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„Der Blick und der Respekt für den anderen, das war immer sehr wichtig bei uns“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller.
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„Der Blick und der Respekt für den anderen, das war immer sehr wichtig bei uns“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller.

Porträt Nicola Leibinger-Kammüller

Die Madonna aus Schwaben

Nicola Leibinger-Kammüller hat Literatur studiert, vier Kinder bekommen und ist heute Chefin des größten Werkzeugmaschinen-Herstellers der Welt. Außerdem ist sie gerade dabei, die deutsche Arbeitskultur zu revolutionieren.

Von Maxim Leo

Den Morgen mag sie am liebsten. Weil sie da die Kinder kurz beim Frühstück sehen kann. Und weil danach diese zehn Minuten kommen, die sie ganz für sich alleine hat. Zehn Minuten dauert die Fahrt von ihrem Haus im schwäbischen Gerlingen zur Firma nach Ditzingen. Ihr Fahrer weiß, dass sie in dieser Zeit nicht gestört werden darf. Sie sitzt im Fonds des Wagens, hört Musik oder die Nachrichten im Deutschlandfunk und schaut nach draußen. Einfach so.

Sie wollte nie ein Handy haben, weil es ja sein könnte, dass jemand sie genau während dieser zehn Minuten sprechen will. In dieser herrlich ungestörten Zeit. Sie wollte auch nie einen Fernseher haben, weil sie Fernsehen für Zeitverschwendung hält. Sie liest Bücher. Philipp Roth, Thomas Mann. „Die Buddenbrooks“ sind ihr Lieblingsroman, sie hat aus diesem Buch viel gelernt, sagt sie. Vielleicht hat sie sich auch wiedererkannt in dieser Familien-Firmen-Saga. „Man kann dort lernen, was man nicht machen darf. Eine Ehe der Firma wegen eingehen zum Beispiel, wie es Toni und Thomas Buddenbrook getan haben. Oder sich in riskante Geschäfte stürzen, die die Firma ausbluten.“

Wahrscheinlich gibt es nicht viele Top-Unternehmer in Deutschland, die sich in Management-Fragen von Thomas Mann inspirieren lassen. Aber Nicola Leibinger-Kammüller, 52 Jahre alt, gilt in diesen Kreisen vermutlich sowieso als recht exotische Person. Weil sie als Frau und Mutter von vier Kindern, als promovierte Literaturwissenschaftlerin, ins Kernland der deutschen Unternehmer-Männlichkeit vorgedrungen ist und heute an der Spitze des weltweit größten Werkzeugmaschinen-Herstellers steht.

Haltung und Gefühl

Eine riesige Überraschung war das, als vor sieben Jahren ihr Vater, Berthold Leibinger, seine Entscheidung bekanntgab, der ältesten Tochter die Leitung des Familienunternehmens zu übergeben. Schließlich gab es da auch ihren Bruder und ihren Mann, die beide Ingenieure sind und seit Langem in der Trumpf-Geschäftsführung sitzen. Aber der Vater, der fünf Jahrzehnte lang die Firma geprägt hat, fand, der Chef eines Unternehmens mit 9000 Angestellten und zwei Milliarden Euro Jahresumsatz müsse nicht unbedingt über Ingenieurswissen verfügen. Vielmehr sei es wichtig, jemanden an der Spitze zu haben, der zur Führung fähig ist. Der eine klare Haltung und ein Gefühl für Menschen hat. Der sich für das verantwortlich fühlt, was man gemeinhin als Firmenkultur bezeichnet. „Dies alles glaubte ich bei unserer ältesten Tochter Nicola am besten aufgehoben“, schreibt Vater Leibinger in seinen Erinnerungen.

Seine Tochter wirkt immer noch ein wenig geniert, wenn man mit ihr über diese für die Familie heikle Entscheidung spricht. „Es war sicher nicht ganz einfach für alle, aber das ist schon lange kein Thema mehr“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. Sie hat schöne, dunkle Augen, einen offenen, leicht amüsierten Blick und eine ganz erstaunliche Art, zugleich energisch und entspannt zu wirken. Sie sitzt im hellblauen Kostüm und weißer Perlenkette in einem der sterilen Besprechungsräume der Firma. Der Konferenztisch wäre groß genug, um hier problemlos einen EU-Gipfel abzuhalten. „Lassen Sie uns doch ein wenig zusammenrücken“, sagt sie. „Das fühlt sich doch besser an.“

Inzwischen haben sich alle an die Frau an der Spitze gewöhnt. Und sie hat bewiesen, dass ihr Vater sich richtig entschieden hat. Die weltweite Wirtschaftskrise von 2008, als innerhalb von zwei Jahren der Umsatz um vierzig Prozent eingebrochen ist, hat sie überstanden, ohne einen einzigen Mitarbeiter zu entlassen. Stattdessen hat sie 75 Millionen Euro aus der Familienschatulle in die Firma gepumpt und die Geschäftsführer-Gehälter um zehn Prozent reduziert. Selbst als die Produktion ein paar Monate lang fast ganz zum Erliegen kam, haben sich die Leute nicht gelangweilt. Weil die Chefin sie schulen und weiterbilden ließ. Dafür war das Unternehmen, als die Krise dann vorbei war, sofort in der Lage, wieder loszulegen und in kürzester Zeit die alten Umsatz- und Gewinnmarken zu erreichen.

„Durch diese Krise habe ich begriffen, wie wichtig Flexibilität für ein Unternehmen ist“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. Das war ein Grund, warum sie am 1. Januar dieses Jahres ein neues Arbeitszeitmodell bei Trumpf eingeführt hat. Ein Modell, das in ganz Deutschland und sogar im europäischen Ausland für Aufsehen sorgt, weil es die Arbeitswelt revolutioniert.

Die 4000 in Deutschland beschäftigten Trumpf-Mitarbeiter erhalten mit dem neuen Arbeitszeitmodell eine enorme Gestaltungsfreiheit, weil sie von nun an alle zwei Jahre selbst entscheiden können, wie lange sie arbeiten wollen. Außerdem können die Mitarbeiter bis zu tausend Stunden auf ein Arbeitszeitkonto einzahlen und das Guthaben später für längere Freizeitblöcke abrufen. Selbst Sabbaticals von bis zu zwei Jahren sind möglich und können auf verschiedene Weise erarbeitet werden. „25-jährige Hochschulabsolventen möchten anders arbeiten als 40-jährige Väter oder Mütter. Wer auf den Hausbau spart, hat andere zeitliche Wünsche als jemand, der Angehörige pflegen muss“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. „Wir sehen, dass die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr mit einem Standard-Tarifvertrag abgebildet werden kann.“

Angst vor dem Machtverlust

Das neue Arbeitszeitmodell verändert mehr, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Weil es nicht nur die Entscheidungsmacht der Arbeitnehmer erhöht, sondern auch das Kräfteverhältnis der Tarifpartner insgesamt verschiebt. Die Gewerkschaften zum Beispiel sehen die Veränderungen mit einiger Sorge, weil sie Einfluss und einen Teil ihrer Daseinsberechtigung verlieren, wenn die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit künftig selbstständig festlegen. Die Arbeitgeber bezahlen ihrerseits die neue Flexibilität mit dem Verzicht darauf, die Arbeitsorganisation wie bisher alleine bestimmen zu können.

