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Die Errichtung neuer Windräder ist mit vielen Risiken verbunden.

Windkraft

Massiver Gegenwind

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Immer mehr Lizenzen für den Bau von Windparks werden nicht abgerufen. Die Projektentwickler stoßen auf viel Widerstand.

Verkehrte Welt. Die Windenergiebranche fordert beharrlich, dass erheblich mehr Anlagen aufgestellt werden müssen, die eine frische Brise in elektrische Energie umwandeln. Bei der jüngsten Ausschreibung für moderne Windräder haben sich aber erheblich weniger Projektentwickler gemeldet als möglich gewesen wäre. Die Gründe für die Flaute sind vielfältig. Klar ist, die Politik muss handeln, soll die Energiewende vorankommen.

Die zuständige Bundesnetzagentur hatte am Freitag mitgeteilt, bei der jüngsten Ausschreibung seien Zuschläge für neue, an Land errichtete Anlagen mit einer Gesamtleistung von lediglich 363 Megawatt vergeben worden. Dabei wollte die Behörde eigentlich Lizenzen für 670 Megawatt unter die Projektentwickler bringen. Agenturpräsident Jochen Homann konstatierte: „Trotz einer theoretisch ausreichenden Zahl an Genehmigungen war die Ausschreibungsrunde deutlich unterzeichnet.“ So etwas gab es bislang noch nicht. Zwar waren die Angebote auch schon bei einer Auktion im Frühjahr eher bescheiden. Doch die Größenordnung von mehr als 300 nicht verteilten Megawatt verwundert, zumal der Bundesverband Windenergie (BWE) einräumt, dass für die Auktion Projekte in einem Umfang von sogar insgesamt 921 Megawatt zugelassen waren.

Was ist da los? „Die Ergebnisse der Ausschreibungen lassen die Sorgenfalten innerhalb der Branche wachsen“, sagt BWE-Präsident Hermann Albers. Der politisch ausgelöste Einbruch der Windenergie setze sich ungebremst fort. Für ihn hat die Zurückhaltung der Projektentwickler vor allem damit zu tun, dass sie mit den Genehmigungen fürs Aufstellen von Windrädern viel Ärger haben. Die Anforderungen der Behörden würden ständig erhöht. Es mangele im ganzen Land an rechtssicheren Regionalplänen, die den Ausbau der Windkraft festschreiben, und die Klagen gegen erteilte Genehmigungen würden zunehmen.

Was einleuchtet: Wenn ein Vorhaben gerichtlich angefochten wird, dann wird ein Projektentwickler nicht unbedingt mit diesem Windpark in eine Ausschreibung gehen. Denn die Firmen haben es mit relativ engen Umsetzungsfristen zu tun. Innerhalb von zweieinhalb Jahren müssen die Projekte realisiert werden. Das ist, sobald es vor Gericht geht, keine lange Zeit.

Der Geschäftsführer des Anlagenbauverbandes VDMA Power Systems, Matthias Zelinger, schlägt in die gleiche Kerbe wie der BWE: „Es muss verlässlicher, aber vor allem einfacher werden, Projekte zur Genehmigung zu entwickeln und damit an den Auktionen teilzunehmen.“ Es sei zu einer massiven Herausforderung geworden, neue Windenergieprojekte zu starten, meint auch Stefan Kapferer, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Aktuell liege der Umfang neu genehmigter Projekte bei Windkraft an Land „mit monatlich etwa 120 Megawatt auf einem historischen Tiefststand“. Es zeichne sich ab, dass die Verfügbarkeit geeigneter Flächen für die Windenergie in den kommenden Jahren zum drängendsten Problem werde.

Hinter all diesen Argumenten steckt, dass gewissermaßen der Vorrat an genehmigten Anlagen zunehmend schwindet. Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass die Projektentwickler mit den Vorhaben, die alle erforderlichen Stempel haben, derzeit sehr sorgsam umgehen. Das bedeutet, dass sie sich genau überlegen, ob sie bei einer Ausschreibung überhaupt antreten. Denn je größer die Zahl der Bewerber ist, umso niedriger sind tendenziell die Zuschlagspreise, die die Betreiber dann fürs Einspeisen von Windstrom für 20 Jahre gezahlt bekommen. Also lieber warten, bis höhere Vergütungen zu erzielen sind. So wurde denn auch bei der jüngsten Versteigerung ein durchschnittlicher Zuschlagswert von genau 6,26 Cent erzielt. Das liegt nur ganz knapp unter dem maximal zulässigen Höchstgebot von 6,30 Cent.

Auffällig ist außerdem, dass bei den vier Ausschreibungen in diesem Jahr die Zuschlagswerte kontinuierlich gestiegen sind. All dies macht nachvollziehbar, dass Projektentwickler mehr als 500 Megawatt Windstrom bei der jüngsten Ausschreibung erst gar nicht ins Rennen geschickt haben – das Ergebnis dieses Taktierens aber ist, dass die Energiewende gebremst wird.

An Ideen, wie wieder mehr Bewegung in die Windbranche gebracht werden kann, mangelt es nicht. Zelinger fordert „politische Risiken“ zu minimieren. So seien die jüngsten Initiativen der Bundesländer NRW und Brandenburg „zu unberechenbaren und verschärften Genehmigungsregeln“ vollkommen kontraproduktiv. Beide Landesregierungen wollen im Bundesrat durchsetzen, dass die Verfahren stärker in die Kommunen verlagert werden.

Albers macht sich indes erneut für ein „klares Zeit- und Mengengerüst“ stark, das festlegt, wie die Bundesregierung ihr Ziel bis 2030 – ein Anteil der Erneuerbaren von 65 Prozent am Strommix – erreichen will. Pläne fürs nächste Jahrzehnt stehen aus. Klar ist aber, dass der sogenannte Ausbaupfad bei Windenergie an Land deutlich verbreitert werden müsste: von 2800 Megawatt auf 4500 bis 5000 Megawatt pro Jahr. Zudem fordert Albers rechtliche Schritte zur „Planungsbeschleunigung“. Dazu müsse gehören, Klagen auf eine Gerichtsinstanz zu beschränken.

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