 20 Jahren warnte Frank-Ulrich Montgomery als Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund vor einer Ärzteschwemme. Heute sieht er als Präsident der Bundesärztekammer einen Ärztemangel heraufziehen, obwohl sich die Arztdichte zwischen 1995 und 2014 um 35 Prozent erhöht hat.

Hier wird mal wieder ein Popanz aufgebaut. Wir haben keinen allgemeinen Ärztemangel, sondern ein Nebeneinander von Defiziten und Überfluss. Einem Überangebot an Krankenhäusern und Fachärzten in den Großstädten stehen empfindliche Versorgungslücken in ländlichen Regionen und bei Hausärzten gegenüber. Diese Disparitäten wird man mit einer Zulassungssperre für Ballungsgebiete nicht einebnen können. Auch die Aufstockung der Honorare für Haus- und Landärzte hilft kaum weiter.

Wenn Kardiologen und Radiologen nach Abzug der Praxiskosten im Durchschnitt doppelt so viel verdienen wie Hausärzte, dann ist das Resultat der Geringschätzung der Allgemeinmedizin im deutschen Medizinsystem. Die äußert sich nicht nur in der Honorarverteilung, sondern auch in einer skandalös niedrigen Zahl von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin und einer trotz einiger Verbesserungen nach wie vor zu beklagenden Vernachlässigung der Weiterbildung von Hausärzten.

Da ist es kein Wunder, dass die Zahl der Medizinstudenten mit Berufsziel „Hausarzt“ sinkt. Der Mangel an Hausärzten lässt sich nur durch Reformen in der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten und einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis der Ärzteschaft wirksam beheben.

Gesetz greift zu kurz

In ländlichen Regionen gibt es nicht nur zu wenige Arztpraxen, auch die Krankenhäuser lassen sich dort kaum noch wirtschaftlich führen. Was liegt da näher, als sie zu integrierten Versorgungseinrichtungen mit ambulanten und stationären Leistungen, auch in der Pflege, umzubauen? Das zur Verabschiedung anstehende Versorgungsstrukturgesetz geht mit dem dafür vorgesehene Investitionsfonds von etwa einer Milliarde Euro in die richtige Richtung, greift aber zu kurz. Oder frei nach Kurt Tucholsky: „Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark?“

Die Landesregierungen müssen in der Sicherstellung der medizinischen Versorgung mehr Verantwortung übernehmen. Sonst wird ihnen das Problem wachsender Disparitäten zwischen Stadt und Land eines nicht mehr fernen Tages um die Ohren fliegen.

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