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Title: Oil rig at Titusville, Pa.
Date Created/Published: ca. 1900.
Medium: 1 photographic print.
Summary: Photograph shows a group of men standing next to oil rig.
Reproduction Number: LC-USZ62-39348 (b&w film copy neg.)
Rights Advisory: No known restrictions on publication.
Call Number: SSF - Industry -- Petroleum -- Penna. -- Titusville [item] [P&P]
Repository: Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA http://hdl.loc.gov/loc.pnp/pp.print
Notes:

    Photo by Mather.
    No. 45.
    Hand-colored.
    Title from item.
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Title: Oil rig at Titusville, Pa. Date Created/Published: ca. 1900. Medium: 1 photographic print. Summary: Photograph shows a group of men standing next to oil rig. Reproduction Number: LC-USZ62-39348 (b&w film copy neg.) Rights Advisory: No known restrictions on publication. Call Number: SSF - Industry -- Petroleum -- Penna. -- Titusville [item] [P&P] Repository: Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA http://hdl.loc.gov/loc.pnp/pp.print Notes: Photo by Mather. No. 45. Hand-colored. Title from item.

Ölpreis

Mehr Öl als Whiskeyfässer

  • Daniel Baumann
    VonDaniel Baumann
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Die Erdölindustrie ringt mit der Preiskrise. Mal wieder. Denn seit „Colonel“ Drake das erste Bohrloch setzte, kämpft die Branche mit dem Überfluss.

Der Colonel war kein Colonel, und ein Ölmann war er auch nicht – noch nicht. Mehr aus Zufall, denn aus irgendeinem anderen Grund, kam Edwin L. Drake, ein geschäftlicher Tausendsassa und Zugführer, 1857 zu dem Job, nach Pennsylvania zu reisen und am Oil Creek nach Öl zu graben. Das Projekt sollte Drake zu einer der wichtigsten Figuren der Ölgeschichte machen. Denn am 27. August 1859 gelang ihm und seinen Helfern nach jahrelangen Strapazen die erste kommerzielle Ölbohrung der Geschichte – und der Ölrausch begann.

Vorbei war die Zeit, als Drake als Spinner belächelt worden war. Seine Landsleute hielten es für eine absurde Idee, dass man im Boden Öl in großen Mengen finden könnte. Doch nun setzte ein Run auf den 125-Seelen-Ort Titusville ein. Die Bodenpreise schossen in die Höhe und die Bevölkerung wuchs über Nacht. Bohrloch um Bohrloch wurde in den Boden getrieben, Whiskey-Fass um Whiskey-Fass befüllt. Bald gab es mehr Öl als Nachfrage, und auch mehr Öl als Whiskey-Fässer, und plötzlich kosteten die Fässer fast doppelt so viel wie das Öl darin.

In diesen Wochen kam auch George Bissel in Titusville an, ein Journalist, Rechtsanwalt und Professor für Latein und Griechisch – und der Mann, der daran glaubte, dass man Erdöl als Leucht- und Schmiermittel verwenden kann, der Tests in Auftrag gab und schließlich zusammen mit anderen Investoren „Colonel“ Drake beauftragte. „Die ganze Bevölkerung ist verrückt geworden“, schrieb Bissel an seine Frau. „Ich habe noch nie so eine Aufregung gesehen.“ Diese Aufregung führte direkt in die Überproduktion und schon zwei Jahre später, 1861, in die erste Krise der Ölindustrie. Die Preise fielen dramatisch: Von zehn Dollar je Fass (Barrel) im Januar auf noch 50 Cent im Juni und zehn Cent zum Jahresende. Viele Hersteller waren ruiniert.

Dieses Schicksal sollte die Ölindustrie bis zum heutigen Tag immer wieder ereilen. Der Absturz des Ölpreises in den vergangenen zwei Jahren – zum Beispiel der Nordsee-Sorte Brent – von über 110 Dollar je Fass auf zeitweise unter 30 Dollar, steht in einer langen Tradition. Zwar prägen das kollektive Gedächtnis vor allem die Öl-Krisen von 1973 und 1979, als infolge des Jom-Kippur-Krieges und der Islamischen Revolution im Iran (Erster Golfkrieg) das Angebot knapper wurde und die Industrieländer in eine schwere Rezession gerieten. Der Überfluss an Öl ist für die Geschichte der Industrie aber das bestimmendere Thema.

