+
Zumindest als Fotomotiv ist die Commerzbank mit ihrem markanten Turm im Zentrum des Frankfurter Bankenviertels schon jetzt beliebt.

Finanzsystem

„Man wird über Banken anders denken, wenn sie geholfen haben“

  • schließen

Die Commerzbank-Vorstände für Firmen- und für Privatkunden über schnelle Corona-Hilfen für Unternehmen, Eingriffe des Staates und das Finanzsystem nach der Krise.

Michael Mandel und Roland Boekhout konnten sich in den vergangenen Wochen in Ruhe kennenlernen: Die beiden neuen Kollegen im Commerzbank-Vorstand hatten coronabedingt weite Teile der Vorstandsetage für sich. Dort sitzen sie auch für unser Telefoninterview.

Tausende Unternehmen brauchen jetzt dringend Geld und haben zum Beispiel KfW-Kredite beantragt. Es gab einige Kritik an bürokratischen Verfahren und zögernden Banken. Hat sich das inzwischen eingespielt?

Boekhout:Ich denke, diese Kritik ist angesichts der einzigartigen Maßnahmen der vergangenen Wochen nicht angemessen. Ich finde es beeindruckend, wie schnell und gut die Bundesregierung und die KfW Hilfsprogramme aufgesetzt und wie Banken die Infrastruktur dafür aufgebaut haben. Im Wesentlichen sind die Fundamente dafür an einem Wochenende gelegt worden.

Sie sind erst seit Jahresbeginn bei der Commerzbank, Herr Boekhout. Den Start haben Sie sich anders vorgestellt, oder?

Boekhout:Ja, klar, eigentlich wollte ich erst mal rausgehen, um die Bank, die neuen Kollegen und möglichst viele unserer tollen Firmenkunden persönlich kennenzulernen. Es ist ein bisschen schade, dass das schnell vorbei war. Aber es ist beeindruckend zu sehen, wie unter diesen schwierigen Bedingungen alles funktioniert – vor allem im Dialog mit den Kunden.

Mandel:Im Vergleich zu anderen Ländern ist das in Deutschland fantastisch gelaufen. Und wir können stolz auf die Leistung hier in der Bank sein. Die Mitarbeiter machen einen großartigen Job. Wir haben vor sieben Wochen über Nacht das Onlinetool für die Förderkredite aufgesetzt und seitdem bereits rund 2500 KfW-Anträge mit einem Volumen von knapp vier Milliarden Euro genehmigt. In den letzten Wochen haben sich 3200 Kollegen nur mit Kreditanfragen unserer Kunden beschäftigt und deutlich über 20 000 Beratungsgespräche geführt. Die meisten Kunden fühlen sich gut betreut.

Boekhout:Man darf nicht vergessen, dass auch die Kunden auf ihrer Seite Zeit brauchen. Sie müssen Planungen umwerfen, Kurzarbeit organisieren und den Finanzbedarf abschätzen, bevor man über einen Kredit redet. Da spielen auch Emotionen eine Rolle.

Der Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof hat sich ins Schutzschirmverfahren gerettet – und ziemlich offen kritisiert, dass die Banken zu bürokratisch seien. Damit war angeblich auch die Commerzbank gemeint.

Michael Mandel.

Boekhout:Zu einzelnen Fällen äußern wir uns nicht. Natürlich lastet ein unvorstellbarer Druck auf vielen Unternehmen, manche haben schlagartig ihre Erlöse verloren. Aber wir haben vor der Kreditvergabe trotzdem eine Prüfung zu machen. Unsere Leute müssen die Stabilität des Geschäftsmodells und das Ausfallrisiko beurteilen – dazu verpflichtet uns schon das Gesetz. Auch die KfW-Kredite sind ja keine Geschenke. Manchmal müssen wir entscheiden, dass es nicht passt – das sind keine angenehmen Gespräche. Aber überwiegend haben wir positive Kontakte, wo wir beraten und helfen.

Sind die KfW-Kredite für die Bank eigentlich lukrativ?

Roland Boekhout.

Mandel:Dafür hat der Bund die Kreditlinien nicht bereitgestellt. Wir als Bank haben einen klaren Auftrag. Wir bringen unsere Kompetenz ein, um die Probleme unserer Kunden zu lösen. Das ist der Unterschied zur Finanzkrise: Damals hat der Finanzsektor die Krise mit verursacht. Jetzt sind wir Teil der Lösung und helfen unseren Kunden durch die Krise. Die Commerzbank hat Spielraum bei Eigenkapital und Liquidität, und den haben wir etwa für einen Sonderfonds mit 700 Millionen Euro für den Mittelstand genutzt, um schnell zu helfen – im Rahmen der Regulatorik. Wir können aber nicht das Fenster aufmachen und einfach Geld verteilen.

Noch ist die Sache nicht ausgestanden. Die Krise hat zwar nicht bei den Banken angefangen, aber sie kann wieder dorthin führen. Etwa durch Kreditausfälle.

Boekhout:Die Ausgangsposition ist dieses Mal eine völlig andere als in der Finanzkrise, die Kapitallage der Banken ist erheblich besser. Die Stimmung ist natürlich nicht himmelhoch jauchzend und wir beobachten die Situation sehr genau. Was für uns zählt ist, dass wir unseren Kunden jetzt mit Finanzierungen helfen können.

Mandel:Ich drehe das mal um: Die Hilfsprogramme und ihre schnelle Abwicklung sollen die Kriseneffekte ja gerade abfedern. Die Unternehmen werden auf breiter Front gestützt, und das finden wir richtig.

