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Orgelbauer benötigen künftig wieder einen Meisterbrief, wenn sie sich selbstständig machen wollen.

Meisterbrief

Der Meister ist wieder da

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Vor 15 Jahren wurde die Meisterpflicht abgeschafft. Jetzt kehrt sie für einige Berufe zurück und soll Nachwuchs anlocken. Die Gewerkschaften sind zufrieden, Experten skeptisch.

Der Bundestag hat die Rückkehr zur Meisterpflicht in vielen Berufen beschlossen. Das Parlament verabschiedete am Donnerstag eine entsprechende Änderung der Handwerksordnung, die im ersten Quartal des nächsten Jahres in Kraft treten soll. Die Bundesregierung feiert sich dafür. Aber viele Experten sehen den Schritt kritisch.

Die Meisterpflicht wird für insgesamt zwölf Gewerke wieder eingeführt – darunter sind Fliesen- und Parkettleger, Rollladentechniker, Glasveredler, Raumausstatter und Orgelbauer. In den vorausgegangenen Anhörungen hatte sich die große Mehrheit der insgesamt 53 Gewerke für eine Rückkehr zur Meisterpflicht ausgesprochen. Diese war 2004 für mehr als 50 Berufe abgeschafft worden. Mit der Reform der Handwerksordnung wollte die damalige Bundesregierung einfachere Tätigkeiten für Selbstständige öffnen. Bis dahin durften diese Betriebe nur von ausgebildeten Handwerksmeistern geführt werden.

Die schwarz-rote Koalition will nun mit der Rückkehr zur Meisterpflicht das Handwerk stärken. „Unser Ziel ist: mehr Qualität für die Kundschaft und mehr Nachwuchs im Handwerk durch eine bessere Ausbildung“, hatten Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann und SPD-Fraktionsvize Sören Bartol Anfang September mitgeteilt. Hintergrund: Jährlich bleiben etwa 20 000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Die Auslastung der etwa eine Million Betriebe ist mit 84 Prozent laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) aber auf einem Rekordhoch.

Warum kommt die Meisterpflicht nun ausgerechnet in zwölf Bereichen zurück? „Wir haben in unseren Überlegungen drei Kriterien angelegt“, erklärte Karl Holmeier (CSU) für die große Koalition im Bundestag: „Erstens: die Gefahrengeneigtheit, also die Frage, ob bei Fehlern Auswirkungen für Leben und Gesundheit bestehen. Zweitens: die Frage nach dem kulturellen Erbe und der technischen Einzigartigkeit des Gewerbes. Und drittens: ob eine Rückkehr zur Meisterpflicht für das jeweilige Gewerbe vereinbar mit dem Verfassungs- und Europarecht ist.“

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bezeichnete die teilweise Wiedereinführung der Meisterpflicht als gute Nachricht für das Handwerk und die Kunden. Die Zustimmung zum Handwerk werde in der Bevölkerung weiter wachsen, gab er sich zuversichtlich.

Doch so positiv sieht das nicht jeder. Ausgerechnet die Monopolkommission, ein von der Bundesregierung eingesetztes, unabhängiges Expertengremium warnte vor negativen Folgen für Kunden: „Aus Sicht der Verbraucher wird der Zugang zu Handwerksleistungen schwieriger. Die Wartezeiten und die Preise können steigen“, erklärte der Vorsitzende Achim Wambach am Donnerstag. „Zwar genießen die bereits gegründeten Nicht-Meister-Betriebe einen zeitlich unbegrenzten Bestandsschutz. Markteintritte durch neue Betriebe werden aber deutlich schwieriger, da das Ablegen einer Meisterprüfung kosten- und zeitintensiv ist.“

Das Gesetz sei ein Schritt zurück, so Wambach. „Die hohe Dynamik, die nach der Abschaffung des Meisterzwangs in den deregulierten Handwerksbereichen zu beobachten war, wird nun ohne Not ausgebremst.“ Nicht ohne Grund mahne die EU-Kommission regelmäßig, dass Deutschland den Wettbewerb bei reglementierten Berufen verstärken solle.

Auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), kritisierte den Beschluss: „Die Wiedereinführung der Meisterpflicht ist fehlgeleitet und falsch. Sie wird zu weniger Wettbewerb und höheren Preisen für die Verbraucher führen“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Das wird den betroffenen Branchen schaden und dort die Investitionen und Arbeitsplätze reduzieren.“ Eine Qualitätssicherung könne durch andere Instrumente wie eine kluge Regulierung erreicht werden.

Widerspruch an diesen Positionen kam von Gewerkschaften. „Der Fachkräftemangel im Handwerk und die Wartezeiten der Kunden entstehen gerade wegen der fehlenden Meisterpflicht, nicht umgekehrt“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. „Statt Plackerei, mieser Bezahlung, Dumping-Preiswettbewerb, Solo-Selbstständigkeit und schlechter Qualität braucht das Handwerk gute Bedingungen, um wieder mehr Fachkräfte zu gewinnen. Dazu gehört die Meisterpflicht genauso wie eine bessere Tarifbindung.“ Diese liegt aktuell nur bei etwa 30 Prozent.

Die Opposition im Bundestag bezeichnete das Vorhaben mehrheitlich als Schritt in die richtige Richtung, kritisierte aber einzelne Aspekte. Die AfD verlangt eine Rückkehr aller Gewerke zur Meisterpflicht. Politiker der großen Koalition halten dem vor allem rechtliche Bedenken entgegen: „Die Entscheidungen müssen gerichtsfest sein“, hieß es.

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