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Mehr Zeit für Reklamationen

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Von: Theresa Dräbing

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Pauschalreisen sind weniger individuell - aber besser geschützt als Individualtrips.
Pauschalreisen sind weniger individuell - aber besser geschützt als Individualtrips. © Moritz Wienert

Die neue Pauschalreise-Richtlinie bringt für Urlauber nicht nur Verbesserungen. Ein Überblick.

Im Prinzip gibt es zwei Urlaubstypen. Den einen, der von Flug über Hotel bis hin zur Verpflegung alles selbst organisiert. Und den anderen, der im Reisebüro eine Pauschalreise bucht, mit allen Extras inklusive. Letzterer reist weniger individuell, genießt dafür aber mehr Rechte. Bei einem Flugausfall etwa springt der Vermittler der Pauschalreise ein und übernimmt die Kosten.

Das neue Pauschalreiserecht, welches seit dem 1. Juli gilt, soll die Verbraucherrechte stärken. Es handelt sich dabei um die Pauschalreise-Richtlinie der Europäischen Union, die nun in deutsches Recht übertragen wird. Dabei kommt eine neue Rechtsform hinzu: die verbundene Reiseleistung.

or allem Online-Buchungen sind mit den neuen Richtlinien besser abgesichert. Doch es gibt auch Kritik an den Neuregelungen. An anderen Stelle befürchten Verbraucherschützer Verschlechterungen.

Was hat es mit der verbundenen Reiseleistung auf sich? Auch wenn Urlauber zwei verschiedene Leistungen separat buchen – zum Beispiel erst den Flug und spätestens 24 Stunden danach die Unterkunft – zählt das von nun an als eine solche „verbundene Reiseleistung“, auch wenn die einzelnen Buchungen in separaten Rechnungen erfasst sind. Der Vermittler haftet dafür, wenn er selbst pleitegeht. Der Urlauber ist in diesem Fall abgesichert und bekommt sein Geld wieder. Voraussetzung ist, dass jede Einzelleistung mindestens 25 Prozent des Gesamtpreises ausmacht, dann können die Leistungen zusammenfassend betrachtet werden und der Rechtsschutz erhöht sich. 

Ob es sich um eine solche verbundene Reiseleistung handelt, um eine Pauschal- oder Individualreise, darüber muss der Vermittler den Kunden schriftlich aufklären. Geschieht das nicht, gilt die gebuchte Reise automatisch als Pauschalreise – die Rechtsform mit den am weitesten gehenden Rechten für den Kunden. Hier wurde also mehr Transparenz geschaffen.  In der Vergangenheit ist es zu zahlreichen Beschwerden gekommen, weil auf Onlineportalen vermeintlich Pauschalangebote offeriert wurden, diese aber in Wahrheit nur verschiedene Einzelleistungen waren.

Welche Änderungen wirken sich noch positiv für den Verbraucher aus? Wer mit seiner Unterkunft nicht zufrieden war, weil das Hotelzimmer sich zum Beispiel als kleiner als angegeben herausstellte, kann diesen und andere Mängel beim Reiseveranstalter beanstanden. Das musste bislang spätestens vier Wochen nach der Reise geschehen, jetzt muss die Mängelanzeige auch noch volle zwei Jahre nach der Reise angenommen und bearbeitet werden. Jedoch sollten sich Reisende im Klaren darüber sein: Auch wenn theoretisch länger Zeit bleibt, wird es schwieriger, die Mängel zu beweisen, je länger die Reise zurückliegt.

Welche Verschlechterungen ergeben sich aus dem neuen Reiserecht? Eine der größten Änderungen: Eine gebuchte Unterkunft in einem Ferienhaus oder einer -wohnung fällt nicht mehr unter das Pauschalreiserecht. In diesem Fall gelten etwa bei Auslandsreisen stattdessen die Bestimmungen aus dem Reiseland. Rechte könnten schwieriger umzusetzen sein. Ähnliches gilt für Tagesreisen: Nur wenn die Tour mehr als 500 Euro kostet, wird sie vom Pauschalreiserecht abgedeckt. 

Ein weiterer Punkt: Urlauber sind generell weniger gut vor kurzfristigen Kostensteigerungen geschützt. So kann es vorkommen, dass sich der Preis für die Reise unter bestimmten Umständen auch nach der Buchung noch erhöht. Lag diese Preissteigerung bei über fünf Prozent, hatten Urlauber bislang das Recht, den Vertrag kostenlos aufzukündigen. Mit der neuen Regelung erhöht sich diese Grenze: Erst wenn der Preisaufschlag acht Prozent und mehr beträgt, ist die Stornierung für Urlauber noch kostenlos. Auch darf der Preis noch kurzfristiger vor Reiseantritt geändert werden. War er bislang spätestens vier Monate vor Reisebeginn gesetzt, ist eine Erhöhung nun noch bis zu 20 Tage vor Antritt möglich.

In welchen Fällen ist eine Preiserhöhung überhaupt erlaubt? Die Möglichkeit einer nachträglichen Preiserhöhung muss im Vertrag festgehalten sein. Außerdem kann der Reiseveranstalter den Preis nur in begründeten Fällen erhöhen. Etwa wenn sich bereits kalkulierte Kosten wie Treibstoff, Touristenabgaben oder Wechselkurse erst nach Vertragsabschluss erhöht haben.

Wie reagieren die Reiseveranstalter? Einige große Reiseveranstalter haben bereits erklärt, wie sie mit den neuen Regelungen umgehen wollen. TUI kündigte an, etwa auf die neue gesetzliche Möglichkeit, Reisepreise nachträglich zu erhöhen, verzichten zu wollen. Zudem will der Konzern sein Pauschalreiseangebot ausweiten und auch Einzelleistungen als Pauschalreise mit zusätzlichen Verbraucherrechten verkaufen. Ähnlich wollen es die Wettbewerber FTI, Thomas Cook und Neckermann handhaben. Große Veranstalter machen Einzelbuchungen also freiwillig zu Paketreisen. Ein Plus für Urlauber. 

Kleinere und mittlere Veranstalter könnten aber Probleme bekommen, eine solche Ausweitung der Pauschalreisen zu finanzieren. Ein Wettbewerbsnachteil, kritisiert etwa der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). „Mittelständische Anbieter dürften sich das wegen der Kosten für die Insolvenzabsicherung von Einzelleistungen kaum leisten können“, befürchtet Felix Methmann vom VZBV. 

Der Verbraucherschützer hält das Gesetz insgesamt für eine Verschlechterung für Verbraucher. Der Standard in Deutschland sei bislang vor allem durch die Rechtsprechung sehr hoch gewesen.

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