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Präsident Macron bei einem Besuch des AKW-Bauers Framatome.
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Präsident Macron bei einem Besuch des AKW-Bauers Framatome.

Atomkraft

Mehr als nur eine Energiequelle

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Brüssels Plan, Atomkraft als nachhaltig zu etikettieren, kommt Präsident Marcon gerade recht. Trotz technischer Probleme könnten in Frankreich schon bald neue Reaktoren entstehen.

Der Vorsteher des Stromkonzerns „Electricité de France“ (EDF), Jean-Bernard Lévy, hat die französische Staatsspitze zum Wochenbeginn aufgefordert, in Penly (Normandie) einen Atomreaktor der neuen Generation zu erstellen. „Ich hoffe, dass die Regierung von Absichtserklärungen zu einer Phase der Lancierung konkreter Akte schreiten wird“, sagte der Vorsteher des Staatsunternehmens.

Auffällig – und alles andere als zufällig – ist der Zeitpunkt des Appells. Er erfolgt drei Tage nach dem Vorentscheid der EU-Kommission, Atom und Gas in einer Übergangsphase als nachhaltig einzustufen und damit für Subventionen zu öffnen. Lévy macht mit dem genau terminierten Aufruf klar, dass die französische Atomindustrie von den EU-Zuschüssen profitieren will.

Präsident Emmanuel Macron hatte den Bau neuer Kernkraftwerke im November in Aussicht gestellt, allerdings ohne einen Zeitplan zu nennen. Sein Land unterhält heute 56 Reaktoren, die den drittgrößten AKW-Park nach den USA und China verkörpern. Seit zwanzig Jahren sind in Frankreich aber keine neuen Meiler entstanden. Den französischen Nuklearingenieuren fehlt es deshalb an Erfahrung. Das zeigt sich in der neuen Generation der „Druckwasserreaktoren“ (EPR). Sie ist erst im Aufbau befindlich und leidet unter massiven Startschwierigkeiten und Sicherheitslecks.

Die Inbetriebnahme des Pionierwerks in Flamanville (Normandie) verzögert und verteuert sich ständig: Seine Kosten haben sich von 3,1 auf 19 Milliarden Euro versechsfacht, und die ursprünglich für 2013 vorgesehene Inbetriebnahme ist nun für 2023 geplant. Wenn bis dahin alles gutgeht. Die EDF spricht von Kinderkrankheiten, die Umweltorganisation Greenpeace hingegen von einem „Fiasko“.

Laut Umfragen steht eine Mehrheit der Franzosen zur Atomenergie; die Gaspreiserhöhungen der vergangenen Monate haben diesen Trend noch verstärkt. Die Startschwierigkeiten in Flamanville und die lokalen Proteste gegen das geplante Endlager in Bure (Lothringen) sind aber Antiwerbung für die Atomindustrie. Viele Bürger:innen verstehen auch das Hin und Her in der nationalen Energiepolitik nicht: Macron hatte zu Beginn seines Mandates selber das elsässische AKW Fessenheim am Rhein stilllegen lassen. Das war allerdings kein Kurswechsel, sondern, wie sich heute zeigt, ein Einzelfall in Form eines wahlpolitischen Intermezzos: Macron und sein sozialistischer Vorgänger François Hollande versuchten damit die Grünen auf ihre Seite zu ziehen.

Damit ist nun Schluss: Macron hat im vergangenen Herbst eine neue Milliardeninvestition in die AKW-Forschung und in die Entwicklung von Minikraftwerken angekündigt. Auch stellte er den Bau von sechs EPR-Reaktoren in Aussicht.

Die EDF will mit einem Baustart in Penly zweifellos vollendete Tatsachen schaffen. So benutzt sie den Label-Entscheid der EU, um klarzumachen, dass der Problemmeiler Flamanville nicht etwa das Ende, sondern den Beginn der neuen EPR-Ära darstellt.

Bei Macron dürfte der Stromriese mit seinem Anliegen ein offenes Ohr finden. Der Präsident hat erkannt, wie wichtig das Nachhaltigkeitslabel der EU für die innenpolitische Debatte ist. Heute zeigt sich, dass Macron die osteuropäischen Partner in den letzten Monaten wohl deshalb systematisch besucht hatte, um sie für das nukleare Greenwashing zu gewinnen. Die zahlreichen EU-Fachleute, die sich gewundert hatte, dass Macron Polen und Ungarn mit Vorwürfen wegen rechtsstaatlicher Verstöße eher verschonte, erhalten nun eine Antwort.

Das Klimalabel der EU dient Macron selbst in seinem Bemühen, sich in Frankreich vor den Präsidentschaftswahlen in drei Monaten als Staatenlenker vom Kaliber eines Charles de Gaulle zu präsentieren. Atomkraft ist in Frankreich nicht nur eine Energiequelle, sondern seit de Gaulles Weichenstellung in den fünfziger Jahren auch Garantin der nationalen Unabhängigkeit und Größe. Die nukleare „Force de Frappe“ verhilft Frankreich überdies zu einem geopolitischen Status. Wie all seine Vorgänger im Elysée-Palast will Macron aber auf jeden Fall daran festhalten. Allein deshalb schon, weil Frankreich heute die einzige Atommacht der EU ist.

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