Kekse verpacken: „Da braucht man kein Hirn, nur Geschicklichkeit“
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Kekse verpacken: „Da braucht man kein Hirn, nur Geschicklichkeit“

Gleiche Bezahlung

„Man muss dranbleiben, sonst hat man verloren“

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Wie beendet man Lohndiskriminierung? Betriebsratschefin Manuela Haase erklärt, wie sie beim Kekshersteller Bahlsen gleiche Bezahlung für Frauen und Männer durchsetzt.

Anfang November gab es für die Arbeitnehmerschaft des Keksherstellers Bahlsen Grund zum Jubeln: Der Betriebsrat des Werks Varel nahe Wilhelmshaven erreichte den ersten Platz beim Deutschen Betriebsräte-Preis. Die Begründung der Jury, die sich vor allem aus hochrangigen Mitgliedern verschiedener Gewerkschaften zusammensetzt: „Mit dem Ziel ‚gleicher Lohn für gleiche Leistung‘ engagierten sich die Interessenvertreter hartnäckig dafür, dass Frauen für ihre Tätigkeiten dieselben Eingruppierungen erhalten wie ihre männlichen Kollegen.“ Manuela Haase leitet den Betriebsrat des Werks Varel und den Gesamtbetriebsrat von Bahlsen. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau erklärt sie, wie sie ihre Ziele bei Bahlsen durchgesetzt hat und was es in der Süßwarenindustrie noch zu tun gibt.

Frau Haase, ist die Freude über die Auszeichnung mit dem Deutschen Betriebsräte-Preis bei Ihnen groß?

Ja, wir haben uns sehr darüber gefreut – und dann war es ja gleich die „Goldmedaille“, das hatten wir gar nicht erwartet, denn auch die anderen Betriebsräte hatten ja tolle Erfolge vorzuweisen. Besonders schön fand ich, dass auch der zweite Platz an ein eher kleines Unternehmen ging, an die Hüttenwerke Königsbronn. Es wird also nicht nur die Arbeit der Betriebsräte in großen Firmen gewürdigt.

Sie sind seit dem Jahr 2010 Betriebsratsvorsitzende im Werk Varel. Welche Umstände waren es, die Sie dann in den „Kampf“ für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern geführt haben?

Damals haben noch etwa doppelt so viele Frauen wie Männer im Werk Varel gearbeitet, das ist heute anders. Die Frauen wünschten sich endlich mal eine Frau an der Spitze ihrer Arbeitnehmervertretung. Der Betriebsratsvorsitz – das ist leider bis heute eine Männerdomäne in Deutschland.

Ich bin dann relativ schnell an das Thema gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit rangegangen. Denn 2010 wurden wir vor die Wahl gestellt: Automatisierung der Produktion oder der Standort wird geschlossen. Bis dahin standen die Frauen am Band und verpackten die Kekse. Sie wurden immer in die unterste Tarifgruppe A des Tarifvertrags der Süßwarenindustrie eingruppiert. Begründung war platt gesagt: Das sind einfache Arbeiten, da braucht man kein Hirn, nur Geschicklichkeit. Die Männer dagegen hievten die Kartons auf die Paletten und wurden dafür in Tarifgruppe C einsortiert. Das waren brutto etwa 200 Euro mehr im Monat.

Braucht man denn fürs Heben der Paletten – ebenfalls platt gesagt – mehr Hirn als fürs Einpacken der Kekse?

Nein, natürlich nicht. Im Jahr 2012 kamen dann die ersten Maschinen. Die Frauen bedienten sie, blieben aber in Tarifgruppe A. Die Werksleitung sprach ihnen als Begründung schlichtweg den technischen Sachverstand ab. Da haben wir als Betriebsrat den Frauen gesagt: Macht euch Notizen, welche Arbeiten genau ihr erledigt. Denn Maschinen zu bedienen, das war keine einfache Arbeit mehr. Das konnten wir ja auch anhand des – leider total veralteten – Tarifvertrags belegen, wo die Tätigkeiten der Tarifgruppen beschrieben sind. Das hat dann auch die Geschäftsführung irgendwann eingesehen. Nach und nach haben wir dann fast 100 Frauen von Tarifgruppe A in Tarifgruppe C befördern können.

Das kam also nicht als großer Knall, sondern schrittweise?

Ja, es war ein langer Weg. Man braucht Beharrlichkeit. Man muss auch mal Rückschläge wegstecken und trotzdem weitermachen. Man muss dranbleiben, das Ziel vor Augen behalten, sonst hat man verloren. Wir haben seit 2010 beispielsweise jedes Jahr den Tag der Entgeltgleichheit in der Kantine gefeiert, etwa indem wir Informationsblätter verteilt, Filme gezeigt und als Betriebsrat und mit externen Gästen einen Rundgang durchs Werk gemacht haben. Wir haben das Thema in jeder unser vier jährlichen Betriebsversammlungen angesprochen.

Wie kam das denn bei den männlichen Kollegen an?

Sehr gut, wir haben da viel Unterstützung von den Männern bekommen.

