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Versprachen, dass sich niemand um seine Ersparnisse sorgen müsse: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück.

Lehman-Pleite

Marcel Fratzscher lobt den Mut der USA

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Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung lobt die USA bei der Krisenbewältigung. Die EU habe dagegen vieles falsch gemacht.

Herr Fratzscher, können Sie sich noch an den 15. September 2008 erinnern?
Damals war ich bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Uns war nicht sofort klar, welch gewaltige Verunsicherung die Pleite von Lehman auslösen würde. Alle hatten ja damit gerechnet, dass die Verhandlungen in New York übers Wochenende eine Rettung für die Bank bringen würden. Als dann an diesem Montag feststand, dass es anders kommen würde, war das schon ein Schock.

War die Bedeutung der Lehman-Pleite direkt ersichtlich?
Nicht sofort. Ich hatte ein schlechtes Gefühl. Aber Lehman war ja nicht eine riesige Bank. Erst als die Finanzmärkte im Laufe der Woche einbrachen, wurde klar, wie schwer dieser Verlust an Vertrauen ausfallen sollte und von welch systemisch wichtiger Bedeutung Lehman für den gesamten Finanzsektor war. Damit kam der Schneeball ins Rollen und wurde zu einer Lawine.

Zehn Jahre danach – hat die Politik richtig reagiert? Schließlich hat sie eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1920er Jahren vermeiden können.
Im Nachhinein würde ich der Politik weltweit eine Zwei minus vergeben. Die europäische Politik schneidet deutlich schlechter ab, verdient bestenfalls eine Vier minus. Die US-Amerikaner dagegen haben vieles richtig gemacht, was wir in Europa und in Deutschland falsch gemacht haben.

Warum solche Unterschiede in der Bewertung?
Die USA sind bei der Krisenbewältigung mutiger vorgegangen. Angeschlagene Banken haben sie sofort pleite gehen lassen, zusammengelegt oder mit staatlichem Kapital gerettet. Das war extrem unpopulär und hat am Anfang viel Geld gekostet, hat sich aber auf lange Sicht gerechnet. Auch die sehr aggressive Geldpolitik hat geholfen, Vertrauen schnell wiederherzustellen. Und eine expansive Fiskalpolitik hat die Konjunktur gestützt. Diese Dreierkombination erklärt, dass die Amerikaner so viel besser durch die Krise gekommen sind und heute so viel besser als Europa und auch Deutschland dastehen.

Die Deutschen sind aber ebenfalls stolz auf ihr Krisenmanagement mit Kurzarbeitergeld und Abwrackprämie. Die Wirtschaft hierzulande ist ja schnell wieder in Fahrt gekommen.
Positiv war das verantwortliche Verhalten von Arbeitgebern und Gewerkschaften, um einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Genauso wie das Versprechen von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück, dass sich niemand um seine Ersparnisse sorgen müsse, was das Vertrauen in den Bankensektor wiederherstellen konnte. Es war aber auch viel Glück dabei. Deutschland hat stark von der raschen Erholung der Weltwirtschaft profitiert.

Die deutsche Bankenbranche zählt zu den großen Verlierern der Krise und liegt deutlich abgeschlagen hinter der US-Konkurrenz. Was ist schief gelaufen hierzulande?
Man hat viele schmerzhafte Reformen verzögert. Die traurige Wahrheit ist: Eine Konsolidierung des Bankensektors ist unvermeidlich. Genau wie in den USA gibt es hierzulande zu viele Banken. Dieser Prozess ist auch jetzt noch nicht abgeschlossen.

Die Politik hat die Regulierung massiv verschärft. Die Banken müssen mehr Eigenkapital mitbringen. Europa hat die Bankenaufsicht gestärkt und vereinheitlicht. Reicht das?
Die Entscheidung der Politik für eine europäische Bankenunion war richtig. Die gemeinsame Bankenaufsicht funktioniert. Die gemeinsame Abwicklung macht Fortschritte. Aber es muss mehr getan werden, denn die gemeinsame Einlagensicherung scheitert am Widerstand der Deutschen. Die hat Kanzlerin Merkel versprochen, aber die Bundesregierung liefert nicht. Es ist aber wichtig, Risiken besser zu verteilen, damit Risiken auch wieder reduziert werden können.

Droht bald die nächste Jahrhundertkrise?
Wir sind besser gewappnet. Krisen kommen immer wieder. Sie sind teilweise nötig, um einen Erneuerungsprozess einzuleiten. Die schwere Krise 2008/2009 hat aber viel zerstört. Eine Wiederholung halte ich aktuell für sehr unwahrscheinlich. Die Regierungen und die Notenbanken und andere Institutionen haben ja doch aus der Erfahrung gelernt.

Kritiker der Niedrigzinspolitik werfen den Notenbanken vor, mit ihrer Geldschwemme die nächste Finanzkrise vorzubereiten. Wie gefährlich ist der Kurs der EZB?
Das ist die Sorge einiger, weniger deutscher Ökonomen und Politiker, die Europa und den Euro gerne für nationale Fehler in Deutschland verantwortlich machen wollen. Die EZB hat in der Eurokrise einen ganz wichtigen Beitrag für die Stabilisierung der Währungsunion geleistet. Sie war eine der wenigen Stützen. Die sehr expansive Geldpolitik war angemessen. Jetzt ist eine Kehrtwende notwendig. Aber die kann nicht über Nacht erfolgen, sondern muss Schritt für Schritt kommen. Europas Konjunktur hinkt mit ihrer nach wie vor vergleichsweise schwachen Erholung der US-amerikanischen noch immer Jahre hinterher.

Interview: Markus Sievers

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