Einschulung in Baden-Württemberg
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„Wir sind die einzigen, deren Ranzen ‚Made in Germany‘ sind“, stellt Claudia Krause klar.

Made in Germany

Typisch deutsch? McNeill Schulranzen aus Hainburg

  • Tobias Schwab
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Thorka-Chefin Claudia Krause im Interview über das Design ihrer McNeill-Schultaschen, ewige Bestseller und die Produktion in Deutschland.

  • McNeill Schulranzen gehören zum Hype des Schulbeginns dazu
  • Die Firma Thorka aus Hainburg ist bekannt für ihre Schulranzen Made in Germany
  • Die Thorka-Chefin Claudia Krause verrät im Interview Design- und PR-Strategien

Claudia Krause empfängt zum Interview im Showroom von Thorka im hessischen Hainburg. Der ist vollgepackt mit den aktuellen Modellen des Ranzenherstellers. Ein Paradies für angehende ABC-Schützen auf der Suche nach ihrer ersten Schultasche. Ganz am Rande eine kleine Line mit Handtaschen für Frauen, klassisch-chic designt, die Thorka jetzt auch selbst produziert. Ein Experiment. Die Chefin trägt sie selbst - und wird immer wieder darauf angesprochen. Doch im Gespräch geht es ums Kerngeschäft. Und da hat Thorka mit seiner Marke McNeill eine lange Tradition.

Frau Krause, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Ranzen?

Ja, ganz gut sogar. Ich wurde 1972 eingeschult und bekam ihn von meinen Großeltern geschenkt. Der erste Ranzen, das war auch damals schon ein Highlight für alle Kinder. Meiner war aus Leder und gelb-grün. Eine Farbkombination, die man heute wieder gut verkaufen könnte. Die Marke weiß ich allerdings nicht mehr, es war auf jeden Fall keiner von McNeill.

Thorka-Chefin: „Ranzen sind heutzutage kleine Hightech-Produkte“

Woher kommt das eigentlich, dass der Kauf eines Ranzens für viele Kinder und Familien eine so große Bedeutung hat?

Um den ganzen Schulbeginn wird ein Hype gemacht. Das ist ein typisch deutsches Phänomen. In manchen Bundesländern sind die Einschulungen sogar am Wochenende, damit die ganze Familie zusammenkommen und ordentlich feiern kann. Und Sie haben Recht, der Ranzen spielt dabei schon eine besondere Rolle, er ist ja auch ein Stück deutsches Kulturgut …

… für das die Eltern eine Menge Geld ausgeben. Da kommen schnell bis zu knapp 300 Euro für die Erstausstattung mit dem kompletten Set von Ranzen, Mäppchen, Sportbeutel, und Trinkflasche zusammen.

Ranzen sind heutzutage kleine Hightech-Produkte. Die ausgefeilte Ergonomie, die Reflektoren, die hochwertigen, leichten Materialien, die Verschlüsse – all das kostet. Aber man muss das in Relation sehen: Den Schulranzen schultern die Kinder von Montag bis Freitag. Den Anzug, den sich der Papa für 250 Euro kauft, was eher günstig wäre, trägt er nicht täglich. Viele Eltern investieren das Geld gerne und bewusst in ein qualitativ hochwertiges Produkt zum Schulstart.

Was macht einen guten Ranzen aus?

Er muss perfekt sitzen, höhenverstellbar, leicht und praktisch zu packen sein. Wichtig ist auch, dass der Verschluss von kleinen Händen gut zu öffnen ist.

Schulranzen aus Hainburg: Klare Präferenzen bei Design und Farben

Und das Design?

Das spielt natürlich eine große Rolle und entscheidet, ob der Ranzen ankommt. Sie müssen die Kinderherzen erreichen.

Wie kommen Sie zu Ihren Motiven? Kooperieren Sie mit Trendforschern?

Wir arbeiten zum Beispiel mit Kindertagesstätten zusammen, um zu sehen, wie die Kleinen auf Entwürfe reagieren. Wichtige Hinweise liefern auch die Entwicklungen in der Spielwarenbranche. Außerdem melden uns die Händler zurück, wie die Resonanz in den Läden ist. Es geht dabei nicht nur um die Figuren, auch bei den Farben müssen sie zielsicher sein.

