+
Die Zahl selbstständiger Fliesenleger ist nach Abschaffung der Meisterpflicht kräftig gestiegen ? die Zahl der Mängel auch.

Wegfall der Meisterpflicht

Mehr Solo-Selbstständige, mehr Mängel

  • schließen

Die Abschaffung der Meisterpflicht für Fliesenleger und Co. sehen Gewerkschaft und Baugewerbe als "fatalen Fehler". Die Reform müsse zurückgedreht werden.

Als die Bundesregierung 2004 die Meisterpflicht für das Fliesenlegerhandwerk, für Betonstein- und Terrazzohersteller sowie für Mosaik-, Estrich- und Plattenleger abgeschaffte, verknüpfte sie damit hoch gesteckte Erwartungen: Wenn nicht mehr jeder Betrieb von einem Meister geführt werden müsste, könnten bürokratische Belastungen verringert und zusätzlich Beschäftigte eingestellt werden, während der Wettbewerb gestärkt würde. Es war die Ära der „Liberalisierung des Arbeitsmarkts“, in der deregulierenden Reformen per se beschäftigungsfördernde Effekte zugeschrieben wurden.

13 Jahre später ist man klüger. Der Wegfall der Meisterpflicht hat zwar tiefgreifende Veränderungen bewirkt, allerdings kaum in gewünschter Weise. Zu diesem Urteil gelangen IG Bau und der Zentralverband Deutsches Baugewerbe in seltener Eintracht: Weder die Betriebe noch die Beschäftigten haben von der Reform profitieren können, im Gegenteil überwiegt der Schaden den Nutzen bei Weitem. Das ganze habe sich als „fataler Fehler“ erwiesen, weshalb die Meisterpflicht in den genannten Handwerken wieder eingeführt werden müsse, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Verbände.

Untermauert wurde diese Forderung am Dienstag vom Vize-Chef der IG Bau, Dietmar Schäfers, und dem Vorsitzenden des Fachverbands Fliesen und Naturstein, Karl-Heinz Körner, mit umfangreichem Datenmaterial. Danach stieg die Zahl der Betriebe nach 2004 zwar sprunghaft von 12 400 auf 71 100 im Jahr 2015 an. Dabei handelte es sich nach Darstellung der Gewerkschaft und der Arbeitgeber aber überwiegend um Ein-Mann-Betriebe, in der Regel ohne Meisterbrief, oftmals ohne jeden Qualifikationsnachweis. Diese Soloselbstständigen böten ihre Leistungen nicht selten für 20 Euro und weniger pro Stunde an, da sie weder an Tarif- noch an Branchenmindestlöhne gebunden seien. „Qualifizierte Fliesenmeisterbetriebe, die ihren Mitarbeitern einen Tariflohn zahlen, Beiträge in die Sozialsysteme abführen und Nachwuchs qualifiziert ausbilden, können mit ihrem Stundenverrechnungssatz von gut 54 Euro nicht mithalten und werden so aus dem Wettbewerb gedrängt“, so Schäfers und Körner.

Weniger Auszubildende

Das hat Folgen: Die Zahl der bestandenen Meisterprüfungen in den fraglichen Handwerken ging zwischen 2004 und 2016 um 73 Prozent von 423 auf 114 pro Jahr zurück. Entsprechend sanken auch die Ausbildungsaktivitäten: Erlernten 2004 noch mehr als 3000 junge Leute einen der betroffenen Bauberufe, so waren es 2015 nur noch 2200. Leidtragende sind nach Ansicht der Verbände aber nicht allein Azubis und Meisterbetriebe, sondern auch Bauherren und Verbraucher: Eine Umfrage unter Sachverständigen habe ergeben, dass Mängel bei Fliesen- und Natursteinarbeiten aufgrund mangelnder Qualifikation der durchführenden Handwerker spürbar zugenommen hätten, während die Zahl der Beschwerden über Meisterbetriebe gleich geblieben oder sogar gesunken sei.

Um die Qualität der Leistungen wieder zu erhöhen, sei die Wiedereinführung der Meisterpflicht unabdingbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare