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Kostüme aus Hollywoodfilmen sind beliebt - aber auch der klassische Clown ist nach wie vor gefragt.

Deiters

„Man kann mal jemand anderes sein“

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Herbert Geiss, Chef von Deiters, über die Lust am Verkleiden, warum der Kostümhandel heute ein Ganzjahresgeschäft ist und welche Rolle das Kino in der Branche spielt.

Wer das laut Deiters „größte Karnevalshaus der Welt“ unmittelbar an der Autobahn A1 in Frechen bei Köln betritt, der muss erst einmal tief Luft holen. Die Welt ist plötzlich sehr bunt. Auf zwei riesigen Stockwerken findet sich in dem flachen Neubau alles, was verkleidungswütige Menschen begehren. Batman- oder Drachenkostüm, falsche Zähne oder Ritterhelm, Konfettipistole oder Trillerpfeife – es gibt wohl kaum etwas, was ein Jeck hier nicht finden kann. Direkt gegenüber dagegen, in einem weiteren Flachbau, geht es eintöniger zu. Hier dominieren Weißtöne, im Eingangsbereich hängen unzählige gerahmte Zeitungsausschnitte, die sich alle der Firma Deiters widmen. Hier ist das Herz des Kostümhändlers, hier sitzt Firmenchef Herbert Geiss.

Herr Geiss, es ist Sommer und brüllend heiß. Wer will denn da Kostüme kaufen?
Der Kostümhandel ist inzwischen ein Ganzjahres-Geschäft. Natürlich ist bei uns rund um Karneval und Halloween am meisten los. Aber die Menschen verkleiden sich auch für Mottopartys, Abi-Gags, Mallorcapartys oder Junggesellenabschiede. Auch das Oktoberfest ist für uns inzwischen ein großes Thema, fast jedes Dorf hat ja inzwischen eins. Wir verkaufen hochwertige Trachten und Dirndl. Und dann kommen neue Feste dazu, wie etwa in Köln und Bonn seit 2016 das Sommerfestival „Jeck im sunnesching“. Die Menschen haben eine große Sehnsucht danach, unbeschwert Spaß zu haben.

Und das geht in Verkleidung besser?
Ja klar, eine Party in Verkleidung ist viel geselliger. Wenn Sie auf ein Fest gehen, auf dem Sie kaum jemanden kennen, fällt es doch oft schwer, Kontakte zu knüpfen. Aber ein Cowboy und ein Indianer finden leicht zusammen. Ein Kostüm ermöglicht es, unkompliziert ins Gespräch zu kommen.

Hinter einem Kostüm kann man sich auch gut verstecken…
Man kann mal jemand anderes sein. Wer im Büro immer total seriös sein muss, der kann im Kostüm eine andere Rolle annehmen und sich ausleben. Kostümfeste sind einfach eine schöne Art zu feiern.

Halloween ist aus den USA nach Deutschland geschwappt. Viele Deutsche fremdeln damit…
Halloween ist schon seit langem beiläufig in Deutschland, das ist nicht plötzlich hierher geschwappt. Deiters hat viel dafür getan, Halloween hier zu etablieren. Wir haben einige Jahre lang Deutschlands größte Halloween-Party in Köln veranstaltet. Ich bin selber durchaus ein sehr traditionsbewusster Mensch. Deshalb spielte und spielt für mich auch der St. Martin immer noch eine große Rolle. Aber man muss wohl einfach anerkennen: Halloween gefällt den meisten Kindern besser als St. Martin. Es ist halt einfach ein moderneres Fest.

Haben Sie Beobachtungen, wie Menschen Ihre Kostüme aussuchen? Sind es beispielsweise die Frauen, die ihre Männer in eine bestimmte Verkleidung zwängen und entscheiden?
Jeder Jeck ist anders. Der eine lässt sich von seiner Frau das Kostüm anziehen, der andere nicht, und bei manchen ist es genau andersherum. Da kann ich keine klare Richtung erkennen. Was wir aber sehen ist, das Kinder hier mit ganz klaren Vorstellungen reinkommen. Die wissen genau, was sie wollen. Die Zeiten sind vorbei, wo die Eltern gesagt haben: „Du wirst Clown und basta“. Bei den Erwachsenen ist es dagegen eher so, dass sie sich oft im Laden inspirieren lassen und spontan entscheiden. Der Kostümkauf ist ein besonderes Shoppingerlebnis, das machen Familien oder Freundesgruppen häufig gemeinsam. Das ist also auch gesellig.

Wie viele Kostüme verkauft Deiters im Jahr?
Eine Million. Wobei auffällig ist, dass in sozial schwächeren Regionen der Pro-Kopf-Umsatz in den Filialen höher ist als in wohlhabenderen Gegenden. Und in ländlichen Regionen geben die Menschen pro Kopf mehr für Verkleidungen aus als in den Städten.