Welche Motive gehen immer?

Pferde bei den Mädchen, Polizei und Feuerwehr bei den Jungen. Das sind über all die Jahre Konstanten.

Nichts Neues?

Klar, es gehen auch mal Blumenmotive und die farbliche Gestaltung unterliegt modischen Entwicklung. Aber die Bestseller sind immer noch Feuerwehr und Pferde. Nur die Ausgestaltung ändert sich. Das Pferd auf dem Ranzen kann heute kein einfacher Druck mehr sein, es braucht auch eine Haptik, muss flauschig und damit zu erspüren sein.

Und die Farben – sind die noch eindeutig zuzuordnen?

Ja, ganz klar. Immer noch gilt: Mädchen wählen Rosé- und Lila-Töne, Jungs stehen auf Blau und Grün.

Thorka-Chefin: „In China zahlen die Leute sogar bis zu 400 Dollar für die Erstausstattung“

Wer trifft am Ende beim Kauf die Wahl – Eltern oder Kinder?

Die Eltern kommen heute viel informierter in die Läden und reden mehr mit als noch vor zehn Jahren. Sie haben in der Regel schon im Internet recherchiert und wissen, welche Ansprüche sie vor allem im Blick auf die Ergonomie und die Nachhaltigkeit stellen.

Spätestens nach der 4. Klasse sind Pferde und Polizei dann out?

Oft schielen die Schülerinnen und Schüler schon in der zweiten, dritten Klasse nach Schulrucksäcken, die wir unter der Marke Yzea verkaufen. Aber haltbar sind unsere Ranzen natürlich viel länger. Vor zwei Jahren hat uns ein Abiturient einen unifarbenen McNeill-Ranzen zurückgeschickt, den er bis zum Ende seiner Schulkarriere getragen hat. Das ist dann aber eher die Ausnahme.

Sie haben von hochwertige Ranzen als deutsches Kulturgut gesprochen. Ist das exportierbar?

In einigen Ländern funktioniert das. Im deutschsprachigen Ausland sowieso. Wir liefern nach Österreich und in die Schweiz, aber auch nach Russland und mit wachsendem Erfolg verkaufen wir auch in China. Dort haben wir einen Exklusivhändler, der das „Made in Germany“ stark in den Vordergrund stellt. In China zahlen die Leute sogar bis zu 400 Dollar für die Erstausstattung. Ein Ranzen von McNeill ist da ein Statussymbol, das auch 13-Jährige noch gerne tragen. Ein Alter, in dem Schüler bei uns schon längst auf den Rucksack umgestiegen sind.

Der Markt für Schulranzen ist hart umkämpft – neben Konkurrenten wie Scout und Ergobag sind auch asiatische Billiganbieter im Geschäft. Wie gelingt es Ihnen da, sich zu behaupten?

Zunächst einmal: Alle deutschen Wettbewerber lassen in Fernost, vor allem in China und Vietnam, produzieren. Wir sind die einzigen, deren Ranzen „Made in Germany“ sind. Das ist neben dem Thema Nachhaltigkeit ein starkes Verkaufsargument. Außerdem hat unser Service einen guten Ruf. Wir reparieren auch. Mit dem Produktionsstandort Deutschland sind wir schon gut aufgestellt und nah an den Kunden dran.

Schulranzen aus Hainburg: Produktion von McNeill seit 2007 komplett in Deutschland

Made in Germany – das war McNeill nicht immer. Sie haben viele Jahre lang auch in Malta gefertigt. Warum haben Sie die Produktion 2007 komplett nach Deutschland zurückgeholt?

Nach dem EU-Beitritt Maltas ist dort das Lohnniveau gestiegen und der Preisvorteil war nicht mehr gegeben. Wir haben dann eine Grundsatzentscheidung für die heimische Produktion getroffen und den Standort Eberswalde in Brandenburg ausgebaut.

Die Löhne sind dort kein Problem?

Wir bezahlen unsere Näherinnen und Stepperinnen nach dem Tarif der Lederwarenindustrie.

Fürchten Sie angesichts der demografischen Entwicklung hierzulande und der Digitalisierung um Ihr Geschäft?

Die Zahl der einzuschulenden Kinder steigt ja schon wieder und auch die Prognosen für die kommenden Jahre sind nicht schlecht. Es geht also schon wieder bergauf.

Aber wer braucht noch Ranzen mit großem Volumen, wenn Grundschüler künftig morgens vielleicht nur noch mit einem Tablet losmarschieren?

Die fortschreitende Digitalisierung haben wir im Blick. Der Ranzen wird vielleicht kleiner werden, aber er ist auf absehbare Zeit nicht wegzudenken. Schon wegen des Stellenwertes, den hierzulande die Einschulung hat. Da ist er genauso unverzichtbar wie die Schultüte.

Wie intensiv setzen Sie auf digitale Kanäle im Marketing? Haben Sie schon eine frühreife Influencerin am Start, die für McNeill wirbt ?

Claudia Krause, Geschäftsführerin des Ranzenherstellers McNeill.

(lacht) Nein, das können wir nicht bieten. Aber natürlich sind wir zum Beispiel auf Facebook und Instagram unterwegs. Wir nutzen die digitalen Medien.

Schulranzen Made in Germany: Ranzenpartys als PR

Und wie erreichen Sie Ihre Kunden sonst?

Mit Ranzenpartys beispielsweise.

Das müssen Sie erklären.

Das sind von Händlern vor Ort organisierte Familienevents – beispielsweise in Turnhallen oder Autohäusern – mit einem Rahmenprogramm wie Kinderschminken, Sport und Musik. In größeren Städten kommen da an Wochenenden bis zu 2000 Besucher – um sich zu informieren und zu kaufen. Wir sind dann mit Beratungsteams vor Ort. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt.

Sie betonen immer wieder die Nachhaltigkeit Ihrer Produktion. Was heißt das genau?

Das hat viel mit unserem „Made in Germany“ zu tun. Durch kurze Transportwege zum Beispiel sparen wir eine Menge Ressourcen und reduzieren Emissionen. Wir haben uns von einem Institut jeweils den CO2-Fußabdruck eines McNeill-Ranzens und eines vergleichbaren Produktes, das in Vietnam hergestellt wird, ausrechnen lassen. Das Ergebnis: Durch die inländische Produktion sparen wir pro Ranzen vier Kilogramm CO2 ein – das ist eine Menge. Wir hatten das in dieser Größenordnung nicht erwartet.

Obwohl Sie auch Rohmaterialien aus Fernost beziehen?

Ja, das stimmt. Aber auch das ist eingepreist. Die Produktion der Materialien, der Transport per Schiff und die Verarbeitung bis hin zum Strommix im Betrieb – all das schlägt sich in der Berechnung des CO2-Fußabdrucks nieder. In Europa sind viele der Kunststoffe, die wir verarbeiten, leider nicht mehr zu haben.

Wie steht es um das Recycling abgelegter Tornister?

Jeder kann alte Ranzen über den Händler oder direkt an uns zurückgeben. Die werden dann geschreddert, um die Materialien in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Ich würde sagen, da waren wir sogar Vorreiter. Schon zu D-Mark-Zeiten haben wir eine Kampagne gestartet und Kunden, die den Ranzen zurückbringen, fünf Mark geboten. Die Zahl der Rückläufe war und ist aber immer noch überschaubar.

Thorka-Chefin: „Unser einfachster Ranzen hat schon das beste Rückenpolster“

Sie könnten das doch im Zuge Ihres Nachhaltigkeitsengagements wieder stärker bewerben.

Wir sind tatsächlich an einer ganzen Reihe von Themen dran, um uns Schritt für Schritt noch ressourcenschonender und umweltverträglicher auszurichten. Beispielsweise ersetzen wir Kunststoff-Folien durch Pappe und stopfen die Ranzen mit Papier aus. Auch die Rücknahme könnte dann noch einmal offensiver propagiert werden.

Aktuell wird ein Lieferkettengesetz diskutiert. Wie halten Sie es mit der Transparenz Ihrer Geschäftsbeziehungen und der Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte?

