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Näherin in einer Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka.
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Näherin in einer Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka.

Textilwirtschaft

Mangelnde Transparenz beim Grünen Knopf

  • Tobias Schwab
    VonTobias Schwab
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Firmen, die das Siegel nutzen, berichten zu wenig über ihr Engagement für Menschenrechte, moniert eine Studie. Das Entwicklungsministerium weist die Kritik zurück, will aber nachbessern.

Wer mit gutem Gewissen Kleidung kaufen will, die nach strengen ökologischen und sozialen Standards produziert wird, soll sich am „Grünen Knopf“ orientieren können. So lautet das Versprechen der Bundesregierung. Doch jetzt ist über die Glaubwürdigkeit des staatlichen Siegels für Textilien erneut ein Streit zwischen Menschenrechtsorganisationen und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entbrannt.

In den Augen der Frauenrechtsorganisation Femnet und der Schweizer Initiative „Public Eye“ stellt der „Grüne Knopf“ entgegen dem eigenen Anspruch keine Garantie für den Schutz von Menschenrechten dar. Das erklärten die Organisationen mit Verweis auf eine eigene Studie zu mehr als 30 Modeunternehmen, deren Produkte bereits mit dem „Grünen Knopf“ zertifiziert sind. Das BMZ hält die Schlussfolgerungen aus der Untersuchung indes für „methodologisch fragwürdig“.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hatte das Siegel im September 2019 nach langem Vorlauf lanciert. Produkte, die den „Grünen Knopf“ tragen, so das Signal an die Verbraucher:innen, sind „ökologisch und sozial“ hergestellt und unabhängig staatlich zertifiziert. 59 Unternehmen der Textilbranche - von Aldi über Hess Natur, Lidl, Tchibo und Trigema bis zu Vaude - können sich den „Grünen Knopf“ mittlerweile anheften. Vergangene Woche hatte mit dem dänischen Bettwäsche-Hersteller Beirholm Væverier auch das erste ausländische Unternehmen nach bestandener Prüfung die Lizenz für den „Grünen Punkt“ erhalten.

Voraussetzung dafür ist, dass Textilfirmen und Händler die menschenrechtlichen Risiken entlang ihrer Lieferkette kritisch in den Blick nehmen, bei Bedarf Programme und Trainings für den besseren Schutz grundlegender Arbeits- und Menschenrechte aufsetzen und darüber transparent berichten.

Im Unterschied zu anderen Siegeln, die sich nur auf die Produkte beziehen, werden für den staatlichen „Grünen Knopf“ zusätzlich 20 Kriterien an die Unternehmen angelegt. Ziel ist dabei, auch strukturelle Probleme in den Blick zu nehmen, die sich aus den Geschäftspraktiken der Markenfirmen ergeben.

Genau auf die Erfüllung dieser Unternehmenskriterien fokussierten Femnet und Public Eye ihre Studie. Sie untersuchten die öffentliche Kommunikation und Berichterstattung von 31 Textilfirmen, deren Produkte den „Grünen Knopf“ tragen. „Das Ergebnis war ernüchternd und enttäuschend“, wie Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von Femnet, resümiert. Viele der Unternehmen berichteten zwar in allgemeiner Form über menschenrechtliche Risiken und legten ausführlich ihre Policy dar. Aber die Antwort auf die Frage, wie es ganz konkret in der eigenen Lieferkette aussieht, blieben die meisten schuldig, sagt Burckhardt.

Reicht der Lohn zum Leben?

Das Siegel

Der Grüne Knopf ist das erste staatliche Siegel für Textilien, die nach ökologischen und sozialen Standards produziert werden. Herausgegeben wird es vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der TÜV kontrolliert, ob die Firmen die vorgegebenen Kriterien einhalten. Gleichzeitig überwacht die staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle Prüfer und Prüfprozesse. Der Grüne Knopf testet sowohl die Produkte als auch die Unternehmen.

Die Firmen müssen mit Siegeln wie Gots (Global Organic Textile Standard) oder Fairwear Foundation nachweisen, dass sie bestimmte Kriterien in der Produktion erfüllen. Hinzu kommt die Firmenprüfung, die den Mehrwert des Grünen Knopfs gegenüber anderen Siegeln bieten soll. Dafür müssen Unternehmen menschenrechtlichen Risiken in ihrer Lieferkette kennen, darüber berichten – und sie ausräumen. Bisher tragen Produkte von 59 Firmen das Staatssiegel.

Der Studie zufolge äußern sich nur zwei von 31 untersuchten Unternehmen aussagekräftig über das Ausmaß der Risiken fehlender existenzsichernder Löhne. Zwei Drittel der Firmen nähmen geschlechtsspezifische Gewalt in den Fabriken nicht als Menschenrechtsverletzung wahr. Gerade einmal neun Händler berichteten über Aktivitäten, um eine freie Gewerkschaftsarbeit sicherzustellen. Nur vier Unternehmen informierten ausführlich über „solide Beschwerdemechanismen“.

Fazit von Femnet und Public Eye: Der „Grüne Knopf“ fällt deutlich hinter die im Leitfaden der Industrieländer-Organisation OECD formulierten Ansprüche an die öffentliche Berichterstattung zur menschenrechtlichen Sorgfalt zurück. Das Entwicklungsministerium müsse deshalb dringend die Indikatoren nachschärfen, fordert Burckhardt, die sich als Expertin für Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einen Namen gemacht hat. Nur so könne verhindert werden, „dass Greenwashing mit dem Grünen Punkt auch noch staatlich zertifiziert wird“.

Das Entwicklungsministerium weist die „pauschale Kritik“ hingegen entschieden zurück und hält die Schlussfolgerungen für fragwürdig. Die Studie beziehe sich „nur auf die öffentliche Berichterstattung von Unternehmen. „Sie blendet vollständig aus, dass die Unternehmen selbst umfassend von unabhängigen Prüfstellen für den Grünen Knopf geprüft werden“, erklärt ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage der Frankfurter Rundschau.

Genau diese detaillierte, unabhängige Unternehmensprüfung sei eine zentrale Säule des Grünen Knopfs und in dieser Form ein Novum. Dabei würden alle Kriterien der OECD-Leitsätze und der Prinzipien der Vereinten Nationen umfassend abgeprüft, so der Sprecher weiter. Wenn Unternehmen lückenhaft berichteten, „bedeutet das noch lange nicht, dass die Prüfungen zum Grünen Knopf dieses Thema ausblenden“.

Organisationen wie Femnet fordern gerade deshalb mehr Transparenz. „Die Öffentlichkeit erhält ja keinen Einblick in die Dokumente der Prüfungen, die Auditunternehmen wie der TÜV für den Grünen Knopf vornehmen“, kritisiert Burckhardt.

In dieser Form tauge das Siegel jedenfalls nicht als Blaupause für ein künftiges Lieferkettengesetz in Deutschland oder auf Ebene der EU, so Femnet. Es erweise dem Sorgfaltsprüfungsprinzip „einen Bärendienst“, wenn ein Unternehmen zwar sehr umfangreich, aber nur abstrakt und nicht bezogen auf die eigene Lieferkette über Risiken informiert - und dafür dann auch noch Anerkennung in Form einer staatlichen Zertifizierung erhalte.

Eine Kritik, die offenbar doch nicht so unbegründet ist. Im Entwicklungsministerium wird jedenfalls betont, dass aktuell an der Weiterentwicklung des Siegels gearbeitet werde. Auch die Autorinnen und Autoren der Studie von Femnet und Public Eye würden dabei einbezogen. „Und die Punkte zur Verbesserung der öffentlichen Kommunikation der Unternehmen werden für den Grünen Knopf 2.0 berücksichtigt“, sagt ein BMZ-Sprecher.

Die beiden Menschenrechtsorganisationen fordern indes noch weitere Verschärfungen. So sollten beispielsweise die Anforderungen für das Siegel auf die gesamte Lieferkette ausgeweitet werden und nicht nur wie bislang auf die Arbeitsschritte „Zuschneiden und Nähen“ sowie „Bleichen und Färben“. Und Unternehmen müssten verpflichtet werden, transparent über die Gestaltung ihrer Einkaufspreise zu berichten.

Eingenäht oder angeheftet: das staatliche Textilsiegel.

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