Kaufsucht

Der Mann mit der Sackkarre

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Wenn Einkaufen zum Rausch wird.

Der zierliche Mann ist mit einer Sackkarre in die Post gekommen. Er holt seine Pakete ab: fünf, zehn am Ende sind es fünfzehn Pakete bekannter Online-Versandhäuser. Die Post-Mitarbeiterin stöhnt leise: „Die Packstation haben wir auch immer voll, der bestellt und bestellt.“ Zu ihm aber sagt sie kein Wort. Im Auto des Mannes liegen noch mehr Pakete. „Wahrscheinlich Rücksendungen“,so die Postangestellte. „Das geht schon seit Monaten so“.

Kaufsucht. Das ist es wenn wir kaufen, was wir nicht brauchen. Jeden Tag aufs Neue. Wenn der Moment des Kaufens wichtiger wird, als die Ware selbst. Wenn die Pakete ungeöffnet im Schrank landen oder gleich wieder zurückgeschickt werden. Wenn wir nicht mehr können ohne dieses Glücksgefühl, das der Klick „Jetzt bestellen“ in uns auslöst.

Ein bis sechs Prozent der Bevölkerung sollen betroffen sein – eher Frauen als Männer. Sie kaufen heimlich bis zum Bankrott, sie verschulden sich und ihre Familien, sie betrügen, um noch mehr kaufen zu können. Ähnlich wie bei der Alkoholsucht – berichten behandelnde Ärzte.

Nach dem Rausch kommt die Scham. Und wer sich schämt, schweigt meist und sucht keine Hilfe. Dabei gibt es die: Der erste Schritt sind Selbsthilfegruppen – in fast allen größeren Städten. Schnell zu finden im Netz. Und oft kommen dann auch die Motive für den Kaufrausch zur Sprache: schwache Selbstwertgefühle, Depressionen oder Angststörungen. Sie können meist nur in einer individuellen Psychotherapie behandelt werden. Erste Anlaufstelle um Therapeuten zu finden, sind Suchtberatungen wie zum Beispiel die der Caritas.

Doch Betroffene brauchen nicht nur Hilfe dabei, ihre akute Sucht zu bekämpfen. Viele sind hoch verschuldet oder haben bereits Anzeigen wegen Betrugs erhalten. Schuldnerberatungen in ganz Deutschland helfen da weiter. Sie haben auch Tipps, um den Schaden bei Rückfällen zu minimieren: Keine Dispos mehr auf sämtliche Kreditkarten oder diese gleich abschaffen; nur noch wenig Bargeld bei sich tragen und Schlussverkäufe meiden. Aber auch die Onlinehändler/innen sind in der Pflicht: In vielen Shops können Kunden Ware beliebig auf Rechnung kaufen, ohne dass ihre Kreditwürdigkeit geprüft wird. Unbegrenzte Möglichkeiten für den Mann mit der Sackkarre, seine Sucht zu befriedigen. Die Schulden wird er wohl ein Leben lang abzahlen müssen.

Die Autorin ist Campaignerin bei Campact.

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