Manuela Haase

Zur Person

Manuela Haase, 59, ist seit 2010 Betriebsratsvorsitzende des Werks Varel beim Kekshersteller Bahlsen. Seit 2012 ist sie auch Gesamtbetriebsratsvorsitzende des Unternehmens. Sie arbeitet bereits seit 1990 für Bahlsen, das seinen Hauptsitz in Hannover hat und etwa 2700 Menschen beschäftigt. Zunächst war Haase Packerin und verpackte Kekse, später machte sie die Bandaufsicht. Seit 1996 war sie dann im Qualitätsmanagement des Unternehmens tätig.

Auch anderswo. Es gab beispielsweise eine Kollegin, die stand am Packband. Sie war aber ausgebildete Schlosserin. Also haben wir ihr geholfen, in die Schlosserei zu wechseln. Doch dort wurde sie zunächst weiterhin nicht in eine höhere Tarifgruppe einsortiert. Irgendwann dann schon, aber sie bekam weiterhin nicht die gleiche außertarifliche Zulage wie die Männer, so unter dem Motto, sie könne eben nicht so schwer arbeiten wie ein Mann. Irgendwann sah der Werksleiter sie dann unter einem Ofen liegen und schrauben. Und sagte später ganz fassungslos zu mir: „Frau Haase, die lag unter dem Ofen und der männliche Kollege hat ihr die Schraubenschlüssel gereicht“. Das war für ihn ein Aha-Erlebnis: Frauen können das auch. Seitdem kriegt sie auch die gleiche außertarifliche Zulage wie die Männer. In der Bäckerei war es 2010 auch noch so: Eine Frau ohne Bäckerausbildung landete automatisch als Packerin in Tarifgruppe A, ein Mann ohne Bäckerausbildung dagegen als Produktionshelfer in Tarifgruppe D.

Vergangenes Jahr sind Sie mit 24 vor allem Kolleginnen vors Arbeitsgericht gezogen. Worum ging es bei dieser Auseinandersetzung?

Die Leitung der Verpackungsanlagen ist nicht mehr so leicht. Wir wollten daher eine höhere Eingruppierung erreichen. Die Richterin sah zwar unseren Punkt, sagte aber, sie könne das nicht entscheiden, da der Tarifvertrag einfach zu alt ist. Sie empfahl eine außergerichtliche Einigung. Wir hatten da gerade eine neue Personalleitung. Und haben mit ihr eine Zulage für die Anlagenleitung ausgehandelt, deren Höhe sich an der Anzahl der beaufsichtigten Maschinen bemisst. Es hängt viel von Personen ab – die neue Personalleitung war verhandlungsbereit, die alte nicht.

Sie haben mehrfach den veralteten Tarifvertrag erwähnt. Könnten Sie das etwas näher erläutern?

Der Tarifvertrag der Süßwarenindustrie stammt aus dem Jahr 1987. Da werden Tätigkeiten beschrieben wie Stenotypistin oder Lochkartenstanzer, die gibt es heute gar nicht mehr. Viele Tätigkeiten, die heute wichtig sind, finden sich dort aber natürlich auch nicht wieder. Und dadurch ist es schwierig, dafür die richtige tarifliche Eingruppierung durchzusetzen.

Gibt es denn keine Versuche, diesen Tarifvertrag zu modernisieren?

Doch natürlich. Von 2014 bis 2018 gab es Verhandlungen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und der Arbeitgeber, um einen neuen Tarifvertrag zu erarbeiten. Daran war ich beteiligt. Im Jahr 2018 gab es dann einen Entwurf. In zehn Betrieben wurde das Ganze getestet. Danach haben die Arbeitgeber die weitere Umsetzung blockiert. Sie befürchten eine Kostenlawine. Denn sehr viele Süßwarenbetriebe haben immer noch viele Beschäftigte in Tarifgruppe A. Das wäre mit einem neuen Tarifvertrag nicht mehr haltbar. Im vergangenen Jahr haben wir erneut verhandelt, aber durch Corona liegt momentan alles auf Eis.

Sie sind ja nicht nur Betriebsratsvorsitzende im Werk Varel, sondern auch Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei Bahlsen. Wie sieht es in den anderen Werken aus?

Bahlsen hat drei Werke. Varel ist sicherlich Vorreiter. Hier gibt es keine Beschäftigten mehr in Tarifgruppe A oder B, es fängt mit C an. Bei der Einstellung wird bei der Eingruppierung nicht mehr nach Geschlecht, sondern nur noch nach Tätigkeit unterschieden. In den anderen Werken gibt es teilweise noch Tarifgruppe B, die sind noch nicht ganz so weit.

Ist der Kampf für gleiche Gehälter für Sie beendet? Oder geht er weiter?

Der Kampf ist noch nicht beendet, wir haben noch viel vor. Als nächstes wollen wir uns die Maschinenbediener beziehungsweise Maschinenführer vornehmen, die alle Maschinen im Werk führen oder bedienen können, denn Flexibilität muss sich bezahlt machen.

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