Haben Sie nachgeforscht, woran das liegen könnte?
Nein. Aber vielleicht haben manche Menschen einfach mehr Grund, ihrem Alltag mal zu entfliehen als andere.

Herbert Geiss hat 2003 Deiters übernommen.


Apropos wohlhabende Gegend. Deiters hatte mal eine Filiale am superteuren Neuen Wall in Hamburg. Die hat aber irgendwann geschlossen.
Das war aber von vorneherein nur eine Interimsanmietung für ein halbes Jahr. Und wenn man ehrlich ist: Zwischen lauter Luxusmarken am Neuen Wall, da sucht man Deiters eher weniger. Dort fehlte dann alles in allem irgendwie der Faktor Jeck. Die Hamburger haben mit der rheinischen Frohnatur wenig gemein, aber das kann ja noch werden. Und es ist ja auch nicht so, dass Hamburger nicht gerne feiern. Die Party Lilabe beispielsweise zeigt ja ganz deutlich, dass auch die Begeisterung für Kostümpartys groß ist. Vielleicht gehen wir auch irgendwann zurück nach Hamburg. Wo wir eine Filiale eröffnen, entscheide ich nach Bauchgefühl. Da kann ich auch mal falsch liegen. Aber Berlin zum Beispiel ist inzwischen unsere umsatzstärkste Filiale zu Halloween, das hätten wir auch nicht unbedingt erwartet. Wir haben dort auch den Hauptstadt-Zug zu Karneval etabliert und der wurde mit bis zu 300 000 Menschen am Kurfürstendamm sehr gut angenommen

Sie haben unglaublich expandiert. Als Sie die Führung von Deiters vor 16 Jahren übernommen haben, gab es nur eine einzige Filiale und zwar in Köln. Inzwischen sind es 26 im ganzen Bundesgebiet. Wie viele sollen es noch werden?
Eigentlich wollen wir, dass die Leute alle normale Kleidung ablegen und immer verkleidet sind. Das wär ein Traum. Aber im Ernst: Wir wollen weiter wachsen, aber nicht ins Trudeln geraten. Es wird neue Filialen geben. Unser Umsatzwachstum der letzten Jahre geht darauf zurück, dass wir neue Standorte eröffnet haben – in den einzelnen Filialen stagniert der Umsatz eher. Wir werden auch ins Ausland expandieren.

Wie das?
Wir haben mit saisonalen Shops in sieben C&A-Kaufhäusern in Deutschland experimentiert. Das hat prima funktioniert. Der Ansatz ist, so etwas dann in Zukunft auch größer auszurollen, mit Partnern national und international. Wir möchten breit gestreut in vielen Häusern zu Karneval und Halloween Verkaufsflächen bespielen, mal kleiner mit 50-100 Quadratmetern, mal etwas größer. So können wir auch testen, wie der Kostümhandel in für uns neuen Regionen Deutschlands und auch in anderen europäischen Ländern läuft. Unsere Partner werden davon auch profitieren. In Deiters’ Hochsaison haben alle anderen Textiler und Kaufhäuser doch schon lange Schlussverkauf, da locken wir dann Kunden in die Kaufhäuser und sorgen für Traffic.

Kommen denn viele Ausländer in die Deiters-Läden in Deutschland?
Oh ja. Asiaten, Menschen aus den Beneluxstaaten und dem englischsprachigen Raum kleiden sich gerne bei uns ein. Karneval zieht auch viele Touristen an.

Deiters produziert seine Kostüme allesamt in China, an die 2000 Menschen sind dort bei Ihren Subunternehmern beschäftigt. Dafür werden Sie häufig kritisiert. Ihre Antwort?
Schauen Sie: Ich könnte mich jetzt dahinter verstecken und sagen: Das machen doch alle. All unsere Kleidung, selbst Medikamente, natürlich Autoteile und Elektronik, alles wird in Asien produziert. Aber ich erkläre es gerne plakativ genauer. Die einfache Wahrheit ist: Wir würden gerne in Deutschland produzieren, aber der Kunde mag für „Made in Germany“ nicht zahlen. Ein in China produziertes Kostüm kostet vielleicht 29,99 Euro, würden wir es hier nähen lassen, wären es 45 Euro. Die Deutschen sind der Meinung, dass eine Verkleidung billiger sein muss als Alltagskleidung. Das ist Unsinn, denn die Herstellung ist nicht billiger – wir nähen schließlich Qualitätsware. Aber so ist es eben.

Wie gewährleisten Sie, dass die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken ordentlich sind?
Wir sind ein gestandenes Familienunternehmen, natürlich achten wir darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht und es unseren Mitarbeitern gut geht. Ich selbst fahre drei bis vier Mal im Jahr nach China und schaue mir die Fabriken an. Der TÜV prüft zudem die Qualität unserer Kostüme.