Boekhout:Allerdings helfen irgendwann Kredite nicht mehr. So etwas wie die KfW-Hilfe kann man nicht zwei oder drei Mal machen, die Unternehmen müssen die Schulden irgendwann ja auch abzahlen können. Das wird sich auch in den Risikokosten zeigen. Einige Unternehmen werden mehr Eigenkapital brauchen. Es wäre deshalb wichtig, dass der Stabilisierungsfonds, den die Bundesregierung beschlossen hat, möglichst schnell einsatzfähig ist.

Zu den Personen

Michael Mandel ist im Commerzbank-Vorstand für das Geschäft mit Privatkunden und kleinen Unternehmen zuständig. Der 53-jährige gebürtige Bremer arbeitete für die Dresdner Bank und McKinsey, bevor er 2002 zur Commerzbank kam.

Roland Boekhout ist seit Jahresbeginn für das Firmenkundengeschäft der Commerzbank verantwortlich. Der 56-jährige Niederländer ist in Südafrika geboren und arbeitete ab 1991 für die ING Bank, von 2010 bis 2017 als Chef der deutschen Tochtergesellschaft ING Diba.

Es geht um 600 Milliarden Euro, mit denen sich der Staat an Unternehmen beteiligen würde – eine Teilverstaatlichung im ganz großen Stil. Ist das wirklich gerechtfertigt?

Boekhout:Wir reden über eine Krise historischen Ausmaßes, für die kraftvolle Lösungen erforderlich sind. Es gibt Sektoren, in denen es Firmen schwer haben werden, sich schnell genug von der Krise zu erholen, um die aufgebaute Schuldenlast zu tragen. Solche Unternehmen brauchen frisches Eigenkapital. Ein staatlicher Stabilisierungsfonds ist hier das richtige Mittel.

Wie ist das im Moment bei den Privatkunden? Wie reagieren sie auf die Krise?

Mandel:In den ersten Tagen haben wir eine stärkere Nachfrage nach Bargeld gesehen, aber das war nach einer Woche vorbei. Es muss sich schließlich niemand Sorgen um sein Geld machen. Wir haben früh entschieden, von unseren 1000 Standorten rund 200 normal zu öffnen und weitere 600 zumindest mit Personal zu besetzen. Die Kunden brauchen jetzt konkrete Lösungen. Beratungsbedarf gibt es zum Beispiel bei Kreditstundungen. Bei Baufinanzierungen können Tilgungen für sechs Monate ausgesetzt werden. Bei Konsumentenkrediten gehen im Falle von Kurzarbeit drei Monate relativ unbürokratisch. Und wir haben eine starke Nachfrage nach unseren digitalen Angeboten. Es gab einen richtigen Run auf die Comdirect. Das sind die wichtigsten Themen – und für die haben wir Antworten.

Zur Geldanlage fehlen im Moment die Antworten. Auf Sparzinsen brauchen wir wohl nicht zu warten?

Mandel:Im Moment eher nicht. Und genau hier liegt ein weiteres Problem. Die Deutschen sind ein Volk der Sparer und verlieren dadurch jetzt schon jedes Jahr massiv an Kaufkraft. Denn die Inflationsrate ist höher als der Zins. Mit Geldanlage in Fonds oder andere Produkte sähe das langfristig besser aus. Zu allem Überfluss hat die EU-Richtlinie Mifid 2 die Anlageberatung für Kunden komplizierter und bürokratischer gemacht. Viele schreckt der Aufwand ab. Sprich, sie machen eher gar nichts. Ich halte das für eine Katastrophe, denn Vermögensbildung findet bei vielen Kunden praktisch nicht mehr statt.

Die Commerzbank war schon vor der Krise in einer schwierigen Phase. Können Sie wirklich entspannt sein?

Mandel:Wir machen die richtigen Dinge. Wir setzen auf Mobile First und persönliche Beratung. Kunden honorieren das. Wir sind in Deutschland im 1. Quartal pro Woche um rund 10 000 Kunden gewachsen. Und schon im Herbst 2019 haben wir begonnen, über weitere strategische Maßnahmen nachzudenken.

Über weitere Sparmaßnahmen …

Mandel:Natürlich gibt es Herausforderungen. Das Zinsumfeld bleibt schwierig.

Die Commerzbank hatte 1000 Filialen, jetzt wird auf 800 gekürzt, angeblich sollen der nächste Schritt nur noch 500 sein. Was ist geplant?

Mandel:Ich habe die Berichte auch gelesen. Meine Antwort ist kurz. Es gibt keine neuen Zahlen.

Boekhout:Viele Menschen gewöhnen sich jetzt an digitale Lösungen. Sie haben das gezwungenermaßen ausprobiert, es hat gut funktioniert, und sie werden nicht mehr zu hundert Prozent wieder in die analoge Welt zurückkommen. Das gilt nicht nur für Bankgeschäfte: Vielleicht werden Büroimmobilien anders genutzt, das Reiseverhalten ändert sich. Jetzt sieht jeder: Man braucht nicht für jeden Termin quer durch die Republik zu fliegen. Bargeld ist auch so ein Thema – die Deutschen hängen sehr daran, aber vielleicht ändert sich das jetzt.

Es gibt bleibende Veränderungen?

Mandel:Ich glaube zutiefst, dass die Welt nach der Krise nicht mehr so sein wird wie vorher. Die gesellschaftliche Wahrnehmung wird sich ändern. Das sehen wir jetzt schon bei den Pflegeberufen, die plötzlich einen anderen Stellenwert haben. Und vielleicht wird man auch über Banken anders denken, wenn sie in der Krise geholfen haben.

Interview: Stefan Winter

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare