Staatsschulden

„Maximale Unsicherheit“

  • schließen

Die massiv aufgeblähten Staatsschulden könnten die nächste globale Krise auslösen – mit dramatischen Folgen. Während Unternehmen mit guter Stimmung ins zweite halb Jahr starten, herrschen an den Finanzmärkten extreme Zweifel.

Eigentlich müsste die Welt der Finanzmärkte wieder halbwegs in Ordnung sein. Griechenland beugt sich dem Spardruck und erhält ein weiteres Hilfspaket. Der Euro ist vorerst gerettet. Die Banken haben die globale Finanzkrise im Großen und Ganzen überstanden. Die Schwellenländer wachsen kräftig, ebenso die Euro-Kernländer. In den USA setzt sich die Erholung fort. Zudem verdienen die Unternehmen prächtig. Doch die Ruhe trügt.

Die Märkte plagen Zweifel, sehr grundsätzliche Zweifel. „Teilweise trifft man auf eine ausgeprägte Weltuntergangsstimmung“, sagt Carsten Klude von der Bank M.M. Warburg.

Eitel Sonnenschein herrscht bei den Unternehmen. In den USA wie in Deutschland verdienen sie wieder so viel wie zu Hochzeiten vor der Krise. Die 1000 größten nichtfinanziellen Unternehmen der Welt sitzen auf Barreserven von 3400 Milliarden Dollar. Nächstes Jahr sollen neue Gewinnrekorde gebrochen werden. „Prognosen sind derzeit aber so schwierig wie nie, denn wir kämpfen mit einem Problem “, erklärt Steen Jakobsen von der Saxo Bank. „Wir nennen es ,maximale Unsicherheit’.“ Die Welt stehe an einer Weggabelung, sagt Jakobsen. Der falsche Weg führe „zu einer Krise 2.0“.

Was die Finanzwelt umtreibt, sind die massiv aufgeblähten Staatsschulden – und zwar nicht nur in kleinen Euro-Ländern. Es ist eine völlig „ungelöste Frage, wie Länder wie Japan und die USA ihre Verschuldung unter Kontrolle bekommen wollen“, meint Klude. Alle drei großen Weltwährungen sind angeschlagen: Euro, Dollar und Yen. Zu alledem droht sich nun die Weltkonjunktur abzukühlen, was die Schuldenlast noch schwerer wiegen lässt.

Beispiel Japan: Das Land hat die höchste Schuldenlast aller Industrieländer, deutlich höher als Griechenland. Der Wiederaufbau nach dem Erdbeben vom 11. März wird weitere Milliarden kosten. Noch helfen Japan die niedrigen Zinsen, die es auf Staatsanleihen in Höhe von 11,6 Billionen Dollar zahlen muss. Noch nimmt vor allem das japanische Rentensystem diese Anleihen ab. Doch dürfte sich dies mit der Alterung der Gesellschaft ändern. „Die Pensionsreserven werden bis 2025 fallen“, sagt Takuju Okubo von der Société Générale. Der daraus resultierende Rückgang der Nachfrage nach japanischen Anleihen und der damit einhergehende Zinsanstieg „wird ein Chaos anrichten“, fürchtet Okubo.

Beispiel USA: Das Land hat seine gesetzlich vorgeschriebene Schuldenobergrenze von 14,3 Billionen Dollar erreicht. Noch streitet der Kongress über die Anhebung der Grenze. Man wird sich einigen. Doch das Grundproblem bleibt: Selbst wenn Washington die Schuldengrenze um eine Billion Dollar erhöht, wird dieser Wert bereits im März 2012 wieder erreicht sein. Denn die USA sparen nicht, weil dies das Wachstum abwürgen würde. „Die Verschuldung der USA ist auf einem nicht nachhaltigen Pfad“, warnte vergangene Woche der Internationale Währungsfonds (IWF).

Die Welt in Geiselhaft

Beispiel Italien: Rom hat etwa zwei Billionen Euro Schulden und zahlt mit fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Zinsen als Portugal, das bereits von EU und IWF unterstützt werden musste. Auch Italien will sparen. Doch wenn alle Staaten sparen, bricht die Weltwirtschaft ein.

Die Situation ist heikel. Jahrzehntelang konnten sich die großen Industriestaaten auf die Finanzmärkte als Kreditgeber verlassen. Die Regierungen erhielten Geld und gaben dafür ihre Anleihen, die in den Tresoren von Banken, Versicherungen und Fonds als scheinbar sichere Vermögenswerte liegen. Doch nun verlieren die Weltwirtschaftsmächte angesichts wachsender Schuldenberge an Kreditwürdigkeit. Die Ratingagenturen drohen mit schlechteren Bonitätsnoten.

Damit steht die Frage im Raum: Wie gut sind diese 34 Billionen Dollar an Schuldpapieren, die die Industriestaaten ausgegeben haben? Werden die Märkte den Regierungen weiter Kredit geben? Und was geschieht, wenn die Zinsen steigen? Immerhin wollen sich die EU-Regierungen nach Schätzungen der Bank Morgan Stanley allein dieses Jahr insgesamt knapp 1000 weitere Milliarden Euro leihen, die US-Regierung braucht 1500 Milliarden und Japan gar 1600 Milliarden Euro.

Vorerst werden die Finanzmärkte die Staaten weiter kreditieren – sie wüssten sonst nicht, wohin mit ihrem Geld. Doch die Unsicherheit ist groß. Der Vergleich von Euro, Dollar und Yen sei „wie ein groteskes Pferderennen, bei dem alle Pferde krank oder verstümmelt sind“, erklärt Saxo-Bank-Ökonom Jakobsen. „Dabei setzt man als Anleger auf das Pferd, dem man am ehesten zutraut, nicht vor der Ziellinie zusammenzubrechen.“

Das zeigt, wie wichtig es ist, Griechenland nicht untergehen zu lassen. Denn wird Athen zahlungsunfähig, könnten sich die Anleger von Spanien abwenden, dann von Italien. Damit „wäre ein Einspringen der EU-Länder nicht mehr möglich“, warnt M.M.Warburg-Ökonom Klude. „In diesem Fall könnte die gesamte Währungsunion ins Wanken geraten mit wahrscheinlich verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte.“

Das weiß man auch in den USA. Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan mahnte, dass eine Pleite Griechenlands Amerika zurück in die Rezession stoßen könnte. Denn die Finanzwelt ist eng verknüpft. So haben amerikanische Geldmarktfonds 800 Milliarden Dollar an europäische Banken verliehen, die wiederum mit Billionen in Südeuropa engagiert sind. Der US-Notenbanker Thomas Hoenig klagt: „Griechenland hält die Welt in Geiselhaft.“

Die Regierung in Peking hat daher mit Blick auf ihre Exportmärkte bereits wiederholt Unterstützung für Südeuropa angekündigt. Tokio spendierte 500 Millionen Euro für den Euro-Rettungsschirm EFSF. Denn auch im fernen Asien ist man besorgt: „Die Entwicklung der Staatsfinanzen gleicht einem Zug, der in Zeitlupe entgleist“, sagt der australische Notenbanker Warwick McKibbin. „Griechenland ist nur der erste Wagen“ – und dass der entgleist, halte er für „fast sicher“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare