Jetzt auch Netzaktivistin: Greta Thunberg. Mit Twitterstürmen und Live-Streams will Fridays for Future die Aufmerksamkeit auf die Klimakrise lenken.  
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Greta Thunberg: Mit Twitterstürmen und Live-Streams will Fridays for Future die Aufmerksamkeit auf die Klimakrise lenken.  

Klimastreik

Mächtig Bewegung im Netz

  • vonSusanne Schwarz
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  • Annika Keilen
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Ihren globalen Streik für das Klima verlagern die Aktivistinnen und Aktivisten von„Fridays for Future“ wegen der Corona-Pandemie kurzerhand ins Internet.

Die Straßen hätten an diesem Freitag eigentlich voll sein sollen. Millionen von Klimaaktivistinnen und -aktivisten weltweit wollten sie fluten und auf Klimaschutz dringen. Und dann kam die Corona-Krise.

„Wir folgen immer der Wissenschaft, die jetzt gerade zu dem Ergebnis kommt, dass es unsicher ist, sich in großen Gruppen zu versammeln“, sagt die 16-jährige Kallan Benson aus Crownsville im US-Bundesstaat Maryland, die „Fridays for Future“ in den USA mitorganisiert. Deshalb also kein globaler Klimastreik auf der Straße.

Stattdessen zieht die Bewegung temporär ins Netz um. Der globale Klimastreik soll trotzdem stattfinden, aber eben durch Twitter-Stürme, Livestreams und das Hochladen von Bildern unter den Hashtags #ClimateStrikeOnline und #DigitalStrike. In einem 24-stündigen Livestream auf dem internationalen Youtube-Kanal der Bewegung stellen sich Streikende aus aller Welt vor und diskutieren. „2020 ist ein wichtiges Jahr für den Klimaschutz, und wir können es uns nicht leisten, das während dieser Pandemie zu vergessen“, sagt Benson.

In diesem Jahr sollen alle Staaten ihre Klimaziele gemeinsam erhöhen, wie es das Pariser Weltklimaabkommen alle fünf Jahre vorsieht. Hintergrund ist, dass bisher eine riesige Lücke klafft zwischen den Klimaschutzversprechen der Staaten und dem Ziel des Abkommens, nämlich die Erderhitzung gegenüber vorindustriellen Zeiten möglichst bei 1,5 Grad zu begrenzen. Einer Berechnung des UN-Umweltprogramms zufolge müssten dafür die globalen CO2-Emissionen bis 2030 jedes Jahr um 7,6 Prozent sinken, was ungefähr einer Verfünffachung der nationalen Vorhaben entspreche.

Aber wird es dafür in diesem Jahr genug Aufmerksamkeit geben? Viele Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit, ihre Einkommen, Familie und Freunde. Außerdem musste der Weltklimagipfel im schottischen Glasgow auf unbestimmte Zeit verschoben werden, durch den die Welt gezielt auf die neu gelieferten Klimaziele geblickt hätte. Unter anderem deshalb will „Fridays for Future“ im Netz protestieren. „Dieses Projekt ist nützlich, um die Menschen am Ball und die Diskussion am Laufen zu halten, ohne jemanden zu gefährden“, ist sich Klimaaktivistin Benson sicher.

Ihr schottischer Mitstreiter Dylan Hamilton sieht das auch so. „In dieser unsicheren Zeit können wir nicht eine Krise über der anderen vergessen“, sagt der 15-Jährige aus Edinburgh. „Jede Krise muss wie eine Krise behandelt werden, und wir waren schon vor dem Coronavirus in einer Notlage.“

Die Initiatorin der Bewegung, die schwedische Klimaschützerin Greta Thunberg, äußerte sich ähnlich. „Wir müssen beide Krisen gleichzeitig bekämpfen“, sagte die 17-Jährige am Mittwoch in einem Gespräch zum Tag der Erde mit dem Klimawissenschaftler Johan Rockström, der das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung leitet – natürlich online und live übertragen.

Auch die deutschen „Fridays for Future“-Gruppen sind beim globalen Onlineprotest am Freitag dabei und rufen unter dem Hashtag #NetzstreikFürsKlima zur Teilnahme auf. Sie haben auch einen eigenen Livestream mit Musik, Reden und verschiedenen Gästen eingerichtet, der am Freitag um 12 Uhr beginnt. „Wir haben eine Verantwortung vor der Gesellschaft und wollen keine Menschen mit unseren Streiks gefährden“, meint Leonie Häge, Sprecherin von „Fridays for Future“ in Bayern. Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen die beiden Krisen auf keinen Fall gegeneinander ausspielen. Ihnen ist der Ernst der Lage bewusst, und sie finden es gut, dass Politik und Medien die Corona-Krise auch wie eine solche behandeln.

In den vergangenen Wochen haben sie schon einiges an Erfahrung gesammelt, wie die Bewegung sich trotz physischer Distanz agieren kann. Unter anderem organisieren sie Webinare. Hashtag: #WirBildenZukunft. In Livevideos kann das Publikum Fragen schicken, die dann von Expertinnen und Experten beantwortet werden.

Im ersten Video spricht die Chefin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), Maja Göpel, über die Bedeutung der Klimaziele. Und die Nachhaltigkeits-Influencerin Louisa Dellert referiert über die Klimakrise.

Auch wenn „Fridays for Future“ schon immer digital geprägt war, können sich die Aktivistinnen nicht vorstellen, den Protest komplett ins Netz zu verlagern. Nicht zuletzt, weil soziale Medien wie Instagram und Twitter eben anderen Gesetzen folgen als die Straße. Welche Bilder und sonstigen Inhalte den Nutzern dort angezeigt werden, bestimmen Algorithmen und die Kontakte und Seiten, denen sie folgen. Wer dort noch nie etwas mit Klimaschutz zu tun hatte, wird also wohl auch vom Online-Klimastreik kaum etwas mitbekommen.

„Ich denke, wir machen viele Erfahrungen, wie wir im Internet noch aktiver sein können, so zum Beispiel durch die Webinare“, sagt die Münchener Aktivistin Lydia Leiste und fügt entschieden hinzu: „Dennoch – nach der Corona-Krise gehen wir auf jeden Fall wieder auf die Straße.“

Von Susanne Schwarz und Annika Keilen

Sind Zweifel erlaubt? Oder zwingt uns die Corona-Krise zu einer Entscheidung zwischen reinem Gehorsam und blindem Aktionismus? Der Leitartikel.

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