Wolfgang Schröder

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„Der deutsche Kapitalismus wird immer amerikanischer“, sagt Forscher Wolfgang Schroeder. Gerade darum braucht es eine neue Solidarität unter Arbeitnehmern.

Herr Schroeder, Arbeitnehmer in einigen Wirtschaftsbranchen haben eine unglaublich große Durchsetzungskraft – in anderen Branchen dagegen überhaupt keine Macht. Woran liegt das?
Jede Branche setzt sich ihre eigenen Spielregeln. Entscheidend ist die institutionelle Konfiguration der Solidarität. Damit meine ich: Ob und wie die Beschäftigten organisiert und vertreten werden. Besonders wichtig ist der gewerkschaftliche Zusammenschluss. Dabei ist entscheidend, dass die Arbeitnehmer so viel Druck aufbauen, dass sich auch die Arbeitgeber verbandlich organisieren. Denn nur so lassen sich Verhandlungen und Tarifverträge auf Augenhöhe respektvoll erreichen. Solche Strukturen sind historisch gewachsen, aber eben nicht in jeder Branche. Deshalb macht es auch Sinn vom Branchenkapitalismus zu sprechen.

Nennen Sie mir doch bitte ein Beispiel für eine gut organisierte Branche.
Besonders die exportorientierten Branchen sind in Deutschland gewerkschaftlich hoch organisiert. In der Metallindustrie etwa gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine Solidaritätsbildung von unten. Bei dem Begriff Solidarität unterscheiden wir zwischen inklusiver und exklusiver Solidarität. Die Metaller entschieden sich für die inklusive Variante. Das heißt: Nicht der einzelne Betrieb oder Beruf ist entscheidend für die Mitgliedschaft, sondern jeder, der in der Branche tätig ist, kann mitmachen. Die Metaller sind immer noch eine solidarische Branche. Exklusive Solidarität richtet sich nach dem Beruf: wie etwa bei den Piloten oder den Ärzten.

Ist eine inklusive Solidarität gesellschaftlich betrachtet besser? Das scheint mehr für Fairness und Zusammenhalt zu stehen…
Ja, natürlich. Die Exklusivität führt zu einer asymmetrischen Solidaritätspolitik, da fehlt es oft an wechselseitiger Fairness. Im Gesundheitswesen kann man das gut beobachten. Die Ärzte sind hochexklusiv und sehr gut organisiert. Sie agieren nach dem Motto „The winner takes it all“ und bekommen fast alles, was sie wollen. Die Pflege, insbesondere die Altenpflege, dagegen ist gar nicht organisiert, ihr Anteil am Kuchen ist daher sehr bescheiden. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation: Sie dürfen quasi nichts – Pfleger, die aus dem Ausland hierherkommen, sind oft schockiert, wie wenig medizinische Handgriffe sie hier machen dürfen.

Ohne eine gewerkschaftliche Organisation ist man also machtlos?
Ja, die Gewerkschaften sind der Dreh- und Angelpunkt, um als Arbeitnehmerschaft anerkannt zu werden und dauerhaft Einfluss ausüben zu können. Wer in Deutschland nicht organisiert ist, existiert als kollektiv gestaltender Akteur quasi nicht. Kommen wir noch einmal auf die institutionelle Konfiguration der Solidarität zurück: Dass Arbeitgeber sich in Verbänden organisieren, passiert aber nur, wenn die Arbeitnehmer sich zuerst organisieren. Das heißt, Arbeitnehmer müssen erst mal längerfristig unter Beweis stellen, dass sie so mächtig sind, dass die Arbeitgeber ihre Interessen nicht ignorieren können. Dafür brauchen sie natürlich viele und im Fall der Fälle auch streikbereite Mitglieder. Die müssen also nicht nur organisiert, sondern auch mobilisiert werden. Dafür braucht es stabile Organisationsstrukturen – auch um eine dauerhafte Verhandlungsfähigkeit sicherzustellen. Das ist übrigens auch ein entscheidender Unterschied zu sozialen Bewegungen, die zwar kurzfristig große Zustimmung und punktuelle Erfolge haben können; sie sind aber keine dauerhaften Verhandlungsakteure.

Kommen wir zurück zu den Pflegern. Oder auch den Erziehern, denn da scheint der Fall ähnlich gelagert zu sein. Die haben doch inzwischen wirklich viel gesellschaftlichen Rückhalt. Und trotzdem schaffen sie es nicht, wirklich bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Wieso nicht?
Was Sie hier klar erkennen: Gesellschaftliche Solidarität allein hat keinen Wert. Diese Solidarität kann nicht stellvertretend wirken. Denn wenn sich die betroffenen Beschäftigten nicht selbst organisieren, dann haben sie kein eigenes Veränderungspotenzial. Doch wenn sie einmal selbst organisiert sind, dann können sie die gesellschaftliche Unterstützung für sich nutzen, aber sonst bringt dies relativ wenig. Trägt eher zur weiteren Fremdbestimmung bei – denn es kann die Selbstorganisationskräfte auch schwächen, wenn sich die Arbeitnehmer auf der gesellschaftlichen Unterstützung ausruhen.

Wolfgang Schroeder ist Politikprofessor an der Uni Kassel. Er hat für die IG Metall gearbeitet und war Staatssekretär im Arbeitsministerium von Brandenburg. privat


Diese Berufsgruppen tun sich offenbar auch aus Verantwortungsbewusstein schwer mit Streiks. Sie wollen ihre „Kunden“ – also Pflegebedürftige oder Familien – nicht durch ihr Verhalten belasten…
Dieses Argument greift aber zu kurz. Der Verantwortung kann man mit Notfallplänen gerecht werden. Was ja auch dort passiert, wo es zu Streiks kommt. Ich habe das Gefühl, dass viele Arbeitnehmer in diesen Branchen dieses Argument auch nutzen, um die Mitverantwortung für ihre auch selbstverschuldete Ohnmacht sozusagen an der Garderobe abzugeben. Streiks stehen ja ohnehin erst ganz am Ende. Zunächst müssten diese Gruppen etwa Betriebsräte gründen oder andere Aktivitäten entwickeln, um ihre eigenen Interessen zu äußern, um ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Aber natürlich sind da auch Gewerkschaften gefordert. Sie müssen die Lage der Betroffenen verstehen, sie ansprechen und ihnen Mut machen. Das ist allerdings alles andere als einfach.

Inwiefern?
Wir haben es hier mit einem Teufelskreis zu tun. Dort wo keine Gewerkschafter sind, haben die Beschäftigten keine Ansprechpartner. Es gibt dann meist auch keine Akteure, die wissen wie es geht, die den Mut haben, Solidarität zu organisieren. Es gibt auch kein Geld, um Leute zu finanzieren, die bestimmte Dinge anschieben könnten. Insgesamt müssten sich die Gewerkschaften femininer aufstellen und sich der besonderen Bedürfnisse von Frauen mit ihren vielfältigen Doppel- und Dreifachbelastungen stärker annehmen. Denn besonders schlecht sind die Arbeitsbedingungen eben vor allem in den traditionell von Frauen besetzten Branchen. Diese zu organisieren, fällt ihnen auch historisch betrachtet schwer, denn die Gewerkschaften sind Organisationen, die im konservativen Sozialstaat großgeworden sind. Hinzu kommt, dass dort eine Mehrheit in Teilzeit arbeitet, was es erschwert, sich effektiv zu organisieren.

Sie sprachen gerade den konservativen Sozialstaat an. Können Sie das noch näher ausführen?
In unserem konservativen Sozialstaat waren die Männer erwerbstätig und die Frauen waren alleine zuständig für die privat zu organisierende Sorgearbeit. Wenn sie erwerbsförmig organisiert wurde, dann in Teilzeit und nur als Zubrot zum Familieneinkommen. In den skandinavischen Ländern dagegen gibt es einen serviceorientierten Sozialstaat. Da wurde schon immer massiv in den Dienstleistungssektor investiert. In den nordischen Ländern sind Erzieher und Pfleger deshalb auch traditionell gut organisiert und erzielen bessere Einkommen als hierzulande. Daher ist meine These: Was Erzieher und Pfleger in den kommenden Jahren an strukturellen Veränderungen für eine bessere Entlohnung, qualitativ anspruchsvollere Arbeitsbeziehungen erreichen, ist immanent wichtig für die weitere Entwicklung in Richtung eines serviceorientierten Sozialstaates. Auch daran wird sich die Frage entscheiden, ob wir es schaffen, einer alternden und sich verändernden Gesellschaft gerecht zu werden.


Müssen Unternehmen eigentlich Interesse an einer gut organisierten, solidarischen Arbeitnehmerschaft haben – oder ganz im Gegenteil daran, dass die Arbeitnehmer möglichst schwach sind?
Die Arbeitnehmer sollten eigentlich das Gold eines Unternehmens sein. Von daher müssen Unternehmen eigentlich Interesse daran haben, dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Doch die Realität sieht nüchterner aus. So gibt es Umfragen, die zeigen, dass nur etwa 15 Prozent der Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen haben. Wenn die Leistungsfähigkeit auch entscheidend von der Motivation und der Beschäftigten abhängt, ist dies keine besonders positive Ausgangsbasis. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen nicht zuletzt durch die Globalisierung und Digitalisierung angetrieben unter starkem Rendite- und Wettbewerbsdruck. Das ist ein schwieriger Spagat. Häufig beantworten Personalabteilungen diese Entwicklung leider oft zu kurzfristig. In Deutschland gibt es nur noch wenige solidarische Unternehmen.

Was verstehen Sie darunter?
Damit meine ich Unternehmen, die einen Betriebsrat haben, so dass Arbeitnehmer mitbestimmen können, und Tarifverträge, um durch Weiterbildung, Altersabsicherung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie an den veränderten Bedingungen partizipieren zu können. In weniger als zehn Prozent der hiesigen Unternehmen, die etwa 30 Prozent der Beschäftigten abdecken, bestehen diese Einrichtungen. Die Tendenz geht weiter nach unten. Die Abwärtsspirale lautet: Gewerkschaften schwächer und Arbeitgeber ziehen sich aus der Tarifbindung zurück. Perspektivisch vielleicht sogar aus dem Modell des Arbeitsvertrages. Das ist für ein Land, dass sich auf die Fahnen geschrieben hat, dass die Mitbestimmung ein zentraler Teil des wirtschaftlichen Modells ist, eine betrübliche Perspektive. Der deutsche Kapitalismus wird amerikanischer.

Streik gegen drohende Entlassungen: Ohne Gewerkschaften gehe es nicht, sagt Politologe Schroeder.


Wie ist es so weit gekommen?
Die Zunahme der gesellschaftlichen Ungleichheit seit den neunziger Jahren korrespondiert mit der Bedeutungsabnahme der Gewerkschaften. Damit meine ich nicht nur deren sinkende Mitgliederzahlen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich stark verändert – zu Ungunsten der Arbeitnehmer. Es wurde alles dafür getan, dass die Arbeitgeber flexibler sind. Befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, Outsourcing – das ist alles zur Normalität geworden. Das grenzt einzelne Arbeitnehmergruppen gezielt aus und untergräbt Solidarität. Beispiel BMW: Das Unternehmen hat dieses Jahr eine 9000 Euro Pro-Kopf-Prämie an seine Stammbelegschaft ausgezahlt, die Zeitarbeiter bekamen gar nichts. Seit Ende der achtziger Jahre schließen die Gewerkschaften zudem Tarifverträge mit Öffnungsklauseln ab, so dass es immer mehr Sonderbedingungen für einzelne Unternehmen gab. Zuvor hatte es eine allgemeine Tarifpolitik für alle Betriebe gegeben. Die Gewerkschaften haben dadurch viel Macht eingebüßt. Die Mitarbeiter orientieren sich immer mehr am einzelnen Betrieb und weniger an der gesamten Branche.

Was müsste der Gesetzgeber tun, damit das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt?
Erstens müsste die Flexibilisierung der Betriebe durch eine arbeitnehmerorientierte Flexibilisierung ergänzt werden. Dazu gehört auch, dass die Zeitarbeit fairer behandelt wird, die Bedingungen für Teilzeitbeschäftigte sich verbessern – damit sie sich auch leichter organisieren können. Durch eine verhandelte Flexibilität könnte die Basis für eine partnerschaftlichere Gesellschaft zwischen den Geschlechtern gelegt werden. Zweitens wäre das Leitbild des konservativen Sozialstaats aufzulösen, indem der Aufbau einer solidarischen Infrastruktur forciert wird. Da ist zwar schon einiges geschehen, aber es muss weitergehen. Außerdem braucht es mehr Unterstützung für Alleinerziehende und klarere gesetzliche Regeln für die Weiterbildung.

Wie kommen Sie jetzt auf das Thema Weiterbildung?
Man muss heutzutage davon ausgehen, dass die Ausbildung einen Arbeitnehmer nicht mehr durch sein gesamtes Berufsleben trägt. Die Welt ändert sich insbesondere durch die Digitalisierung rasant. Damit alle die gleichen Chancen haben und viele nicht abgehängt werden, muss Weiterbildung mit den anderen Ausbildungsstufen von der Grundschule bis zur Hochschule gleichgestellt werden, jedem offen stehen und vom Ausnahme- zum Regelfall werden. Eine so beschaffene Infrastruktur ist ganz zentral für eine solidarische Gesellschaft.

Interview: Nina Luttmer

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