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Mitsubishi hat seinen Topmanager entlassen: Für die japanische Wirtschaftswelt sind die Verfehlungen von Carlos Ghosn nicht nur eine moralische, sondern auch eine strategische Offenbarung.

Carlos Ghosn

Zu mächtig, zu gierig

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Der Fall des Automanagers Carlos Ghosn ist mehr als bloß ein weiterer Skandal. Er berührt die japanische Firmenkultur.

Der Skandal um den Chef von Nissan, Renault und Mitsubishi zieht weiter Kreise. Am Sonntag wurde zwar bekannt, dass sich Ghosn für unschuldig hält, doch schon am Montag teilte Mitsubishi mit, dass man den Automanager von seinem Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden enthoben habe. Zuvor hatte er dasselbe Amt bereits bei Nissan verloren.

Für die japanische Wirtschaftswelt sind die Verfehlungen von Carlos Ghosn nicht nur eine moralische, sondern auch eine strategische Offenbarung. Für fast 20 Jahre war er ein Liebling der japanischen Öffentlichkeit. Der gebürtige Brasilianer pflegte doch so viele Tugenden, die man in der ostasiatischen Industrienation besonders schätzt.

Bekannt war er dafür, morgens als Erster im Büro zu sitzen und abends als Letzter zu gehen. Sein kluger Blick für strategische Allianzen, der Nissan, Renault und Mitsubishi zusammenführte, machten ihn im ersten Halbjahr 2018 zum Chef der größten Autobauerallianz der Welt. Wegen solcher Erfolge interpretierte man sein ewiges Beharren auf radikalen Rationalisierungen wohlwollend als Sparsamkeit. Carlos Ghosn, „den Kostenkiller“, feierte man als Star der Wirtschaftswelt.

Jetzt sitzt er hinter Gittern. Über fünf Jahre hat der 64-Jährige offenbar fünf Milliarden Yen (rund 38,8 Millionen Euro) an Einnahmen unterschlagen. Der Sparfuchs steht nun als Gierhals da. Die Reaktionen wirken bisweilen so, als hätte man es eigentlich kommen sehen.

In Japan, dem Epizentrum des Skandals, geht es dabei um viel mehr als Geld. Schließlich galt Ghosns Bezahlung in jenem Land, wo Konzernbosse normalerweise weniger verdienen als in anderen Industriestaaten, schon als maßlos, bevor die Veruntreuung ans Licht trat. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat er umgerechnet je 5,7 Millionen Euro von Nissan, 1,76 Millionen Euro von Mitsubishi und 7,4 Millionen Euro von Renault kassiert. Und das war noch weniger, als Ghosn eigentlich wollte. Seine Forderungen scheiterten aber an den Aktionären.

Ghosn hat während seiner langen Zeit als Chef beharrlich auf uneingeschränkte Macht gepocht, die er gegen die Widerstände der auf gegenseitige Überwachung gepolten Firmenkultur Japans auch durchsetzte. So fügte sich zum in japanischen Konzernen häufigen Mangel an Transparenz nach außen noch ein Engpass an internen Kontrollmechanismen. Bei Nissan gab es etwa keinen Vergütungsausschuss, womit sich der Chef sein Gehalt wohl selbst auszahlen konnte. Durch sein Firmenimperium strich Ghosn im Jahr schließlich fünfmal so viel ein wie Toyota-Chef Akio Toyoda.

Damit hat der Skandal um Ghosn eine besondere Qualität. Zwar fielen Japans Konzerne in den vergangenen Jahren immer wieder mit Verfehlungen auf: Der Stromanbieter Tepco verheimlichte erst jahrelang Risiken und tat dann nach den Kernschmelzen in Fukushima immer wieder so, als sei nichts gewesen. Der Multikonzern Toshiba wurde 2015 bei der Bilanzfälschung erwischt, Autobauer Mitsubishi erlebte 2016 ein Dieselgate. Überall nahmen Konzernbosse irgendwie doch in Ehre ihren Hut, schließlich hatten sie zwar gehörig betrogen, dies aber immerhin im Dienst des Konzerns getan und dann schnell die Konsequenzen gezogen.

Ghosn dagegen hat allem Anschein nach nicht nur die Gesellschaft hinters Licht geführt, sondern auch den eigenen Konzern.

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