Es könnte sogar sehr gut so sein, dass die Ölgeschichte völlig anders verlaufen wäre, hätte es die Krise in Titusville nicht gegeben. Denn das billige Erdöl, das 1861 auf den Markt kam, führte zu einem schnellen Siegeszug des neuen Rohstoffs. Die Menschen, die lange darauf gewartet hatten, dass die Nacht zum Tage wird, waren begeistert vom aus Öl gewonnenen Kerosin. Damit leuchtete künstliches Licht heller als je zuvor. Walöl, Pflanzenöl und Öl aus Kohle waren schnell chancenlos. Das billige Erdöl revolutionierte alles. Die Nachfrage zog an, der Markt kam zurück ins Gleichgewicht und die Preise stiegen wieder. Nun wussten alle, welches Potenzial der neue Rohstoff hatte – und das brachte die nächsten Probleme mit sich.

Der Wettbewerb zwischen den Ölpionieren wurde immer härter. Immer mehr in immer kürzerer Zeit wurde gepumpt. Die Logik dahinter war einfach: Zwar hatte jeder Ölsucher sein eigenes Stück Land, aber die Ölreserven darunter, die Vermutung lag nahe, hat man sich geteilt. Also ging es darum, möglichst schnell möglichst viel aus dem Boden zu holen. Das resultierte schon 1866 in der nächsten Ölpreiskrise.

Dann trat einer auf den Plan, der zu einem der bekanntesten und umstrittensten Unternehmer der Weltgeschichte werden sollte: John D. Rockefeller. Gerade mal 26 Jahre alt, hatte er im Februar 1865 seinem Partner Maurice Clark die gemeinsame Raffinerie in Cleveland, Ohio, für 72 500 US-Dollar abgekauft und machte sich fortan daran, seine Macht im Ölgeschäft auszubauen. Rockefeller wollte eine profitable Ölindustrie und das konnte nur gelingen, indem Überproduktion und Preiskrieg beendet werden.

Der junge Geschäftsmann verschaffte sich zur Konkurrenz zunächst Vorteile, indem er schnell wuchs, strikt auf die Kosten achtete und für sein Kerosin eine Standardqualität gewährleistete, die Kunden vor Gefahren schützte (daher der spätere Name seiner Firma Standard Oil). Er nahm zudem wichtige Bereiche des Ölgeschäfts, die über Überleben oder Untergang entscheiden konnten, selbst in die Hand: eigene Fassproduktion, eigene Transportkapazitäten und Lagerhäuser. Und dann startete er einen gnadenlosen Vernichtungsfeldzug.

Rockefeller, nun war sein Unternehmen groß genug, ging mit der Eisenbahn einen Pakt ein: Nur noch die wichtigsten Raffineure erhielten günstige Preiskonditionen, alle anderen mussten hohe Frachtraten bezahlen. Ein tödlicher Schachzug für viele Konkurrenten. Zudem nahm sich Rockefeller vor, dass sich in jeder Region die wichtigste Raffinerie seiner Standard Oil anschloss – wer sich weigerte, wurde in den finanziellen Schwitzkasten genommen. Ausgestattet mit seinen großen Preisvorteilen, startete er einen gnadenlosen Dumpingwettbewerb.

Das war wirkungsvoll: 1879 kontrollierte Standard Oil 90 Prozent der US-Raffinerie-Kapazitäten, verfügte über Pipelines und dominierte das Transportgeschäft. Nun konnte er sich daran machen, das „Ölgeschäft sicher und profitabel“ zu machen. Im Markt kehrte Ruhe ein. Doch die währte nie lange.

In anderen Regionen der USA und der Welt wurden weitere Ölvorkommen entdeckt. Das gab neuen Konkurrenten die Chance, in den Markt einzusteigen. Standard Oil versuchte zwar stets, die Situation möglichst schnell wieder unter Kontrolle zu kriegen. Doch weder Preiseinbrüche waren gänzlich zu verhindern, noch dass sich über die Zeit einige ernstzunehmende Konkurrenten formten. So gelang es den Brüdern Ludwig und Robert Nobel, Geschwister von Alfred Nobel, einen großen Teil des russischen Ölmarktes, der sich aus den Ölfeldern Bakus speiste, zu kontrollieren. Dank des russischen Öls fanden auch die Rothschilds ihren Weg ins Ölgeschäft, was über die Kooperation mit einem Londoner Händler, dessen Vater auch mit Muscheln verzierte Kisten im Angebot hatte, wiederum zur Gründung des heutigen Ölriesen Shell führte.

