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Der Reha-Roboter Roreas soll Schlaganfall-Patienten bei der Genesung helfen.

Digitalisierung

Mein Pfleger, der Roboter

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Ist es technologische Aufgeschlossenheit oder die schiere Not des Pflegenotstands? Laut einer Umfrage können sich die Bundesbürger mehr Technik in der Pflege gut vorstellen.

Knapp drei Millionen Pflegebedürftige gibt es heute in Deutschland, Tendenz steigend. Sie und ihre Angehörigen können ein Lied vom Pflegenotstand singen. Das mag die Ergebnisse einer Umfrage des heimischen IT-Branchenverbands Bitkom zur digitalen Pflege der Zukunft erklären. Vor die Wahl gestellt, ob man selbst als Senior lieber in ein Alten- oder Pflegeheim ginge oder in den eigenen vier Wänden per Digitaltechnik gepflegt wird, votieren fast zwei Drittel für ein digitalisiertes Zuhause und nur ein Drittel für das traditionelle Heim. „Die Menschen wollen digitale Anwendungen in der Pflege“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Zugleich wurden durch die Umfrage aber auch Vorbehalte der Technik gegenüber deutlich.

Je rund die Hälfte aller gut 1 000 Befragten zweifeln beim Einsatz von Digitaltechnik an der Sicherheit sensibler Gesundheitsdaten oder sie haben Angst vor einer Entmenschlichung der Pflege sowie zunehmender Isolation älterer Menschen durch Überbetonung des Digitalen. Die Angst vor Datensicherheit hält Rohleder für eine übertriebene. Schon heute seien viele sensible Gesundheitsdaten elektronisch bei Krankenversicherern gespeichert ohne dass es zu nennenswerten Datenlecks gekommen sei. Elektronische Daten seien grundsätzlich sicherer als auf Papier gespeicherte, was heute vielfach noch die gängige Praxis sei.

Der Vorwurf der Entmenschlichung von Pflege beruhe auf einem Missverständnis, sagt der Bitkom-Manager. Bei der Zukunft der digitalen Pflege gehe es nicht an erster Stelle um den Einsatz humanoider Roboter, die Pfleger aus Fleisch und Blut ersetzen. Pflegeroboter sollen vielmehr menschlichen Pflegern zuarbeiten, also Co-Robots sein wie ihre bereits vielfach existierenden Kollegen in den Fabriken von Autoherstellern.

Digitale Pflege bedeutet für Rohleder vor allem den Einsatz von Sensorik, die zum Beispiel sofort bemerkt, wenn ein Pflegebedürftiger gestürzt ist, oder die Ortung Demenzkranker per GPS. Derartige Einsatzszenarien, zu denen auch elektronische Pflegeakten oder intelligente Bettsysteme zählen, die mitteilen, wenn ein Pflegebedürftiger aufgestanden ist, werden binnen zehn Jahren in Deutschland Standard sein, glauben zwischen gut 70 und 85 Prozent der Befragten. Derartiges befürworten Deutsche auch mehrheitlich. Sich von einem Roboter pflegen lassen, wollen dagegen nur vier von zehn Befragten. Die Mehrheit lehnt das ab. Je rund drei Viertel glauben, dass digitale Pflege ein längeres selbstbestimmtes Wohnen ermöglicht und mehr Zeit für die eigentliche Pflege durch Menschen schafft.

Rohleder unterstreicht das und glaubt an einen doppelten Nutzen von Digitaltechnik in der Pflege. Zum einen schaffe sie mehr Sicherheit für Betroffene. Zum anderen mache sie den Pflegeberuf attraktiver, sodass sich wieder mehr Menschen als Pfleger ausbilden lassen. Einem verstärkten Einsatz von Digitaltechnik stehe in Deutschland aber oft der politische Ordnungsrahmen entgegen, betont der Bitkom. „Bislang fehlt es an einer gesetzlichen Grundlage, dass Kranken- und Pflegekassen die Kosten für digitale Hilfsmittel übernehmen“, sagt Rohleder. Er verweist auf Länder, wo das bereits anders ist wie Schweden und Frankreich. Dort seien zum Beispiel Videosprechstunden der Versorgung vor Ort gleichgestellt und würden gleich vergütet. Neuerdings verspürt der Bitkom-Manager bei Entscheidungsträgern im deutschen Gesundheitswesen aber größere Offenheit in Richtung Digitaltechnik. „Der Druck nimmt zu“, stellt Rohleder klar.

Auch das kann man aus der Bitkom-Befragung ablesen. Dem heutigen Zustand der Pflege geben Bundesbürger demnach die Schulnote vier minus. Das ist oft mehr als ein Bauchgefühl. Etwa ein Drittel der gut 1 000 Befragten hat angegeben, im persönlichen Umfeld mindestens eine pflegebedürftige Person zu kennen.

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