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Große Pläne: Bahnvorstand Richard Lutz (Mitte) zu Beginn der Bilanzpressekonferenz mit Beschäftigten aus unterschiedlichen Ländern der EU.

Zugausfälle und Verspätungen

Der Bahn fehlt es an Infrastruktur, Zügen und Personal

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Für die Deutsche Bahn war 2018 kein gutes Jahr. Das schlägt sich nun auch in der Bilanz nieder. 

Die Deutsche Bahn hat im vergangenen Jahr erneut einen Fahrgastrekord erzielt, kämpft allerdings weiterhin mit den Folgen eines gigantischen Investitionsrückstaus. 2018 fuhren rund 148 Millionen Menschen mit Fernzügen der Bahn. 2019 sollen es mehr als 150 Millionen sein und für 2030 hat der Konzern das Ziel, mehr als 200 Millionen Fahrgäste zu transportieren. Das wären jedoch rund 60 Millionen weniger als im Koalitionsvertrag von Union und SPD vorgesehen.

Aktuell fehlt es der Bahn an Infrastruktur, Zügen und Personal. „Raum und Ressource, um unsere Angebote und ihre Qualität weiter auszubauen, werden knapp“, sagte Bahn-Chef Richard Lutz bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens am Donnerstag in Berlin. An Nadelöhren des Netzes gebe es „Staus auf der Schiene“.

Die Bahn will zuverlässiger werden. 2019 sollen etwa drei von vier Fernzügen – 76,5 Prozent – pünktlich ankommen. Von pünktlich spricht die Bahn, wenn das Ziel mit weniger als sechs Minuten Verspätung erreicht wird. Im vergangenen Jahr lag die Pünktlichkeit bei 74,9 Prozent. „Das ist nicht zufriedenstellend. Da gibt es nichts zu beschönigen“, sagte Lutz. Viele der vorgesehenen Maßnahmen brauchten Zeit: „Einen Hebel, den man umgelegt, und schon ist die Bahn besser, den gibt es nicht.“

Rund fünf Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren in mehr Qualität und Zuverlässigkeit investiert werden – das Ziel war bereits Teil der „Agenda für eine bessere Bahn“. Dieses Programm hatte die Konzernspitze Ende vergangenen Jahres beschlossen und im Januar bei Krisengesprächen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) präsentiert.

Konzernchef Lutz bekräftigte gestern, es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, bestehende Engpässe zu beseitigen. Probleme an hochbelasteten Strecken hätten gegenwärtig gravierende Folgen für den Betrieb. Lutz, der in diesem Zusammenhang von „Wachstumsschmerzen“ spricht, schließt sogar Verschlechterungen bei der Qualität nicht aus. „Die Staueffekte nehmen aktuell sogar noch zu. Denn Engpassbeseitigung passiert nicht über Nacht“, sagte er.

Der Konzern kämpft im laufenden Jahr mit schwerwiegenden Finanzproblemen. Der Gewinn der Deutschen Bahn war im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Das Jahresergebnis sank auf 542 Millionen Euro – fast 30 Prozent weniger als 2017. In der Finanzplanung für das laufende Jahr klafft zudem eine Finanzierungslücke von circa 2,2 Milliarden Euro, wie in Aufsichtsratskreisen bestätigt wurde. Das Gremium hat daher in dieser Woche den Auftrag erteilt, Optionen für einen Verkauf der in London ansässigen Auslandstochter Arriva zu prüfen. „Wir gehen davon aus, dass wir dieses Projekt noch in diesem Jahr abschließen können“, sagte Finanzvorstand Alexander Doll.

Angesichts eines unverändert möglichen harten Brexit ist das Geschäft jedoch mit vielen Fragezeichen verbunden. Nach Angaben aus dem Bahn-Aufsichtsrat rechnet der Vorstand mit Erlösen von etwa 1,9 Milliarden Euro und erhofft sich davon einen wesentlichen Beitrag zur Schließung der Finanzlücke. Die Möglichkeiten des Konzerns, an frisches Geld zu kommen, sind ansonsten begrenzt. Schließlich hat der Gesetzgeber eine Obergrenze für die Verschuldung von 20,4 Milliarden gesetzt, die bald erreicht wäre. Dem Bund blieben im Fall eines Scheiterns des Arriva-Verkaufs wohl nur zwei Optionen: eine erneute Finanzspritze oder die Erhöhung der Verschuldungsgrenze.

Änderungen am Rabattsystem im Fernverkehr mit Billigtickets für Verbindungen außerhalb der Stoßzeiten wären keine Alternative, um an zusätzliche Erlöse zu kommen, erklärte Personenverkehrsvorstand Berthold Huber. Hintergrund sind Forderungen des Bahn-Beauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann (CDU), das Rabattsystem auf den Prüfstand zu stellen. Die günstigen Tickets hätten kaum Einfluss auf das Geschäftsergebnis, argumentiert Konzernvorstand Huber. Die 19-Euro-Tickets machten ihm zufolge nur einen Prozent des Umsatzes aus. Stattdessen helfe das Rabattsystem, Fernzüge besser auszulasten.

Zur Sache: Stuttgart 21

Die Deutsche Bahn sieht keine weiteren Kostensteigerungen bei ihrem problembehafteten Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Entsprechende Berichte seien Spekulation und hätten mit der Wirklichkeit nichts zu tun, sagte Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla am Donnerstag. „Der Bericht, der gestern im Aufsichtsrat vorgelegt wurde, macht deutlich, dass wir nach wie vor den Gesamtwertumfang einhalten.“

Diese Kostenprognose hatte die Deutsche Bahn Anfang vergangenen Jahres auf 7,7 Milliarden Euro erhöht. Hinzu kommt ein Risikopuffer von rund einer halben Milliarde Euro. (mit dpa)

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