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Die Autoindustrie könnte vom Coronavirus hart getroffen werden.

Interview

„Manager müssen mit voller Kraft auf die Bremse treten“

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Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet in Folge der Corona-Krise massiven Personalabbau und Verstaatlichungen in der Kfz-Industrie.

Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer erwartet, dass Werkschließungen bei Volkswagen nur ein erster Schritt waren. Er geht davon aus, dass auch die beiden anderen hiesigen Autobauer, Daimler und BMW, bald ihre Fabriken dichtmachen. Hauptgrund seien erhebliche Absatzeinbußen durch die Coronakrise. Für Dudenhöffer steuert die Autobranche auf die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu.

Herr Dudenhöffer, VW schließt einen Großteil der Werke in Europa. Was passiert als Nächstes?

Daimler und BMW werden folgen. Die Opel-Mutter PSA lässt bereits alle Werke in Europa ruhen. Der Hauptgrund ist: Die Kunden fehlen. Probleme mit Lieferketten sind nur ein Nebenthema. Das Hauptproblem ist der Einbruch der Nachfrage.

Lässt sich das schon quantifizieren?

Nimmt man die China-Zahlen als Maßstab, dann müsste man von einem Absatzeinbruch von 80 bis 90 Prozent ausgehen. So stark wird es in Europa aber nicht werden. Man sieht aber, dass der Markt massiv nach unten fährt. Wir haben zudem Erfahrungen von anderen Krisen, wie der Lehman-Krise, die zeigen, wie lange es bei einem Zusammenbruch des Wirtschaftslebens dauert, bis wieder Wachstum erzeugt wird. Erst dann werden Kunden wieder Autos kaufen.

Für dieses Jahr ist nicht mehr mit einer Erholung zu rechnen?

Das wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Wenn sich in etwa drei Monaten die Lage wieder normalisiert, könnte die Folgen einigermaßen glimpflich sein. Im Moment sieht es aber nicht danach aus. Wir haben bei der Bekämpfung der Corona-Epidemie zwei Monate verloren. Das Wirtschaftswachstum rutscht weg, wie tief können wir erst in drei, vier Monaten sagen. Im europäischen Markt sehen wir, dass in jedem Fall ein Absatz von 1,5 Millionen Autos in diesem Jahr verloren geht.

Erwarten Sie jetzt Insolvenzen in der Autobranche?

Es gab noch nie eine so große Krise wie jetzt. Noch nie wurden alle drei Weltmärkte gleichzeitig derart erschüttert. 2009 lag der Schwerpunkt bei der Lehman-Krise in Amerika, 2012 war die Finanzkrise auf Europa beschränkt. Jetzt hat der Einbruch in China begonnen, Europa folgt – Italien liegt am Boden. Kommt in den USA ein ähnlich starker Corona-Ausbruch wie in Europa, dann wäre das die schlimmste Situation seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn Wirtschaftsminister Altmaier von der Verstaatlichung von Unternehmen spricht, kann man sich an fünf Fingern abzählen, was zu erwarten ist.

Also auch die Verstaatlichung von Autobauern?

Massive Hilfen für Autobauer wird es in jedem Fall geben. Ob dann auch verstaatlicht wird, muss man noch sehen. Aber die Pläne für Verstaatlichungen liegen offenbar bereits in den Schubladen, ansonsten würde Altmaier nicht so offen darüber reden. In der Lehman-Krise wurde in den USA General Motors teilverstaatlicht. Ähnliche Situationen sind jetzt auch in Europa denkbar.

Was können die Manager tun?

Die Manager können nur eins tun: Mit voller Kraft auf die Bremse treten. Maschinen werden nicht mehr genutzt, Autos werden nicht mehr gebaut. Abschreibungen laufen weiter und verursachen Verluste. Personal muss abgebaut werden.

Kurzarbeitergeld kann da nicht mehr helfen?

Es ist gut, dass man dieses Instrument hat. Wie viel es hilft, hängt davon ab, wie schwer die Krise wird. Bei Lebensmitteln oder Bekleidung wird die Nachfrage relativ schnell anziehen. Bis Verbraucher aber bereit sind, 30 000 oder 40 000 Euro für ein Auto auszugeben, muss die wirtschaftliche Situation wieder sicher sein. Das heißt, die deutsche Kernindustrie hat ein besonders hohes Risiko in dieser Krise.

Die deutschen Autobauer haben in der Vergangenheit hohe Gewinne gemacht. Sie verfügen über große Liquiditätsreserven. Wie viel können die Konzerne aushalten?

Wir haben in der Branche drei große Verwerfungen gleichzeitig: Die von US-Präsident Trump angezettelten Zollkriege, die viele Milliarden Euro und Dollar für die Autobauer vernichtet haben. Die Elektromobilität, die erhebliche Investitionen bedeuten wird. Und jetzt kommt noch Corona. Die Eigenkapitalbasis der Konzerne wird jetzt einem extremen Stresstest ausgesetzt. Die deutschen Autobauer stehen noch relativ gut da, im Vergleich etwa zu Renault in Frankreich oder Fiat in Italien.

Was wird aus den Zulieferern?

Für die wird es teilweise noch schwieriger. Wer heute überwiegend Komponenten für Verbrennungsmotoren liefert, ist mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert. Man kann in Krisenzeiten nicht einfach mal 60 Prozent oder 80 Prozent seines Umsatzes durch neue Produktionsverfahren und Produkte über Nacht ersetzen.

Wird die Transformation hin zur E-Mobilität nun nicht gebremst?

Das ist eine politische Entscheidung. Der Verkehrssektor hat bislang keinen Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Deshalb kann ich mir nur schwer vorstellen, dass man die CO2-Vorgaben für die Autobranche sausen lässt. Vielleicht wird es bei Strafzahlungen Stundungen geben. Die Regulierung auszusetzen, würde bedeuten, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Dann kommt mit der Klimakatastrophe bald ein weiteres gigantisches Problem auf uns zu.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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