Keine tiergerechte Haltung: eine Sau eingezwängt im sogenannten Kastenstand. 
+
Keine tiergerechte Haltung: eine Sau eingezwängt im sogenannten Kastenstand. 

Tierhaltung

„Das macht kein Schwein glücklich“

  • Marina Kormbaki
    vonMarina Kormbaki
    schließen

Grünen-Chef Robert Habeck über den Systemwechsel bei der Haltung von Sauen, lange Übergangsfristen und untätige Agrarminister.

Grünen-Chef Robert Habeck verteidigt die Zustimmung der Grünen im Bundesrat zum Kompromiss über die Sauenhaltung in Deutschland. In acht Jahren würde der enge Kastenstand bei der Besamung der Tiere Geschichte sein. Erst die Standhaftigkeit der grün regierten Länder habe einen unzureichenden Kompromiss zu einem tragbaren gemacht, sagt Habeck im Interview.

Herr Habeck, der Bundesrat schränkt mit Grünen-Stimmen die Zwangshaltung von Sauen in Käfigen ein – nach einer Übergangsfrist von bis zu 17 Jahren. Ist das Ihre Vorstellung von der Agrarwende?

Die Übergangsfrist für den Kastenstand im Deckzentrum – also dort, wo die Sauen nach der Besamung bis zu 28 Tage lange fixiert werden – beträgt acht Jahre. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied: Nach diesen acht Jahren ist dieser Kastenstand in Deutschland Geschichte. Dann leben die Sauen in einer Gruppe und werden für die Besamung nicht mehr wochenlang einzeln eingepfercht. Dafür haben Tierschützer lange gekämpft, damit ist ein Systemwechsel eingeleitet, das haben wir erreicht. Aber ja, das ist nur ein Anfang.

Sauen müssen wieder in Käfige, wenn sie ihre Ferkel gebären. Daran ändert sich laut Verordnung bis zu 17 Jahre lang nichts.

Es gibt zwei Sorten von Kastenständen: erstens den im Deckzentrum. Er stand im Mittelpunkt der neuen Verordnung, um ihn ging es in dem Urteil, das die Bundesregierung zum Handeln gezwungen hat. Zweitens den im Abferkelzentrum – da, wo die Sauen ihre Ferkel bekommen. Dort liegen sie unter einem Gitter, wo sie sich umdrehen und auf der Seite liegen können, aber nur gegen den Widerstand dieses Gitters, damit sie die Ferkel nicht erdrücken. Hier wird die Zeit, in der die Sauen liegen, auf wenige Tage reduziert. Für die nötigen Umbauten wurde eine Übergangsfrist von 15 Jahren plus zwei Jahre in Härtefällen vereinbart. Das ist für uns nicht zufriedenstellend. Aber ohne diesen Kompromiss hätte sich praktisch überhaupt nichts geändert. Dann ginge es keiner Sau wirklich besser.

Laut Verordnung müssen die Landwirte den Tieren in der Übergangsfrist nicht ermöglichen, sich ungehindert auszustrecken. Ist das etwa keine Tierquälerei?

Wenn wir ehrlich sind, macht das gesamte Haltungssystem kein Schwein glücklich. Es formt die Tiere nach der Haltung und nicht die Haltung nach den Tieren. Und auch das Urteil des Magdeburger Oberverwaltungsgerichts von 2015 blieb in diesem System: Die Sauen sollen sich auf die Seite legen und die Beine ausstrecken können, aber eben im Kastenstand. Wenn man das Urteil einfach umsetzt, gibt es weiter Kästen, nur etwas größere. Das hat uns nicht gereicht. Schweine sind soziale Wesen, sie brauchen einander, sie müssen in Gruppen leben können. Wir wollten deshalb keine größeren Kastenstände, sondern ein Ende des Kastenstandes. Das ist aus Tierschutzsicht wichtiger. Dafür nehme ich lieber eine Übergangsfrist in Kauf, statt nur innerhalb eines ohnehin falschen Systems rumzudoktern. Und in der Tat, fürs Erste ragen die Beine der Sau jetzt in die Box der Nachbarsau. Das ist der Kompromiss, ohne den ein Einstieg in die Gruppenhaltung nicht möglich gewesen wäre.

Die Landesregierungen mit grüner Beteiligung haben eine absolute Mehrheit im Bundesrat. Warum haben sie die Pläne nicht gestoppt?

Zur Person: Robert Habeckist seit dem 27. Januar 2018 gemeinsam mit Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Grünen. 2009 zog Habeck über die Landesliste der Grünen erstmals in den schleswig-holsteinischen Landtag ein und wurde Fraktionsvorsitzender. Von 2012 bis 2017 war er dort Landesminister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt. Nach der Landtagswahl 2017 übernahm er das leicht veränderte Ressort wiederum - allerdings nur für knapp ein Jahr, bis er nach der Wahl zum Bundesvorsitzenden der Grünen zurücktrat.

Vor vier Wochen lagen Pläne des Bundeslandwirtschaftsministeriums vor, die keinen Ausstieg aus dem Kastenstand vorsahen. Die haben wir gestoppt, zum Ärger von CDU und CSU. Erst die Standhaftigkeit der grün regierten Länder hat den unzureichenden Kompromiss zu einem tragbaren gemacht.

Warum sind in einer Zeit, da sich Bürger empört und angeekelt abwenden von der Fleischproduktion, keine raschen, grundlegenden Veränderungen möglich?

Seit dem Jahr 2001 steht fest, dass sich in der Sauenhaltung etwas ändern muss. Damals noch unter der grünen Bundeslandwirtschaftsministerin Künast. Es folgten vier Agrarminister und Agrarministerinnen der Union, die gar nichts geändert haben, bis sie gerichtlich dazu gezwungen wurden. Im Kern haben die Grünen im Bundesrat eine Mehrheit, um zu verhindern. Aber gestalten ist schwierig, wenn Union und SPD nicht mitziehen. Deshalb ist das, was am Freitag beschlossen wurde, ein guter erster Schritt für einen kleinen Teilbereich der Nutztierhaltung in Deutschland.

Nicht alle Grünen stimmten dem Kompromiss zu – die Berliner Grünen klagen dagegen. Warum verfolgt Ihre Partei keine klare Linie?

Doch, die haben wir – vom Parteivorstand über die Bundestagsfraktion bis hin zu den Ländern. Die Grünen sagen mit übergroßer Mehrheit, dass die neue Verordnung ein guter erster Schritt für mehr Tierschutz ist. Der Deutsche Tierschutzbund und viele andere Organisationen geben uns recht. Zur Abstimmung im Bundesrat: Berlin hat eine Klage beim Bundesverfassungsgericht zur Überprüfung des Sauenstandes eingereicht, deshalb halten sie sich zurück.

Sehen Sie den Verbraucher in der Pflicht, zur Verbesserung der Haltungsbedingungen beizutragen?

Jeder sollte sein Einkaufsverhalten entsprechend seiner ethischen Vorstellung ausrichten. Aber es braucht keine besseren Menschen, es braucht bessere Politik. Die ist unter der Führung von Julia Klöckner im Bundeslandwirtschaftsministerium nicht möglich.

Interview: Marina Kormbaki

Kommentare