Nicola Leibinger-Kammüller sagt, der planerische Aufwand des neuen Modells sei enorm. Und ja, die Mitarbeiter werden mächtiger im Unternehmen. „Aber warum auch nicht?“, sagt sie und lächelt. Immerhin sei auch der Arbeitsmarkt von Angebot und Nachfrage bestimmt. Und es sei doch bekannt, dass die Fachkräfte immer knapper werden. Gerade bei den Ingenieuren und Software-Entwicklern, bei denen also, die den Kern ihres Unternehmens ausmachen. „Deshalb müssen wir als Arbeitgeber so attraktiv wie möglich sein. Für hoch qualifizierte Frauen zum Beispiel, die Arbeit und Familie zusammenbringen wollen. Für Ingenieure, die auch Väter oder Abenteurer sein wollen.“ Es dürfe kein Makel mehr sein, Zeit für sich selbst zu brauchen. Ein guter Job sollte so elastisch sein, dass er sich in alle Lebensplanungen einfügen lässt.

Es ist wohl kein Zufall, dass es eine Frau und Mutter ist, die eine solche Revolution in ihrem Unternehmen auf den Weg bringt. Nicola Leibinger-Kammüller weiß, was es bedeutet, Kinder und Karriere in Einklang zu bringen. „Mein Vater hätte so ein Arbeitszeitmodell nie eingeführt“, sagt sie. Warum denn nicht? „Weil er einer anderen Generation entstammt, und vielleicht auch, weil er ein Mann ist.“

Wie stark sich die Firma Trumpf in den letzten Jahren verändert hat, wird deutlich, wenn man sich zu Fuß ins gewaltige Betriebsgelände aufmacht. Da gibt es die Hallen und Gebäude aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, errichtet im biederen schwäbischen Kreissparkassen-Stil. Hier werden die Stanz- und Metallbiegemaschinen gefertigt, mit denen Trumpf den meisten Umsatz macht. Und gleich daneben stehen jetzt die neuen Produktionshallen, mit schicken, grauen Aluminiumfassaden verkleidet, das neue Vertriebs- und Entwicklungszentrum in kühler Sichtbeton-Glas-Ästhetik, gebaut von Leibinger-Kammmüllers Schwester, die als Architektin in Berlin lebt. Auch das neue Betriebsrestaurant wurde von der Schwester gebaut. Ein flacher, fünfeckiger Pavillon aus Glas und Stahl, der mit großer Anmut in der Erde zu versinken scheint.

Diese schönen, kühnen Immobilien zeigen nach außen das, was sich gerade im Inneren der Firma ereignet: ein Generationenwechsel, ein Modernisierungsschub.

Revolution fiel ins Wasser

Nur scheint die Modernisierung an den Fassaden leichter zu fallen als in den Köpfen der Menschen. Als die Trumpf-Mitarbeiter nämlich im vergangenen Januar zum ersten Mal entscheiden durften, wie lange sie denn nun künftig arbeiten wollen, fiel die Revolution erst mal ins Wasser. Von 2500 Beschäftigten am Stammsitz in Ditzingen veränderten nur fünfhundert ihre Arbeitszeit. Neunzig Prozent der Experimentierwilligen wollten mehr arbeiten. Gerade mal fünfzig Mitarbeiter waren es am Ende, die sich für mehr Freizeit entschieden haben. Hinzu kamen achtzig Kollegen, die ein Sabbatical begannen.

„Die Leute trauen sich noch nicht“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. „Die warten erst mal ab, wie sich das alles entwickelt. Wie es denen ergeht, die jetzt wirklich weniger arbeiten.“ Deshalb sei es so wichtig, sagt sie, dass keiner der mutigen Pioniere in irgendeiner Weise benachteiligt wird. Sie erzählt von einem Ingenieur, der gerade vier Monate lang mit einem Motorrad durch Mexiko fährt. „Wenn der wieder da ist und sein Abteilungsleiter ihn schräg anguckt, weil er sich diesen Traum erfüllt hat, dann bekommt der Abteilungsleiter ein Problem. Mit mir!“ Sie lässt sich in die Lehne ihres Sessels fallen, ihr Blick ist jetzt hart und entschlossen. Sie meint es ernst.

