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In Indonesion ist Reis ein Hauptnahrungsmittel. Wenn sein Nährwert sinkt, sind Millionen betroffen.

Nährstoffmangel

Mangelernährt wegen CO2

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Eine neue Studie beweist: Kohlendioxid senkt den Gehalt wichtiger Nährstoffe in landwirtschaftlichen Kulturpflanzen.

Autofahren macht hungrig. Was klingt wie ein mäßig origineller Werbeslogan für Tankstellensnacks, dürfte für hunderte Millionen Menschen bald bittere Wirklichkeit werden. Denn Kohlendioxid (CO2), das beim Verbrennen von Diesel und Benzin freigesetzt wird, trägt nicht nur entscheidend zum Klimawandel bei. Das Gas senkt auch den Gehalt lebenswichtiger Nährstoffe in landwirtschaftlichen Kulturpflanzen in beträchtlichem Umfang.

Besonders davon betroffen sind die schon heute armen Länder Afrikas und Südasiens, wo sich weite Bevölkerungsteile aufgrund geringer Einkommen fast ausschließlich pflanzlich ernähren.
In einer umfassenden Untersuchung kommen Ernährungswissenschaftler der Harvard Universität in Massachusetts zu dem Ergebnis, dass die weltweit 225 wichtigsten Nahrungspflanzen durch die steigenden CO2-Anteile in der Atmosphäre zwischen drei und 17 Prozent ihrer natürlicherweise enthaltenen Eisen-, Zink- und Protein-Mengen verlieren werden. Infolgedessen könnte die Zahl der Menschen, die an akutem Zink- und Eiweißmangel leiden, bis 2050 weltweit um rund 400 Millionen ansteigen, schätzen die Autoren Samuel Myers und Mathew Smith. Hinzu kämen 1,4 Milliarden Kinder unter vier Jahren und Frauen im gebärfähigen Alter, die in Hochrisiko-Regionen mit – CO2-bedingtem – Eisenmangel leben werden. 

Herausragendes Beispiel für eine solche Risikoregion ist Indien. Dort werden 2050 wegen des CO2 mehr als 400 Millionen Kleinkinder und jüngere Frauen zusätzlich in Regionen mit eklatantem Eisenmangel beheimatet sein. Weitere 50 Millionen Menschen dürften unter Zinkmangel leiden. Und noch einmal 40 Millionen Inderinnen und Inder werden aufgrund des sinkenden Proteingehaltes der Pflanzen zu wenig Eiweiß erhalten. Dabei handelt es sich laut Studie durchweg um zusätzlich Betroffene. Dabei leiden bereits heute weltweit 660 Millionen Menschen an akutem Proteinmangel. 1,5 Milliarden Menschen haben zu wenig Zink, weitere zwei Milliarden zu wenig Eisen zur Verfügung. 

Die gesundheitlichen Folgen der Unterversorgung sind gravierend. Zu den Mangelerscheinungen zählen Herzinsuffizienz, Blutarmut, eine deutliche Schwächung des Immunsystems und infolgedessen steigende Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Die Fortschritte in der Ernährung auch armer Bevölkerungsschichten in armen Ländern, die in den vergangenen Jahrzehnten erzielt worden seien, gerieten somit in Gefahr. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist nicht gering. Denn die Harvard-Forscher stützen sich auf nachweisbare Befunde und belastbare Prognosen. Zum einen verweisen Myers und Smith auf umfangreiche Labortests mit Nahrungspflanzen unter CO2-Zufuhr. Diese zeigten, dass der Gehalt besagte Spurenelement und Eiweiße in den Pflanzen um bis zu 17 Prozent senkt, wenn die CO2-Konzentration in der Atmosphäre 550 Teile gerechnet auf eine Million (entspricht 0,055 Prozent) übersteigt. Im Jahr 2016 wurde die Grenze von 400 Teilen (0,04 Prozent) erstmals überschritten. 

Zum zweiten gehen die Forscher von einem CO2-Szenario aus, das in der Mitte zwischen den optimistischsten und pessimistischsten Annahmen liegt. Danach wird die Grenze von 0,055 Prozent im Jahr 2050 überschritten. Berücksichtigt haben die Forscher für die Prognosen der von Mangelernährung zusätzlich betroffenen Menschen zudem regionale Ernährungsgewohnheiten sowie die jeweils wichtigsten Grundnahrungsmittel – etwa Reis in Asien und Mais in Mittelamerika. 

Millionen Frauen und Kleinkinder mit Eisenunterversorgung

Erwartungsgemäß werden neben Indien weitere bevölkerungsreiche Weltregionen mit geringem Wohlstandsniveau vom Schwund der Nährstoffe besonders betroffen sein: Für Nordafrika, Zentralasien und den Mittleren Osten prognostizieren die Wissenschaftler eine CO2-verursachte Zunahme der unter Zink- und Proteinmangel leidenden Menschen um 33 Millionen. Zudem kommen 235 Millionen Frauen und Kleinkinder in Gebieten mit einer massiven Eisen-Unterversorgung. In Südasien (außer Indien) summiert sich die Zahl der Betroffenen auf 195 Millionen, für China nennen die Harvard-Forscher sogar die Zahl 332 Millionen. Die hohen Zahlen sind vor allem dem Umstand geschuldet, dass sich arme Menschen Fleisch, Eier und Milch kaum leisten können. Ein Rückgang des pflanzlichen Nährstoffgehalts trifft sie also besonders. 

Das zeigt auch ein Vergleich mit Europa (einschließlich Osteuropa). Dort dürften laut Studie lediglich fünf Millionen Menschen von Zink- und Proteinmangel aufgrund sinkender Pflanzennährstoffe bedroht sein. Noch einmal so viele werden in Regionen mit Eisenmangel leben. So bedrückend diese Zahlen auch sind, im Vergleich zu Asien und Afrika erscheinen sie verkraftbar. Autofahren macht also hungrig – vor allem Menschen, die zum Autofahren gar kein Geld haben. 

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