Kurz: Um 1890 herum lieferten sich weltweit insgesamt vier Gruppen einen harten Schlagabtausch mit der Folge sinkender Preise. Und erneut lautete die Lösung, den Krieg und die Überproduktion zu beenden: Um 1893 sowie um 1895 herum gab es Versuche von Standard Oil, den Rothschilds und den Nobels, den Weltölmarkt unter sich aufzuteilen, was allerdings beide Male scheiterte. Später sollten Shell und Royal Dutch eine Kooperation eingehen, die darauf abzielte, den Weltölmarkt besser kontrollieren zu können.

In den USA folgte die Entdeckung weiterer großer Ölfelder, und eine folgenschwere Entscheidung: Standard Oil wurde 1911 von den Behörden in mehrere regional aktive Unternehmen aufgeteilt. Damit war die Kontrolle über den Markt vorbei. In Texas, das inzwischen zum wichtigsten Ölförder-Staat aufgestiegen war, geriet die Situation Ende der 1920er Jahre dadurch komplett außer Kontrolle. Erstmals riefen manche Ölmänner nach der Regierung, die den Markt unter Kontrolle bringen sollte. Einer schrieb angesichts des Förder- und Preiswahnsinns: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass in der Petroleum-Industrie mehr Dummköpfe sind als in jedem anderen Geschäft.“ Und die Lage verschlimmerte sich noch, als im Oktober 1930 das Ölfeld Black Giant entdeckt wurde. Kostete das Barrel in Texas 1926 noch 1,85 Dollar, lag der Preis Ende Mai 1931 bei nur noch 15 Cent und manches Fass wurde sogar für nur noch sechs oder gar zwei Cent verkauft. Im August 1931 erklärte deshalb erst der Gouverneur von Oklahoma den Notstand, und kurz darauf sein Amtskollege aus Texas dem östlichen Teil seines Staates den Krieg. Truppen wurden ausgesandt, die die Kontrolle über die Ölfelder übernehmen und dem Förder- und Preiswahnsinn ein Ende setzen sollten. Das gelang schließlich mit Unterstützung aus Washington im Jahr 1933.

Die US-Regierung ging nicht nur scharf gegen illegale Ölproduktion vor, sie setzte nun auch jedem Bundesstaat Produktionsquoten. Das hätte einige Jahre zuvor noch zu massiven Protesten geführt, wurde nun aber dankbar angenommen. Und manchem in der Ölindustrie ging das nicht einmal weit genug: Der Vertreter von Standard of California verlangte gar, dass die Regierung die Preise festsetzen müsse.

Die 50er Jahre waren dann die Zeit der Entdeckung der gigantischen Ölfelder im Mittleren Osten, im Branchen-Slang „Elefanten“ genannt. Das weckte Erinnerungen – keine guten. Der Geologe Everette DeGolyer schrieb einem Freund: „Der Mittlere Osten gerät rasant in einen Zustand, der in den Vereinigten Staaten seit den frühesten Tagen der Ölindustrie fast chronisch war, das heißt, die Nachfrage wird zum Problem, nicht die Produktion.“ Und erneut schritten die Staaten ein, diesmal in Form einer Allianz ölexportierender Länder: In einem Yachthafen am Stadtrand von Kairo setzten Vertreter von Kuwait, Iran, Irak, Saudi-Arabien und Venezuela 1959 ihre Unterschrift unter ein Gentlemen’s Agreement, in dem sie sich verpflichteten, die Position ihrer Länder gegenüber den Ölfirmen zu stärken und gegen den ruinösen Preiswettbewerb, der auf die Staatseinnahmen drückte, vorzugehen. Ein Jahr später, am 14. September 1960, wurde aus diesem Bündnis die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, die bis heute versucht, die Produktion im Zaum zu halten.

Das gelingt ihr mal mehr, mal weniger erfolgreich: Die Ölpreise stürzen immer wieder ab, sei es wegen neuer Konkurrenz (Nordsee-Öl, Fracking), Nachfrageeinbrüchen während Wirtschaftskrisen oder Überproduktion infolge von Undiszipliniertheiten innerhalb des Kartells. 1986 fielen die Ölpreise innerhalb von Wochen um 70 Prozent auf unter zehn Dollar je Fass. So günstig war Öl auch 1998 zu haben, als die Asienkrise zuschlug. Und auch in der jüngsten Vergangenheit kollabierten die Preise wieder.

Der Geist von Titusville, er verbreitet in der Ölindustrie bis heute Angst und Schrecken.

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