Und sie selbst? Wann macht sie denn mal Pause? „Ich?“ Sie wirkt überrascht . Dann denkt sie ein bisschen nach, ihre Augen fangen an zu strahlen. „Ich würde gerne noch mal ein halbes Jahr an die Universität. Mal nur zuhören, lernen, Zeit haben.“ Allerdings würde sie sich diesmal eine etwas komfortablere Studenten-Wohnung suchen. „Das wäre eine tolle Sache“, sagt sie dann noch ganz leise – und es ist klar, dass sie das wohl nie machen wird.

Sie ist so erzogen worden, sich selbst hintan zu stellen. Erst das Unternehmen, dann die Familie, dann ganz lange nichts. Das Erstaunliche ist, dass man sich diese Frau gar nicht egoistisch oder gemein vorstellen kann. Sie wirkt entschieden, gütig und beseelt, wie eine Nonne, die ihr abgründiges, fehlbares Ich schon lange vergessen hat. Die Geschichten, die im Hause Trumpf von einfachen Mitarbeitern völlig ungefragt über Nicola Leibinger-Kammüller erzählt werden, klingen wie die Fabeln einer Heiligen. Einer Madonna aus Schwaben.

Wenn zum Beispiel ein Angestellter schlimm erkrankt, dann sorgt sie dafür, dass er vom richtigen Arzt behandelt wird. Wenn eine Putzfrau unversehens schwanger wird und kein Geld für Kinderkleidung und Kinderwagen hat, dann lässt die Chefin das eben besorgen. Wenn eine Sekretärin rote Tulpen mag und die Vorsitzende der Geschäftsführung erfährt davon, dann stehen am nächsten Morgen die Blumen auf dem Schreibtisch.

Wenn alle Kapitalisten so wären wie Nicola Leibinger-Kammüller, dann hätte der Kommunismus wohl nie wieder eine Chance.

Sie sagt, sie hätte gesehen, wie ihre Eltern sich verhalten haben. Wie sie mit Mitarbeitern umgegangen sind. „Der Blick und der Respekt für den anderen, das war immer sehr wichtig bei uns.“ Es gibt einen Familienkodex bei den Leibingers, den jedes Familienmitglied mit sechzehn Jahren in Leder eingebunden überreicht bekommt. In dem Kodex ist festgelegt, wie man sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hat, wie mit anderen Menschen umzugehen ist, was man dem Unternehmen schuldet und welche Werte die Familie vertritt. Besonders lustig klingt das alles nicht, und man versteht, dass man schon einiges Glück braucht, um in dieser Familie glücklich zu sein.

Waschen, bügeln, kochen

Man versteht aber auch, warum dieses Unternehmen, das vom Vater zu Größe und Erfolg gebracht wurde, und das nun in den Händen der Kinder liegt, anders funktioniert, als die meisten Unternehmen in Deutschland. Warum es menschlich sein muss, um profitabel zu bleiben.

Wenn Mütter aus dem Betriebsrestaurant das Abendessen für die gesamte Familie mitnehmen können, weil Nicola Leibinger-Kammüller findet, es sei wichtig für eine Frau, von dem Stress entbunden zu sein, abends nach der Arbeit noch kochen zu müssen. Wenn Frauen ihre Wäsche im Betrieb waschen und bügeln lassen können. Wenn sogar der Wochenendeinkauf über ein zentrales Bestellsystem der Firma abgewickelt werden kann. Wenn die Firma kostenlose Kindergartenplätze bis 19 Uhr anbietet, „dann schafft das zufriedene, leistungsfähige Mitarbeiter, die ihrer Firma mit der Aufmerksamkeit begegnen, die sie selbst erfahren“, sagt die Chefin. Der Ton ihrer Stimme verrät, dass der Begriff Familien-Unternehmen hier in Ditzingen unheimlich wörtlich zu nehmen ist.

Mitten im Gespräch springt sie auf, sagt, sie müsse jetzt weg. Termine. Sie öffnet die Tür, hält noch mal inne, sagt: „Die sind irre, die Schwaben, oder?“ und läuft mit einem amüsierten Lächeln davon.

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