Wie aktiv ist Deiters im Online-Handel?
Wir haben ein Online-Portal. Es wächst. Wir bieten auch einzelne exklusive Artikel über Amazon an, weil man einfach nicht daran vorbeikommt. Aber es macht mir keinen Spaß, nicht nur, weil wir Provision zahlen müssen. Ich finde es schade, dass Plattformen wie Amazon sich so großer Beliebtheit erfreuen. Diese Plattformen suggerieren, dass man alles schnell und billig bekommen kann. Die Leute jammern, dass die Innenstädte veröden, aber kaufen alles online. Und über Amazon bieten ja auch viele Händler aus dem Ausland ihre Produkte an – nur die müssen dann keine Mehrwertsteuer in Deutschland abführen. Das ist ungerecht und ruiniert heimische Händler. Wir profitieren davon, dass der Einkauf in unseren Shops ein Erlebnis ist, deswegen ist die Abwanderung vom stationären zum Online-Handel bei uns nicht so groß.

Was für Kostüme waren zuletzt beliebt?
Einhorn ging gut, auch der Flamingo. Vor ein paar Jahren war es das Krümelmonster und das Thema Pantomime. Es ist oft so, dass eine ganz bestimmte Farbe in einem Jahr besonders beliebt ist – dann gehen plötzlich alle in Lila oder Pink. Das ist oft vollkommen unerklärlich. An Weiberfastnacht sind wir immer mit ein paar Mitarbeitern auf dem Alten Markt in Köln und schauen, was die Leute so tragen. Dann können wir in der Produktion noch reagieren. Die Ursprungsklassiker, also Clown, Indianer oder Cowboy haben wir immer im Sortiment, die sind nach wie vor gefragt. Und Steam Punk ist inzwischen auch fest etabliert.

Welches Kostüm würden Sie nie anziehen?
Oh, darüber habe ich nie nachgedacht. Aber ich kann Ihnen sagen, was ich zuletzt so getragen habe: Meine Frau und ich sind als Fred Feuerstein und Wilma gegangen, davor mal als Clowns, letztes Jahr sind wir auf dem Rosenmontagszug mitgefahren.

Welche Bedeutung haben Filme inzwischen für Ihr Geschäft?
Eine sehr große. Wir schauen uns Anfang des Jahres immer den Kinokalender an und überlegen, welche Filme „Kostümpotenzial“ haben. Die Netflix-Serie „Haus des Geldes“ hat zum Beispiel einen Run auf rote Overalls ausgelöst. Wir haben auch eine Kooperation mit Disney und dessen Tochter Marvel, da geht es vor allem um Star Wars und Superhelden. Wir organisieren da spezielle Thementage oder geben limitierte Editionen bestimmter Kostüme raus.

Sie wurden mit gerade einmal 20 Jahren Chef von Deiters, da waren Sie selbst noch in der Ausbildung hier im Unternehmen. Denken Sie heute manchmal, dass das kompletter Wahnsinn war?
Ich bin sehr stolz darauf, was ich erreicht habe. Aber das war nicht immer leicht. Ich habe das Unternehmen ja gleich zu Beginn komplett neu ausgerichtet, habe die ganze Ware, die wir damals für Jahrmärkte hergestellt haben – etwa Spielzeug -, aus dem Sortiment genommen und Deiters ganz auf Kostüme ausgerichtet. Das hat vielen nicht gefallen. Heute sind kaum mehr Mitarbeiter aus dieser Zeit bei uns. Am Ende hat sich diese Entscheidung aber als richtig herausgestellt. Mein Vater hat mich im Job immer sehr unterstützt, wir waren beste Freunde.

Sie selbst sind auch Vater eines kleinen Sohnes. Wünschen Sie sich, dass er den Betrieb später übernimmt?
Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn er das Familiengeschäft irgendwann weiterführt. Aber das ist absolut kein Muss. So schnell will ich ja auch nicht gehen: Mir macht es enormen Spaß, hier Kapitän an Bord zu sein.

Interview: Nina Luttmer

Zur Person

Herbert Geiss, 37, kaufte im Jahr 2003 seinem Onkel Reinhold Geiss die Firmenanteile ab und übernahm Deiters. Dessen Kinder, darunter der durch die Fernsehsendung „Die Geissens“ bekannt gewordene Unternehmer Robert Geiss, hatten kein Interesse an der Führung des Unternehmens. Dieses hatte damals nur eine Filiale und war eine Art Gemischtwarenhandel für Kostüme und Jahrmarktartikel.

Seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann beendete Herbert Geiss erst nach der Übernahme der Deiters-Führung. Der gebürtige Kölner richtete das Unternehmen neu aus, konzentrierte sich ausschließlich auf den Kostümhandel und expandierte kräftig. Heute hat Deiters 26 Filialen in ganz Deutschland und machte zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 27 Millionen Euro.

In der Hochsaison beschäftigt das Kölner Unternehmen etwa 700 Mitarbeiter, in der Nebensaison sind es um die 300. Geiss ist verheiratet und hat ein Kind. Er ist ein Auto-Narr und besitzt sogar eine Rennfahrerlizenz.

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