Wir haben da keine Geheimnisse. Mit unseren Lieferanten in China arbeiten wir teilweise schon über 20 Jahre zusammen. Ich selbst und unsere Einkäufer sind mehrfach im Jahr vor Ort, schauen uns die Betriebe an und wissen genau, unter welchen Bedingungen dort produziert wird. Das war uns schon immer wichtig – auch ohne gesetzliche Verpflichtung.

Lassen sich Schulranzen noch weiter optimieren? Oder kommt die Entwicklung da an ihre Grenzen?

Das könnte man meinen, aber wir haben gerade im vergangenen Herbst ein neues System vorgestellt, mit dem das Polster für die Lordose – also die Krümmung der Wirbelsäule – mittels einer integrierten Luftpumpe individuell angepasst werden kann. Das erweitern wir jetzt noch, so dass auch die Schulter- und Seitenpolster variabel einzustellen sind. In Sachen Ergonomie geht die Entwicklung also weiter.

Im Ernst, eine Luftpumpe für den Ranzen, braucht es das wirklich und wird es von den Kunden auch genutzt?

Um es offen zu sagen: Unser einfachster Ranzen hat schon das beste Rückenpolster, das bekommen wir immer wieder bestätigt. Aber die Verbraucher erwarten diese Innovationen. Sie haben sicher Recht, in der Regel wird so ein Rückensystem bei der Einschulung einmal eingestellt – und das war es dann. Aber wenn man es regelmäßig überprüft und anpasst, ist das schon sinnvoll.

Schulranzen Made in Germany: Woher kommt der Name McNeill?

Wie kommt eine im hessischen Hainburg gegründete Firma eigentlich zum Markenamen McNeill?

So hieß der Yorkshire Terrier meines Mannes. Bei einem Fotoshooting für die ersten Ranzen Mitte der 1970er Jahre lief er plötzlich durchs Bild und mein Mann kam spontan auf die Idee, die Kollektion nach ihm zu benennen. Die Silhouette des Terriers ist bis heute unser Markenlogo.

Tiere sind ideale Werbeträger. Haben Sie nie daran gedacht, den Terrier für einen Spot zu nutzen? Nach dem Vorbild des deutschen Textilherstellers, der auch auf Made in Germany setzt und einen Affen im Fernsehen auftreten lässt.

(lacht) Ich weiß, wen Sie meinen. Aber nein, das ist nicht unser Ding, unsere Firmenphilosophie unterscheidet sich von diesem Unternehmen. Wir lassen die Qualität unserer Produkte für uns sprechen.

Interview: Tobias Schwab

Zu Person und Unternehmen

Claudia Krause, Jahrgang 1965, führt seit 2005 gemeinsam mit ihrem Mann Thorsten H. Krause die Geschäfte der Thorka GmbH im hessischen Hainburg (Kreis Offenbach), deren Schulranzenmarke McNeill über Deutschland hinaus bekannt ist. Zuvor war sie als Wirtschaftsberaterin tätig.

Die Thorka GmbH wurde 1963 in Offenbach vom Feintäschner-Meister Thorsten H. Krause gegründet. 1966 verlagerte er das Unternehmen nach Hainburg. Dort befindet sich heute nur noch die Zentrale und die Entwicklungsabteilung. Produziert wird in Eberswalde (Brandenburg). Insgesamt beschäftigt Thorka rund 115 Menschen. Im vergangenen Jahr wurden nach eigenen Angaben jährlich rund 160 000 Ranzen abgesetzt. Die Produkte der eigenen Rucksack-Marke Yzea kauft Thorka ein. 

tos

Die Eltern gingen noch mit Ledertasche oder Einheitsmodell aus Stoff und Pappe in die Schule, auf die Kinder wartet heute die bunte Markenwelt: Schulranzen locken mit Extras, vielen Designs und Einkaufserlebnissen. Ärzte und Lehrer haben da ganz andere Ideen. Und ein Schulranzen will clever gepackt sein, damit der Kinderrücken nicht unter dem Gewicht leidet. Tipps gibt ein Kinderorthopäde.

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